er ein aufrührerischer Kopf sei. Der Schmied aber schlug dem ersten, der ihm nahe kam, den Hammer vor den Kopf, dass er hinschlug wie ein umgehauener Baum. Nun ging das Schiessen los, denn es wagte sich keiner mehr an den Polen. Es dauerte auch nicht lange, da lag Florians Weib und sein rüstiger Junge im Blute, und der Schmied stürzte heraus wie ein angeschossener Eber mitten unter die Soldaten, sie fuhren entsetzt nach allen Seiten auseinander, und ehe sie sich wieder sammelten, war Florian in den Wäldern. Jeder Russe, der ihn wieder gesehen, hat's mit dem Leben bezahlt.
Florian ist übrigens der beste Mann im land und tut keinem kind was zuleide; viele Leute halten ihn auch für einen Heiligen; aber unglücklich ist er sehr, und wenn er am Tage um unser Vaterland geweint hat, so weint er des Nachts um sein Weib und seinen frischen Buben. Herr, seit ich den Schmied zum ersten Male in seinem Jammer belauscht habe, seit der Zeit hat mich nichts mehr gerührt; es war am verwichenen Martinsabende, ich hatte einen Wolf erschlagen, und wollte dem Florian die Haut bringen für den Winter, da sah ich ihn durch die Türspalte vor seinem Heiligen auf den Knien liegen, das wasser lief ihm in den Bart, und er fragte schluchzend den lieben Gott, ob er wohl wisse, wie schlecht es uns erginge im land Polen."
Taddäus sprach nicht weiter, es trat eine lange Pause ein, und Valerius reichte ihm die Hand, die jener heftig küsste. Der Mund des jungen Polen brannte heiss und fieberisch.
Die Tür des kleinen Häuschens öffnete sich, und Hedwig erschien auf der Schwelle, frisch wie ein junger Waldbaum, den der Tau des Morgens erquickt hat. Sie sah mit Lächeln auf den Schläfer im Winkel. Es lag soviel Schalkheit und soviel Wehmut in diesem Lächeln, dass man nicht wusste, ob jene grösser als diese sei. Joel schlug die Augen auf und streckte noch halb schlaftrunken die arme nach ihr aus. Sie reichte ihm die Hand, und als er sie an die Lippen führte, strich sie ihm leise damit über das Gesicht; ihre Hand berührte auch jenes Tüchlein, aber sie ergriff es nicht.
12.
Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes herz, sei nicht bang,
Nun muss sich alles, alles wenden!
Sie hatten den grössten teil des Tages über im Sonnenscheine gesessen, und die Herzen hatten gesprochen mit jenen unmittelbaren Worten, die man nicht nacherzählen kann, und Valerius hatte zum ersten Male wieder seit langer, langer Zeit deutsche Lieder gesungen. Jene Verse stahlen sich aber immer von neuem zwischen alle seine Lieder, die warme Luft liess sie nicht zur Ruhe kommen. Joel war schweigsam, aber sanft und freundlich, und Hedwig hatte ihr inniges Ergötzen an all den neuen Weisen, denn die Jugend liebt die Poesie wie die frische Luft. Joel hatte sie die deutsche Sprache gelehrt, und wenn sie sich auch verwunderte, dass die Weisen alle so langsam gingen, so hörte sie doch nicht auf zu rufen: "Immer mehr, immer mehr!"
Über diesem Treiben kam der Abend; Magyac, der jenseits des Grabens nach den im Dickicht untergebrachten Pferden gesehen hatte, kehrte zurück, machte Strohlager in einen Winkel. Kamin oder Ofen war nicht vorhanden, und der Rauch suchte sich durch die vielen Öffnungen des Daches seinen Weg. Kummervoll betrachtete Valerius diesen unwirtlichen Raum, des armen Schmiedes steten Aufentalt. Hedwig hatte sich am Feuer niedergekauert und wärmte sich die hände; Joel war nicht zu sehen, bald aber hörte man von draussen her seine stimme. Auch ihm war das traurige Herz aufgegangen in diesen stillen Stunden, und was er nie zu sprechen wagte, das sang er jetzt in die Nacht hinaus, in den schweigsamen Wald hinein. Aber als ob es das polnische Land nicht verstehen sollte, sang auch er die Worte deutscher Dichter. Er schien umherzuirren auf der Waldflur, manchmal verklangen die Worte in grosser Ferne, manchmal hörte man sie dicht an der Hütte. Hedwig horchte aufmerksam, die stimme kam eben näher, und man verstand die Worte:
"Ach nein, erwerben kann ich's nicht,
Es steht mir gar zu fern.
Es weilt so hoch, es blinkt so schön,
Wie droben jener Stern.
Die Sterne, die begehrt man nicht,
Man freut sich ihrer Pracht,
Und mit Entzücken blickt man auf
In jeder heitern Nacht.
Und mit Entzücken blick' ich auf,
So manchen lieben Tag;
Verweinen lasst die Nächte mich,
Solang' ich weinen mag."
Hedwig sah mit wehmütigen Blicken in das Feuer; Valerius, an die Wand sich lehnend, sah forschend in ihr Angesicht, es war alles still ringsum, man hörte durch die dünne Bretterwand, wie der Sänger leise seufzte und sich langsam entfernte. Klagend sang er weiter:
"Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb!
Muss noch heute scheiden.
Einen Kuss, einen Kuss mir gib!
Muss dich ewig meiden.
Eine Blüt', eine Blüt' mir brich
Von dem Baum im Garten!
Keine Frucht, keine Frucht für mich!
Darf sie nicht erwarten."
Die stimme schwieg; es schien Valerius, als stünden dem schönen Mädchen die Augen voll wasser, aber sie regte sich nicht