für den eigentlichen Zweck, für die Verhältnisse des Augenblicks keine Kraft übrig bleiben. Aber dieser Glaube war sehr irrtümlich. Die stimme wurde stärker, wie ein Baum, der immer höher wächst, und so wie dieser immer breiter um sich greift mit seinen Zweigen, so schien auch diese stimme immer tiefer in die Herzen der fernsten Zuhörer zu greifen. Es war eine Stille im saal, dass man den Fall einer Nadel gehört hätte; auf allen Gesichtern war die höchste Spannung zu lesen. Die Bauern neben Valerius schienen kaum zu atmen, und so erreichte die Rede ihren Höhepunkt bis zum Ausbruch der neuesten Revolution, die noch mit den lebendigsten, blutvollsten Worten dargestellt wurde. Da hörte sie plötzlich auf, der Redner machte eine Pause. Der Eindruck war über jenen hinaus, wo der Beifall der Zuhörer losbrechen kann, diese waren selbst über den Raum hinausgehoben, und nicht ein laut unterbrach die feierliche Stille.
Der Redner schien auch diese Art der Anerkennung zu verschmähen, denn mit viel schwächerem, aber noch völlig festem und gewandtem Tone sprach er nun über die neuesten Tage. Im Anfange der Rede waren dem aufmerksamen Zuhörer manche kleine unbedeutende Sätze begegnet, die mit dem folgenden in geringem oder gar keinem Zusammenhange zu stehen schienen. Sie betrafen meist die Verhältnisse der niedrigsten Stände und schienen mehr nebenbei vom Redner hingeworfen zu sein, um einen teil seiner Zuhörer, die in Schafpelzen und ohne Halstuch gekommen waren, nicht ganz leer ausgehen zu lassen. Aber all die kleinen Sätze wurden in diesem letzten teil der Rede sorgfältig aufgehoben, zusammengerückt, überund unterbaut, dass man plötzlich ein massives Gebäude der Volksfreiheit vor sich sah, und im ersten Augenblicke stutzig war, wie es so plötzlich fest in allen Teilen aus der Erde habe wachsen können. Es war aber in diesem Abschnitte der Rede alles so fein schattiert, so schnell und gewandt ausgedrückt, dass das Ganze wie ein Luftschloss vorübergaukelte, und der eifrige Aristokrat hätte es anhören können, ohne zum klaren Bewusstsein zu kommen, wie seine innersten Meinungen hastig mit Erde verschüttet würden. Die Argumente, die historischen Data flogen wie das Weberschifflein und die Einschlagfäden vor den Augen durcheinander, und das Gewebe war fertig, dicht und dauerhaft, ohne dass der Zuhörer Absicht und Weise hatte beachten können. Man konnte in der Stunde darauf den Redner vor Gericht ziehen, und niemand wäre imstande gewesen, anzugeben, auf diese oder diese Weise hat er die Demokratie gepredigt. Und zwischen diesem Schaffen und Bauen der Sätze und Gedanken blitzten die mächtigsten Kugeln auf gegen die Unbilden der Aristokratie; aber auf Blitz und Knall folgte eine ganz unerwartete Wendung der Rede, die scharfen Augen und Mundwinkel waren wieder sanft und glatt, man glaubte sich getäuscht zu haben, man wurde von neuen Interessen erschüttert, und ein neuer Blitz ward von noch grösseren Dingen verdrängt, und die Rede schloss mit einem erschütternden Aufrufe zum Kampfe auf Leben und Tod, so dass man selbst nicht wusste, war die stimme wieder gewachsen oder nicht, hat der Redner zuviel oder zuwenig gesagt, soll man jubeln oder trauern, hassen oder lieben. Aber durchgeschüttelt und gerüttelt, ja erschüttert war alles bis in das innerste Mark, und der lang verschlossene Atem rang sich bei den meisten stöhnend an die Luft.
Der Redner war verschwunden, und Valerius fragte in der Betäubung hastig seinen verhüllten Nachbar, wer da gesprochen, obwohl es schien, als ob der Mann unter seinem Mantel nicht gestört sein wolle.
"Joachim Lelevel," war die Antwort.
Lelevel, wiederholte Valerius vor sich hin, gleich als fände er einen alten Bekannten. In der Gruppe der Bauern ward der Name wiederholt, und sie schienen nicht weniger ergriffen zu sein von jener Rede als die Gebildeteren. Man glaubt es nicht, wie fein die geistigen Empfängnisorgane dieses Volkes sind. Die Zeit der Knechtschaft hat sie noch geschärft; wo das ganze Wort nicht erlaubt ist, da lernt man schnell das halbe verstehen – die breite prunkende Art der Rede, das rhetorische Wesen konnte nur bei den Römern entstehen, der weite Länderübermut liegt darin, und darum hat sich jene Gattung in der neueren Zeit auch vorzüglich auf die Franzosen vererbt.
Ein unterdrücktes Volk macht wenig Worte. So erklärte sich auch in diesem Augenblicke Valerius jene auffallende Erscheinung unter der Wildraufe, wo die Bauern soviel wie nichts gesagt hatten, und doch für unberufene Ohren zuviel gesagt zu haben fürchteten. Sie glaubten, auch ihre Auslassungen seien behorcht worden. Das ist ein Hauptunglück der Knechtschaft eines Volkes, dass sie die Unbefangenheit verlieren, dass sie Begriffe, welche ihnen zu sprechen verboten sind, am Ende selbst nicht auszu d e n k e n wagen, dass sie misstrauisch werden.
Die G e d a n k e n jener Insurgenten waren nicht einmal reif in ihnen geworden, noch weniger hatten sie etwas Vollständiges ausgesprochen, und dennoch glaubten sie zuviel gesagt, die schmerzensreiche Brust viel zu weit geöffnet zu haben. Mit dieser kranken Sagazität und Kombinationsgabe des Verdachtes hatten sie aber Lelevel vollkommen verstanden.
Und es mochten wirklich grösstenteils dieselben Bauern sein. Bei der Bewegung, welche nach jener Rede unter ihnen entstanden war, erblickte Valerius deutlich das wilde Gesicht des stürmischen Slodczek.
Ein anderer Redner war indessen aufgetreten: er war in der Uniform des vierten Regiments, und der Ausdruck seines Gesichts war barsch, unschön, voll leidenschaft und schlecht verhehlten Grimmes. Er sprach mit wenig Rückhalt herben Tadel aus über die unzureichende Tätigkeit der zeitigen Regierung in Sachen des Krieges und der gesellschaftlichen