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; der seidene Mantel glitt ihr langsam von der weissen Schultersie liess ihn gleiten; ihre langen Augenwimper senkten sich kaum merklich ein wenig tieferman konnte das schöne Mädchen für ein Marmorbild halten.

13.

Nach einiger Zeit nahten sich Schritte von mehreren Seiten, und man hörte draussen eine Menge Stimmen. Magyac sprang auf und ging nach der Tür, bat aber Valerius, so lange in der Hütte zu bleiben, bis der Schmied zurückkäme. Durch die Spalten der Wand sahen die Zurückbleibenden draussen unter der Wildraufe ein Feuer auflodern, und rings um dasselbe eine Schar bewaffneter Bauern. Die Zahl derselben wurde immer grösser, ihr Gespräch immer lebhafter und stürmischer.

"Warum liegen sie fortwährend in Warschau still," schrie eine rauhe stimme, "warum geht's nicht von der Stell'? Sie sind Verräter und schreiben nach Petersburg."

"Das verstehst du nicht, Slodczek, du bist ein Unband, der an einem Tage säen und ernten will," sprach ein alter Bauer, der sich am Feuer niedergesetzt hatte.

"Der Slodczek hat recht," schrie eine stimme aus dem dichtesten Haufen, – "er hat nicht recht," schrie eine andere, und bald brauste das Stimmengewirr unverständlich durcheinander.

"Es muss was geschehen," übertönte Slodczek das Durcheinander mit seiner rauhen Kehle, "sonst verkaufen sie uns wieder das Fell vom leib, und wenn's Glück hoch kommt, sind sie selbst die Käuferwir müssen nach Warschau."

Dieses Wort erregte einen noch viel grösseren Lärm, und es schien auf Augenblicke, als ob sich die verschieden gesinnten Meinungen durch die Waffen selbst geltend machen wollten. Slodczek wenigstens schlug sein Gewehr auf einen Bauer an, der sich ihm am eifrigsten entgegenzusetzen schien. Aber jener Alte, der ihm zu Anfang widersprochen hatte, schlug ihm das Gewehr in die Höhe, der Schuss ging indessen los und die Kugel fuhr prasselnd durch das alte Schindeldach.

Es folgte eine augenblickliche Stille; Slodczek selbst schien bestürzt zu sein.

"Wie lange wird der Ring des Schmiedes sicher sein, wenn wir alle unsere Büchsen abschiessen?" sagte mit langsamer Betonung Taddäus Magyac.

Der alte Bauer warf einen jener fliegenden polnischen Blicke auf Slodczek und auf die übrigen, dann sah er gedankenvoll in den Lauf seines Gewehrs, und jener nationale Zug einer gesunden Melancholie lagerte sich auf seinem schmalen gesicht. "Wir werden zu zeitig auf die Fläche hinauslaufen, damit sie uns alle mit einem Male treffen können," sprach er mit traurigem Tone.

Man konnte nicht einen Augenblick verkennen, dass selbst die Stürmischen dieser Insurgenten keineswegs zu etwas Durchgreifendem entschlossen waren. Die gelegenheit schien ihnen zwar bequem, ihre schlechten Dienstverhältnisse zu den eingebornen Herren des Landes besser zu gestalten, und viele waren der Meinung, dass Polen bestehen könne, ohne dass sie selbst in so tiefer Abhängigkeit von den Edelleuten lebten, aber es war doch selbst in diesen mehr ein romantisches Tappen nach grösserer persönlicher Freiheit, als ein klares Bewusstsein. Und sobald die allgemeine Gefahr des gemeinschaftlichen Vaterlandes einen Augenblick dringend wurde, verschwanden alle jene Halbgedanken wie die kleinen Wünsche eines Gefangenen vor dem grossen Begriffe der Befreiung.

Während es in der Versammlung eine Zeitlang völlig still war, und die Bauern gedankenvoll vor sich hinsahen, wendeten auch Hedwig und Valerius ihre Blicke von den Spalten, und sahen sich gegenseitig an, um einander die Verwunderung über solch eine Szene auszudrücken. Sie waren beide in einer grossen Spannung, und es war natürlich, dass sie heftig zusammenschraken, als plötzlich der Laden aufgerissen wurde, der sich auf der andern Seite der Hütte befand, ein langer Bart zum Vorschein kam, und eine unheimliche stimme mit eulenartigem, weitschallendem Tone rief: "Joel, wo bist du?"

Wie der Sturmwind stürzten die Bauern herbei, und in einem Nu lag der Mann, dem jene stimme gehörte, niedergeworfen am Feuer unter der Wildraufe, und fünf, sechs Büchsen waren auf ihn angeschlagen.

"Ein Spion, ein Spion!" schrie alles durcheinander. "Ein Jude, ein jüdischer Spion!" brüllte die Menge gleich darauf, als der Schein des Feuers auf ihn gefallen war.

Es war Manasse, Manasse in seinem langen schwarzseidenen Kaftan. Das totenbleiche Gesicht sah ängstlich auf die drohenden Feuerröhre, und mit hastiger stimme rief er: "Ich bin kein Spion, ich bin der ehrliche Jude Manassewo ist mein Sohn Joel?" schrie er hinterdrein mit kreischender stimme.

"Drückt ab," stürmte Slodczek, "er hat uns behorcht; er verrät uns an die Edelleute."

"Im Ringe des Schmiedes wird nicht geschossen," sagte Magyac, und warf gleichmütig frisches Holz ins Feuer.

Die Gewehre senkten sich. Manasse benützte diesen Augenblick zu seiner Verteidigung: "Ich habe nichts gehört, nichts, nicht ein Wort hab' ich gehört; von jener Seite bin ich gekommen, um zu suchen meinen armen Sohn Joel. Mein Sohn Joel vergiesst für euch sein Blut, er ist Soldat, mein Joel, sie haben ihn vom Pferde geschossen bei Grochow, vom Pferde, das ich ihm selber gekauft; totgeschossen lag es neben ihm, das schöne Tier, das teure Tier."

"Schlagt ihm den Schädel ein," unterbrach ihn Slodczek, und ging mit umgekehrter Büchse auf ihn los, "wenn er Geld verdienen kann, verrät er uns doch."

Da riss sich der alte Jude mit der Kraft eines Jünglings aus den Fäusten der