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Umgestaltung, verlangte durchgreifende Reformen gegen die Aristokratie des Landes auf der einen Seite und schonungslose Allgemeinheit der Bewaffnung durch alles Volk, das polnisch spräche.

Valerius ward an den Jakobinerklub in Paris erinnert, und als er den Redner verlangen hörte, dass man aufräumen müsse unter all den Leuten, an welchen der leiseste Verdacht des Russentums hafte, da stieg das blasse Angesicht des steinernen Saint-Just vor seinen Blicken auf, und jenes entsetzliche Wort suspect, suspect, das Losungswort der Schreckenszeit, schwirrte um seine Ohren.

Diese Erscheinung unumwundener Sprache bei einem allgemeinen Charakter, wie er sich eben an jenem ersten Redner und jenen insurgierenden Bauern herausgestellt hat, darf nicht verwundern. Der Mut ist keinen Gesetzen unterworfen, und jener tollkühne Mut belebte einen grossen teil der damals tätigen polnischen Jugend, die sich im vierten Regimente konzentrierte. Jener Mut übersprang selbst die national gewordenen Eigentümlichkeiten.

Diese Rede erregte einen tosenden Lärm, und sie ward eigentlich nicht zu Ende gebracht, sondern der immer höher steigende Sturm übertäubte siees lebe Driwieckider Name des Rednerses lebe Polen! brauste der Lärm durcheinander, und besänftigte sich nur zur Regelmässigkeit, indem er in den donnernden Gesang des bekannten Volksliedes: "Noch ist Polen nicht verloren" überging.

Valerius sah die Bauern ausser sich vor Bewegung, Tränen liefen ihnen in die Bärte, und sie umarmten und küssten sich stürmisch.

Er wollte den Saal verlassen. Unweit der Tür sah er im Dunkeln einen Mann stehen, der abgesondert von allen übrigen dem Sturme der Begeisterung nicht nachzugeben schien. Valerius ging dicht an ihm vorüber. Es war der Schmied. "Gut Nacht, Florian, freust du dich nicht bei solchen Dingen?" – "Es kommen ernste zeitengute Nacht, Herr!"

Dem Valerius schien es, als folge ihm sein Nachbar, der Mann im weiten Mantel. Als er sich aber vor dem haus umblickte, gewahrte er nichts. Hastig eilte er nach dem haus des Grafen Kicki.

15.

Auf Flur und Treppen rannten gallonierte Bediente hin und her. Alles war licht und hell, die Musik tönte aus dem saales war ein ganz anderes Element, in welchem sich Valerius wieder fand. Sein empfängliches Wesen nahm auch willig die neuen Eindrücke auf. Seit er das feste Steuer seiner Lebensrichtung verloren hatte, hielt er es fürs Beste, sich dem Leben anzufügen, wie es sich eben darbiete, sein Schifflein schwimmen zu lassen, wie es der Strom treibe. Aber seine natur widersprach diesem Vorsatze faktisch alle Tage, sie fügte sich nicht so schnell als seine Einsicht. Von jeher gewohnt, zwischen festen grundsätzen einherzuschreiten, lehnte sie sich jetzt täglich auf, und verlangte die alte Prüfung, den alten Kritizismus. So erziehen sich die besonnenen Menschen die aufmerksamsten und zuzeiten störendsten Schulmeister in ihrem Busen, und es mag oft ein leichtsinniger Mensch eher gesetzt und besonnen werden, als ein gesetzter leichtsinnig. Jener leichte Sinn war es wenigstens, nach welchem Valerius so sehnlich verlangte, bisher immer umsonst verlangte.

Diesmal trat er aber wirklich heiterer als gewöhnlich in den Saal. Der Anblick eines Balles war ihm von jeher angenehm. Die zur Freude versammelten Menschen, die zur Freude geputzten Damen, die zur Freude herausfordernde Musik gewährten ihm immer den besten Eindruck. Es stimmte auch völlig zu seinen Ansichten, die Fröhlichkeit, den heitern Genuss zu erzeugen nach allen Kräften. Durch diesen Kanal der sogenannten Lebensphilosophie hatte nun einmal alles zu ihm dringen müssen, und wenn er auch jetzt anfing, dieses gemachte Wesen mit Unzufriedenheit anzusehen, wenn er sich auch lebhaft nach jener Unbefangenheit sehnte, die allen Reiz der Unmittelbarkeit über uns schüttet, so konnte er sich doch, wie gesagt, nicht so schnell seiner Vergangenheit entäussern; er musste es geschehen lassen, dass der eben auf ihn anbringende gefällige Eindruck zum teil in früheren Lehrsätzen seinen Ursprung hatte.

Es war aber auch wirklich ein erheiternder Anblick, der sich ihm darbot. Die polnischen Damen, berühmt durch die frische, lebendige Schönheit, jubelten in ihren stürmischen Nationaltänzen umher, der elastische Takt des Masurek hob sie wie beflügelt über den glatten Boden hin, die blitzenden Augen leuchteten siegestrunken, alle Bewegungen der weissen arme waren kühn und schönes war der Triumph des Vaterlandes, den sie tanzten. Man sah es, dass alle Kräfte und Fähigkeiten höher gespannt waren als im Alltagsleben, und wenn sich zuweilen jene einzelnen melancholischen Klänge ankündigten, die fast in keiner polnischen Nationalmusik fehlen, so dienten sie nur dazu, das Übermütige der Lust, wie es an vielen Orten emporschlug, in milde Poesie zu wandeln. Man sah es, dass ein wirkliches fest gefeiert wurde, dass eine gemeinschaftliche Seele durch alle wogte, und solch eine Freude teilt sich mit und dringt auf alles ein wie die erquickende Frühlingsluft, die an einem sonnigen Tage über ein Land daher zieht. Valerius fühlte sich plötzlich von einer so überschwellenden Bewegung ergriffen, dass er hätte aufjauchzen mögen vor Freude. Er glich damals in allem einem Bergstrome, der heute bis auf den Grund vertrocknet, morgen brausend über die Ufer schlägt, wenn ein warmer Regen in seine Schneeberge gefallen ist.

Die Polen gewährten in ihrer kurzen Periode der Unabhängigkeit eine merkwürdige Erscheinung. Mit ihrem liebenswürdigen Leichtsinne genossen sie die plötzlich erschienene Freiheitoft stand der Feind nur einen Kanonenschuss von ihnen entfernt, und sie jubelten und jauchzten, als ob sie in alle Ewigkeit gesichert wären. In allem Glanze erschien damals jene nationale Poesie sanguinischer Völker, jeden Augenblick