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"Und denken Sie gar nicht an den armen Joel?" sprach leise Valerius.

Hedwig errötete, schlug die Augen nieder und sagte nach einer Weile mit noch leiserer stimme: "Ach der arme Joel! – Aberach, was weiss ich."

Als die Tafel aufgehoben wurde, geleiteten die beiden jungen Männer Hedwig an den Wagen, sie war müde und schläfrig, und sagte ihnen kaum "Gute Nacht." Beide stiegen die Treppen wieder hinauf, da begegnete ihnen jener alte Schnurrbart, den Stanislaus während des Essens unablässig betrachtet hatte. Es war ein bejahrter stattlicher Mann, sein hartes und stolzes Gesicht war von einem starken grauen Knebelbarte beschattet, einem feineren Beobachter entgingen aber jene Winkel seiner Züge nicht, in welchen eine lauernde Verstellung, oder List oder Geschmeidigkeit kauerte; es war nicht leicht, das richtige Wort dafür zu finden. Seine Kleidung war sehr einfach und unscheinbar, aber national, der Bediente reichte ihm einen alten Militärmantel, und Stanislaus, der sich schnell bei seinem Freunde verabschiedete und mit jenem Alten die Treppe wieder hinabstieg, nannte ihn "Herr General."

Es kamen indes mehr Gäste, die sich entfernten; Valerius fürchtete, seine schöne Landsmännin nicht mehr zu finden, er liess sich keine Zeit, nach dem Namen dieser Erscheinung zu fragen, die ihm interessant war.

Die Fürstin ging im saal auf und nieder, umringt von einer Menge polnischer Herren. Ihre Schönheit hatte die lebhaften Männer angezogen, und ihr gewandter Geist spielte mit den feurigen Huldigungen, welche diese Nation mit dem ihr eigenen ritterlichen Ungestüm darbrachte, und immer eifriger darbrachte, je spröder, leichter und vornehmer die Fürstin dergleichen aufnahm. Keiner sah sich sonderlich beachtet, jeder war zuversichtlich, und ihr Eifer, die Aufmerksamkeit der reizenden Frau zu fesseln, wurde immer lebhafter, je weniger Konstantie davon Notiz nahm. So bildete sich jene stürmische Unterhaltung um sie her, wo im grund niemand Anteil an dem gegenstand des Gesprächs nimmt, obwohl alle dafür zu glühen scheinen, jene Unterhaltung des Egoismus, wo nur jeder hervorzutreten trachtet.

Valerius hörte eine Zeitlang hin und folgte mechanisch der Gruppe; die Fürstin sah ihn nicht, und es schien ihm, als läge ein ungewöhnlicher Ernst auf ihrem gesicht, ein Ausdruck von Kummer, den er niemals auf diesen ungetrübten Formen erblickt hatte. In der Mitte des Saales wartete er, bis die Gruppe vom andern Ende wieder zurückkam, dann ging er ihr entgegen. Denn die Flanken dieser Schlachtordnung waren so stark besetzt, dass man zu der belagerten Festung nicht durchzudringen vermochte. Konstantie lächelte, als sie ihn kommen sah, es lag Freude, Wehmut und auch etwas Stolz auf den schönen Lippen. "Apropos," rief sie ihm entgegen, "ich habe Briefe von Ihren Freunden aus Deutschland für Sie mitgebracht," und nach diesen Worten sagte sie den Herren "Gute Nacht," ergriff den Arm des Grafen Kicki, und verliess den Saal. Valerius ging ebenfalls nach seinem Mantel; der Gedanke an die deutschen Briefe erfüllte seinen Geist, und träumerisch stieg er die Treppe hinab. "Gute Nacht, lieber Träumer," flüsterte kaum hörbar eine deutsche stimme neben ihm. Als er sich ermunterte, sah er den Grafen und die Fürstin vor sich hineilen, und ein Schwarm von jener Gruppe aus dem saal stürmte an ihm vorüber nach der Tür. Dort schwangen sie sich rasch auf ihre Pferde und begleiteten den Wagen Konstantiens. Diese ungewöhnliche Courtoisie machte einen angenehmen Eindruck auf Valerius. Man sieht gern das Heimische geehrt in der Fremde. Er glaubte wenigstens, dies sei der Grund seines Wohlgefallens an dieser Szene.

16.

Es war spät in der Nacht, aber der Mond schien noch in lichten Strahlen. Valerius war so erfüllt von Gedanken, Träumen, unklaren Wünschen, dass er seine wohnung noch nicht suchen mochte. Er wanderte durch die stillen Strassen und war bald wieder auf der Weichselbrücke. Wie so ganz anders sahen ihn jetzt die Wellen des Flusses, die Sterne, die Mondesstrahlen, die dunkel gewordenen Fenster der Paläste an; denn die äusseren Dinge erhalten erst ihre Augen und ihre Sprache von unserem Herzen. Selbst die trüben weltgeschichtlichen Gedanken, die ihn vor wenig Stunden hier zu Boden drückten, sie waren verschwunden, und wenn er sie herbeirief, so lächelten sie, als hätten sie ihren Scherz mit ihm getrieben.

"Es ist wirklich eine Maskerade," sprach er vor sich hin, "dies wunderliche Leben bis in das geheimste Treiben unserer Gedanken hinein, und es kommt nur auf die Beleuchtung an, ob sie ein schauerliches oder ein lustiges Ansehen haben soll. Solch eine gewöhnliche Redensart: Das Leben ist eine Maskerade, und doch so tief und so richtig! Im grund sind in den vulgärsten Sprichwörtern und Phrasen alle Wahrheiten längst aufgefunden, und es ist töricht, sich darum zu quälen. Man verliert sein Leben, und die Welt gewinnt nichts Neues."

Aber sein grübelnder Charakter verliess ihn auch in diesem Augenblicke nicht, auch von seinen glücklichen Momenten verlangte er Rechenschaft. Er erinnerte sich einer Zeit, wo diese Fürstin Konstantie einen durchaus ungünstigen Eindruck auf ihn gemacht hatte: ihr männlicher Stolz, ihre Keckheit, des Lebens Freuden wie eine Titanin an sich zu reissen, hatte ihm missfallen, entschieden missfallen. Und er konnte sich doch nicht leugnen, dass ihre plötzliche Erscheinung ihn jetzt mit einer Art Zauber überwältigt hatte. Aber er leugnete sich's. Stanislaus und der tiefe blick, den er in