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und mein Treiben ist in den Augen der Erleuchtetsten ein törichtes geworden, und das sogenannte Heldentum ist eine moralische Karikatur!

Und wenn das alles, was ich da denke und zweifle, Ausgeburten meines kranken Leibes sind, warum ist die Welt so schwankend, dass sie immer nur aussieht, wie ich sie haben will?"

Dabei war er immer lebhafter hingeschritten durch die Strassen, und war ohne seinen Willen auf die Weichselbrücke gekommen. Eine grosse Wasserfläche übt stets einen tiefen Eindruck auf das menschliche Herz: das wasser erscheint uns wie ein unparteiisches Element neben den anderen irdischen Stoffen, teilnahmslos sieht es wie ein grosses ewiges Auge auf den Vorübergehenden, und das Schiff und der Schwimmer und der Sturm berühren nur seine Masse, sein Leben ist nicht zu treffen: es mag darüber hingezogen sein, was da will, dasselbe ewige Auge mit seiner Unerforschlichkeit kehrt immer wieder. Wie schweigende Gotteiten gehen die Wasserflächen an unserem Treiben vorüber, und es bedünkt uns manchmal, als wohnte die tiefste Weisheit in ihnen, und als würden wir sie wiederfinden in einem andern Leben, wo sie unbefangen alles erzählen, was auf dieser Erde vorgegangen ist, die einzigen unbeteiligten Historiker neben den Sternen. Die Sterne können nämlich nur von den heiteren Tagen erzählen; wenn Nebel und Wolken über der Erde liegen, da sehen sie nichts, und sie steigen dann in der nächsten klaren Nacht herab in die Wasserfluten, um sich erzählen zu lassen, was unterdes passiert sei.

In solchen Träumereien schaukelte sich Valerius' Geist, während er am Brückengeländer lehnte und in die murmelnden Wellen hinabsah, mit denen der Mond und die Sterne hin und her fahrend verkehrten. Die schweigende natur mit ihrer Ewigkeit in den Zügen übte, wie immer, ihre volle Kraft der Beruhigung auf sein Herz, man glaubt dann unmittelbar vor dem Auge Gottes zu stehen, und die Welt schweigt im Menschen.

Es war auch ein schöner Platz damals auf der Brükke, die nach Praga hinüberführt: auf der einen Seite die Festung, welche vor dem Feinde sichert, unter sich den breiten glänzenden Strom, auf der andern Seite die stolzen Paläste, deren lichte Fenster der Weichsel erzählten, wie die Polen alle wieder daheim seien, wie die Freude wieder angesiedelt werde in jenen so lange schweigenden, glanzlosen Häusern. Aus der Stadt her schallte Musik und Gesang, und das Herz des traurigen Valerius musste endlich aufgehen in milderen Gedanken und Empfindungen.

Es fiel ihm ein, dass er auf dem Wege zum Grafen Kicki gewesen sei, der ihn zum Ball geladen, er hoffte fröhliche Menschen zu sehen, und ging eiligst zurück nach der Stadt.

In einer engen Gasse sah er eine lichte Hausflur, und fröhliche junge Männergestalten, bald in schmutzige Schafpelze, bald in glänzende Uniformen gekleidet, gingen ein und aus; die ganze Strasse hallte wider von patriotischen Gesängen der Ab- und Zugehenden. Er blieb einen Augenblick stehen, und es schien ihm, als sähe er Magyac eintreten. Neugierig ging er ihm nach und erblickte sich bald in einem grossen saal, in welchem sich zahlreiche Gruppen von Männern befanden. Der Raum war spärlich beleuchtet, und das bunte Durcheinander von lauter männlichen Gestalten, die mit etwas gedämpfter stimme, aber grösstenteils rasch und heftig sprachen, machte einen wunderlichen Eindruck.

Valerius drückte sich in eine dunkle Ecke. Er wollte versuchen, ob er sich in diesem ihm ganz neuen Elemente zu orientieren vermöchte. dicht neben ihm stand eine Gruppe Bauern, sie sprachen leise und unverständlich. In seine Nähe drängte sich ein Mann, bis an die Nase in den Mantel gehüllt, die Mütze hatte er tief in die Augen gezogenes entstand eine Bewegung im saal, und auf einer Art Tribüne im Hintergrunde desselben erschien eine Figur. Ein stürmisches Beifallsrufen drang aus mehreren Gruppen, die meistenteils aus Offizieren und jungen Männern bestanden, welche, in feinen Zivilkleidern, den gebildeten Ständen anzugehören schienen. Die Bauern neben Valerius sahen neugierig nach der Tribüne, als wäre ihnen die Erscheinung völlig neu und unbekannt. Der Rednerdenn als solchen gab er sich bald kundwar eine schmale, hohe Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet; auf dem kopf trug er ein Käppchen von eben dieser Farbe, und sein ganzes Ansehen gewann dadurch etwas Klerikalisches. Die Haltung des Körpers schien von Sorgen oder Studien gebeugt zu seinda die Gegend, in welcher sich der Redner befand, heller beleuchtet war, als die Tiefe des Saales, so konnte Valerius die Gesichtszüge genau unterscheiden. Es lagen tiefe geheimnisvolle Furchen in dem magern blassen Antlitze, die Nase war spitz und scharf geformt, und die tiefliegenden Augen waren still und fast ohne Bewegung, bevor der Redner zu sprechen begann. Dann aber flogen sie zuweilen hervor mit einem wie unterirdischen Feuer, zuweilen glänzten sie sanft und mild wie die Seele der wohlwollendsten Weisheit. Derselbe Wechsel spielte um den feinen Mund und dessen schmale Lippen: bald schienen Pfeile des tiefsten Hasses aus den Winkeln zu fliegen, bald sass ein Lächeln darauf, das aus dem schönsten Herzen zu kommen schien und von unendlicher Liebe zeugte.

Die stimme war sanft und äusserst wohlklingend, und der Akzent der schönste, welchen Valerius noch in Polen gehört: die schwierigsten Konsonanten zerflossen auf jenen feinen Lippen, und alles schmiegte sich in Wohlklang und Reiz. Der Redner begann mit jener anspruchslosen Einfachheit mächtiger Künstler die geschichte Polens zu erzählen, die stimme schien leise und schwach, und da die Erzählung mit den fernsten Jahrhunderten aushob, so fürchtete man, es werde ihr