sei, und solange sie nicht vom Gegenteil überzeugt ist, wird ihr der Mann nicht völlig gleichgültig. Das Lieben und Geliebtwerden ist nun einmal unser Element – natürlich ist es dabei nicht immer auf Liebesverhältnisse abgesehen, was man so zu nennen beliebt, sondern nur auf die Frage des Interesses oder der Gleichgültigkeit. Ich bin aufrichtig und sage, was die meisten Frauen verschweigen. Sie können nun aber auch meinen Beobachtungen Glauben schenken und sie der Berücksichtigung wert achten – lieben Sie jenes Mädchen, oder sind Sie auf dem Wege sie zu lieben? Geschwind, ohne Ausflucht."
Valerius lächelte und gestand, dass ihm Hedwig heute zum erstenmal als ein schönes Mädchen aufgefallen sei, übrigens drückte er nicht ohne eine leichte Ironie der Fürstin seine Verwunderung aus über solch ein plötzliches und ungewöhnliches Verhör.
"Ich glaube' es," fiel sie ihm schnell in die Rede, und eine leichte Röte flog über ihr Angesicht, "ich glaube' es; Historiker wie Sie, begreifen das nicht. Das sind die Staatsangelegenheiten der Weiber, in diesem Fache müssen wir von allem genau unterrichtet sein; wir haben auch unsere historischen Interessen. Wer wird auch so ungezogen sein und eine Dame gleich bei der ersten Begrüssung fragen, was sie plötzlich aus Deutschland nach Polen geführt habe. Sie müssen sich diplomatisch ausbilden; nach dem Zweck und Ende fragt man wie billig eben am Ende, wenn man sich die Hand zum Abschiede drückt. Ich langweilte mich in Deutschland, mein lieber Landsmann, ich sehe die Menschen am liebsten in ihren Leidenschaften, da tritt alle Schönheit, aller Rest von Göttlichkeit hervor, da ist das Leben aus dem Sumpfe der Gewöhnlichkeit erhoben, ich habe nicht Lust, meine Jugend reizlos hinzubringen; die Zeit kommt früh genug, wo man nicht mehr reizt, nicht mehr gereizt wird, und nichts Besseres tun kann als lesen und denken und philosophieren und Befriedigung und Ruhe nach innen und aussen suchen. Was mir Interesse verspricht, das such' ich auf; wenn Sie durchaus Tugend haben wollen, nun wohl, ich halte das für Tugend, Gottes Welt so schön zu finden, als es unsere Kräfte nur immer erlauben.
Also Sie kennen dies Mädchen schon länger? Erzählen Sie mir doch, was Sie hier für ein Leben getrieben haben; armer Mann, der schwere Hieb über den Kopf konnte Sie töten. So viel ist doch die Geschichtskenntnis nicht wert. Freilich, was ist der Mann, der nicht mit dem Leben zu spielen vermag; Sie haben ganz recht, und die Schmarre und der Schnurrbart stehen Ihnen gut. Bei solchen denkenden Leuten haben die Beweise des männlichen Mutes etwas Rührendes, bei den leeren Köpfen sieht es leicht so aus, als gehörte das zum Handwerk. Aber Sie müssen noch leiden, die Wunde hat noch ein frisches Ansehen, ein ganz frisches, Sie Armer. Nicht wahr, Sie werden dem Kicki folgen, und sich eine Zeitlang schonen, nicht wahr? Es ist mir ganz neu an Ihnen, dass Sie so freundlich lächeln und eine schwatzhafte Frau so liebenswürdig anhören können.
Indessen, mein junger Landsmann, Sie müssen ein anderes Leben hier beginnen, wenn Sie nicht in vage, gefährliche Verwirrnisse geraten wollen. Wo waren Sie heute abend, ehe Sie so spät in diesem saal erschienen?"
Valerius sah sie verwundert an.
"Im 'patriotischen Klub' waren Sie, mitten unter den wildesten, exaltiertesten Demokraten, mit denen in kurzem der offene Kampf losbrechen wird; lassen Sie diese ultrademokratischen Dinge, die Ihnen gar nicht einmal so natürlich sind, als Sie glauben. Sie haben sich vielmehr diese Grundsätze als eine Art von Tugend a n g e e i g n e t , weil Sie aus Trieb nach Charakterstärke eine Art Schwärmer sind, ein Systematiker."
Hier unterbrach der Graf Kicki die Fürstin und führte sie zur Tafel. Valerius stand überrascht von all den plötzlichen Erscheinungen, die wie ein lustiges Gewitter über ihn hereingebrochen waren, und bemerkte es kaum, dass Hedwig und Stanislaus zu ihm traten, und dass das fröhliche Mädchen über seine Geistesabwesenheit lachte. Aber er fühlte es mit innigem Behagen, als sie ihren Arm in den seinen legte. Den andern reichte sie Stanislaus und unter ihren Scherzen und liebenswürdigen Vorwürfen, dass der Herr von Valerius sie auf eine abscheuliche Weise ignoriert und kaum von weitem gegrüsst habe, kamen sie in den Speisesaal. Die Fürstin sass nicht weit von ihnen, und ihre Augen sahen mit einem seltenen Gemisch von Wehmut und Lebhaftigkeit auf den jungen Deutschen, wenn er angelegentlich mit Hedwig plauderte, und wenn seine Augen mit unverhehltem Wohlgefallen auf den Zügen des glänzenden Mädchens ruhten. Sie sass dicht neben ihm, und wenn sie eilig eine Bemerkung mitzuteilen hatte, da war ihre rote Wange, ihr fröhlicher, kleiner Mund so dicht an dem bleichen gesicht des Nachbars, dass selbst ein unbefangener Zuschauer hätte glauben können, statt der Worte würden einmal plötzlich Küsse gewechselt werden.
Stanislaus sass ohne Aufmerksamkeit für die beiden schwatzenden Leute neben ihnen. "Ich bin nur neugierig," sagte Hedwig, "was aus uns beiden Verlobten werden soll, wenn wir immer so wenig Zeit füreinander haben, sehen Sie nur, wie Stanislaus unverwandten Auges da hinüber guckt nach jenem alten Schnurrbart, ich wollte, Sie wären mein Verlobter, Valerius, Sie erzählen mir doch hübsche Geschichten, aber sind Sie auch so gut, so gut und lieb wie Stanislaus? Sie glauben es nicht, wie sehr er's ist, wie sehr