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des Daseins auszukaufen, und auch den äussersten noch für eine Freude zu erbeuten. Dieses Element imponierte Valerius, dem Sklaven der Zukunft, über die massen. Er glaubte darin den Sieg eines starken Herzens über alle Äusserlichkeit zu sehen, und erregt von glücklicher Teilnahme stand er an die Wand gelehnt, dem fröhlichen Treiben zuschauend.

Der Masurek ging zu Ende, die Tänzer drängten sich durcheinander, Valerius fühlte sich bei der Hand ergriffen; es war Graf Stanislaus, der vor ihm stand und ihn auf das herzlichste begrüsste. Alle schönen Elemente, die man an den Polen bemerkt, wenn sie im bewegten Kriege oder auf der raschen Reise an uns vorüberfliegen, alle diese einnehmenden ritterlichen Vorzüge besass der junge Graf. Er war hoch, schlank und schön, sein Haar glänzte in jener polnischen Mittelfarbe zwischen blond und braun, und ein solcher Flaum flog kraus über seine Wangen und Lippen hinweg. Mehr als gewöhnlich drückte sich der Nationalzug einer leichten Melancholie in seinem Antlitz aus, und Valerius fühlte ihm gegenüber zum ersten Male das gesellige Vertrauen, welches zu offener, rückhaltsloser Mitteilung ermutigt. Diesen wesentlichen Reiz im Umgange mit Deutschen hatte er bis jetzt in diesem land völlig entbehren müssen: alle Menschen, denen er begegnet war, hatten ihm entweder eine leichtsinnige Oberflächlichkeit, oder eine verstekkte, misstrauische Art des Wesens bekundet, und wenn er sich darin geirrt hatte, so war er doch von niemand vertraulich, mitteilend angeregt worden. Joel war viel zu sehr mit eigenem Leid bedeckt, als dass man ihn noch hätte zur Teilnahme an solchen feineren Dingen auffordern können, wie es nationale Unterschiede, historische Richtungen für einen jungen Menschen sein mussten, der mit den ersten Lebensbedingungen des Herzens und der Gesellschaft zu kämpfen hatte.

Man darf sich also nicht verwundern, wenn Valerius tief aufatmete, als er solch ein Zutrauen weckendes Leben bald nach den ersten Worten der Begrüssung in seinem neuen Bekannten entdeckte. Er fühlte sich nun plötzlich nicht mehr allein in dem fremden land, und nun schien es ihm auch schnell, als ob dies der einzige Grund seiner bisherigen Missstimmung gewesen sei.

Starke Menschen sind nur zu geneigt, tiefe, chronische Krankheiten ihres Geistes und Herzens wegzuleugnen, sobald sie irgend eine äussere Veranlassung entdecken, welcher sie das innere Unbehagen ihres Wesens zur Last legen können. Es ist gewiss wahr, dass Nationalitäten, die so wenig Berührungspunkte haben, als die deutsche und polnische, die unbequemsten Zustände erzeugen können, wenn der Vertreter der einen Landesart plötzlich mitten in das andere Land geworfen wird. Aber die Krankheit des Valerius lag tiefer. Dem sei nun wie ihm wolle, er glaubte einen vermittelnden Genius zwischen den verschiedenen Volkssitten in Stanislaus gefunden zu haben; er gab sich ihm mit aller Schwärmerei einer so unerwarteten Freude hin, und so wie Gleiches immer Gleiches erzeugt, ward auch des jungen Grafen Herz durch solche Wärme immer offener und liebender; sie strichen Arm in Arm im saal auf und nieder, und redeten sich bald so tief in Interessen und Freundschaft hinein, dass sie, Tanz und Gesellschaft vergessend, in die Seitenzimmer traten, um ungestört über Herzen und Völker sprechen zu können.

Graf Stanislaus gehörte zu der jungen Generation Polens, die in vielem wesentlichen abweicht von dem überlieferten Begriffe, den wir von diesem volk haben. Schon von der ersten Teilung Polens datiert ein neues Moment der Bildung in Polen. Der einheimische Jammer trieb sie auf Reisen. Mancher neue Bildungsstoff kam mit den Heimkehrenden zurück. Aber die Umgestaltung des innersten Wesens eines Volkes macht sich nicht durch einige Reisende, jener slawische Grundstoff einer gewissen Wildheit war nicht im Handumwenden zu beseitigen, und die äusseren Einwirkungen liessen einer tieferen Läuterung des Volkscharakters keine Zeit. Die Teilungen des Landes nahmen alle Kräfte gegen aussen in Anspruch. Indes offenbarte sich schon damals in der Konstitution vom 3. Mai 1793 jenes neue Zivilisationsmoment, von welchem hier die Rede ist, und der Hauptvertreter dieser neuen polnischen Richtung erschien in dem sanften und milden Taddäus Kosciusco. Schon damals bildete sich eine preiswürdige Mehrheit, welche alle Forderungen der Humanität zu berücksichtigen, die barbarischen Überreste der polnischen Gewohnheiten zu vernichten und das Volk aus der Knechtschaft zu ziehen trachtete. Dieser Keim ist nicht untergegangen; die fortwährenden Stürme, welche das Land heimsuchten, haben seine besten Männer in allen Ländern Europas umhergeführt, und als die Revolution von 1830 ausbrach, fand sie eine Schar im Unglück gebildeter Polen, welche aller neuen Erfindungen der Zivilisation mächtig, und über die alten Nationalvorurteile hinausgehoben waren; ja sie fand eine Jugend, welche nicht nur für die Freiheit, sondern auch für alle Forderungen einer modernen Humanität schwärmte.

Zu dieser Jugend gehörte Graf Stanislaus. Und dieser junge Mann gestand dem Valerius, dass er nur in den Stunden des Siegesrausches an ein glückliches Ende dieses Kampfes glaube. Und dabei trat jener polnische Schmerzenszug wie das tränenweiche Gesicht eines Mädchens auf seine Züge, in seine Augen. "Die Revolution," sprach er, "hat uns übereilt, noch liegen alle Bestandteile eines neuen Volkslebens chaotisch in uns durcheinander, noch ist die persönliche Eitelkeit, unser Erbübel, zuwenig gebrochen von der uneigennützigen Bildung, die ungeordneten massen unserer bedeutendsten Kräfte werden sich in den Weg treten, und vereinzelt überwunden werden."

Bei diesen Worten, welche Valerius mit tiefer Trauer anhörte, waren sie wieder an die Tür gekommen, die in den Saal führte. Vom Orchester herab rauschte eine Polonäse. Das ist der polnische Nationaltanz, welcher den ganzen Stolz des Volkscharakters ausdrückt, eine üppige Erinnerung an die früheren patriarchalischen Zustände