faltend, sah er mit stierem Auge vor sich hin, und leise sprach er: "Vater Kosciusco, das sind deine Polen."
Diese Worte waren bis zum entferntesten Bauer gedrungen – die erst noch so unbändigen Insurgenten standen mit niedergeschlagenen Augen da. Erst nach einer langen Weile sagte Slodezek halblaut: "Vater Florian, sie haben uns behorcht."
"Was habt ihr für Geheimnisse vor ihnen?" fuhr der Schmied hastig auf, "sie hassen die Tyrannei so gut wie ihr, sie wollen unseres Landes Freiheit so gut wie ihr, sie beten zu Gott, was ihr bittet."
Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: "Wir gehen alle nach Warschau, übermorgen abends um sechs finden wir uns vorm haus des alten Krukowiecki, der heilige Adalbert nehm' uns in seinen Schutz."
"Magyac voraus, zäume die Pferde und führe sie an den Kreuzweg, dort harrt der Wagen für das fräulein."
Taddäus, der den Schmied kannte, wusste, dass Eile nötig sei, und flog wie ein Ross über die Lichtung nach dem wald zu. Die Bauern grüssten den Schmied mit einer Mischung von Ehrfurcht und Vertraulichkeit, und wohl auch mit einem Rest von Scham, dass sie sich vom heissen, zänkischen Blute zu einer Torheit hatten fortreissen lassen, und zerstreuten sich, hastig über die Lichtung schreitend.
Jener gemässigte Alte sagte mürrisch zu seinem Begleiter, als sie in das Dunkel des Waldes traten: "Der Slodczek macht immer tolles Zeug – 's ärgert mich aber doch, dass mir die hübschen Pferde entgangen sind, ich witterte sie heute' abend, als ich durch den Wald nach dem Ringe strich, und ich dachte, einmal heimzureiten – 's war kein Glückstag heute."
Auch der Schmied brach mit den übrigen auf. Valerius wollte ihn gesprächig machen, er gab aber nur kurze, wenn auch höfliche Antworten. Manasse liebkoste seinen Joel und erzählte ihm, wie er in jener Nacht des Aufbruchs aus dem schloss dort angekommen sei, um ihn zu warnen vor den sich immer mehr nach jener Seite ausbreitenden Russen. "Ihr wart fort, ich rannt' euch nach. Auf dem Walplatz im wald fand ich einen schwerverwundeten kosacken. Ich verband ihn, damit er mir den Weg zeige, den ihr eingeschlagen. Er wies hierherzu. – Die letzten, sagte er, seien hierherzu geritten, ein junger Soldat mit schwarzem Haar und Bart sei dabei gewesen. Das war der junge Deutsche. – Gleichgültig, Joel, ich bin gelaufen, ohne zu ruhen, und hab' dich gefunden." – Dabei liebkoste er ihn heftig.
Sie traten in den Wald, aber eine grosse Helle in ihrem rücken veranlasste sie, noch einmal rückwärts zu schauen. Die Wildraufe und die Hütte standen in lichten Flammen. "Das ist der Feuerbrand," sagte Hedwig, "welchen Slodczek ins Dunkel warf." Der Schmied sah traurig nach den lustigen Flammen und sprach leise vor sich hin: "Nun habe ich nicht mehr, wo ich mein Haupt hinlegen könnte, wenn ich gehetzt werde wie der Hirsch." Er fuhr sich mit der flachen Hand über das harte Gesicht. – "Nun, wie die Heiligen wollen! Ist's doch unserem Herrn Christus nicht besser gegangen." Er nahm die Mütze zwischen die hände, und seine breiten, festen Lippen bewegten sich, als spräche er ein stilles Gebet.
Das Feuer leuchtete unheimlich über die Heide, sein Strahl hatte in der Einsamkeit nur ein paar Krähen aus dem Schlafe gescheucht, die mit ihrem Grabgesange über die Lichtung flogen. Der Schmied wandte sich mit rascher Wendung in den Wald, die andern folgten dem schweigsamen Führer.
14.
Es war einige Tage darauf, als Valerius in seinen Mantel gehüllt durch die Strassen von Warschau strich. Der Mondschein lag mit seinen weichen Blikken über der Stadt, wie eine süsse Trauer oder wie eine wehmütige Freude. Die äusseren Dinge fügen sich ja nachgiebig unseres Herzens Wünschen, wir lesen unser Herz in ihren Blicken, und demselben Lichte jauchzt der eine wie einer Hochzeitsleuchte entgegen, während der andere eine Begräbnisfackel darin zu sehen glaubt. Darum sagen manche Leute, es sei nichts wirklich als unser Gedanke.
Auch Valerius dachte so. "Wozu quält man sich mit den Äusserlichkeiten," sprach er in seinem trüben Sinne, "unser eigensinniges Herz macht ja doch daraus, was es will. Wozu trachten wir unablässig, geschichte zu machen, da wir doch nur kleinen Kindern gleichen, die mit lächerlicher Mühe und Sorgfalt ihr Kartenhäuschen aufbauen – ein leichter Windzug wirft es um. Und wir wissen es nicht, von wannen der Wind kam, noch wohin er geht.
Ist es denn wirklich grösser, ein Held zu sein, Nationen zu bewegen, Völkerschicksale gestalten zu helfen, als daheim zu bleiben bei den Seinen und ihrem kleinen Glücke, ihren unscheinbaren Freuden Kraft und Tätigkeit zu widmen? Haben die sogenannten Philister nicht am Ende recht, dass wir uns um keine anderen Dinge kümmern sollen, als um jene, die uns zunächst betreffen? Während ich kämpfe und ringe für eines Volkes Freiheit, weil ich den Begriff der Freiheit für etwas Grosses halte, verschmachten vielleicht die Meinen in Angst und Mangel und Kummer – ist denn nun auch wirklich dieser Begriff der Freiheit grösser als alle anderen? Ist es tugendhaft, alles andere darüber zu vernachlässigen?
grosser Gott! im nächsten Jahrzehnt ist die Entwicklung der Menschen vielleicht in ganz anderen Kreisen,