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ihn die Gegenwart nur zu deutlich, dass er wiederum ausser ihr gewesen sei. Der Zug hielt still, und jetzt erst bemerkte Valerius, dass fernher aus dem wald einzelne Feuer leuchteten. Er ritt vorsichtig bis an die Spitze des ZugesMagyac sah unentschlossen nach der Seite in den dichten Wald, als solle ihm von dort her Rat und Hilfe werden. Ein Umweg durch den Wald war nicht möglich für die Wagen, die Bäume standen zu dicht.

Träumerisch sah Valerius nach den Feuern, er bemerkte es nicht, dass sein Pferd langsamen Schrittes ihnen sich näherte; Magyac war zwischen die Bäume geritten, wahrscheinlich um zu rekognoszieren, und hatte keine Acht auf den melancholischen Deutschen; die vordersten Ulanen mochten glauben, er wolle ebenfalls die Ortsgelegenheit näher erkundenkurz er kam ungehindert den Feuern immer näher, und ohne nachzudenken betrachtete er das neue Schauspiel. etwa wie man ein Wouvermannsches Schlachtgemälde ansieht, ohne einen Augenblick daran zu denken, das ausgehobene Schwert des Mannes auf dem friesischen Schimmel könne uns treffen.

Auf einer Lichtung war ein Trupp kosacken gelagert, Ross und Reiter ruhten an der Erde, gewärmt durch hohe Feuer. Die Lanzen steckten ihnen zur Seite im Boden, und der grösste teil dieser rastlosen Steppenbewohner schien zu schlafen; hie und da erhob sich einer mechanisch mit dem halben Körper und warf ein frisches Stück Holz in die Glut, dann sank er wieder in die vorige Stellung zurück, oder suchte sich ein bequemeres Kopfkissen auf dem Bauche seines Pferdes. Die bärtigen, augenlosen Gesichter, zur Hälfte gewöhnlich im Schatten, zur Hälfte vom Feuer beleuchtet, erhöhten durch ihre Regungslosigkeit die Täuschung, ein Gemälde zu sehen.

So kam der junge Träumer bis zu den letzten Bäumen, welche an seinem schmalen Wege die Lichtung begrenzten. Einige Schritte nur von ihm hielt der aufgestellte Wachtposten. Der Kosak war ebenfalls eingeschlafen und sass mit untergeschlagenen Armen wie eine Bildsäule da. Mit dem rechten arme hatte er die Lanze eingeklemmt, die linke Hand hielt den Zügel. Ein langer schneeweisser Bart fiel auf die Brust herab, ein kleines schwarzes Kreuz drängte sich darunter hervor; wahrscheinlich hatte er noch kurz vorher seine Andacht verrichtet, nicht ahnend, wie not es ihm sein dürfte, um seinem Glauben nach glücklicher zu sterben. Der Schlaf hatte ihn übereilt und ihm nicht gestattet, das Kreuzchen wieder auf die behaarte Brust zurückzuschieben.

Es war nur noch ein Schritt zwischen beiden Reitern, das Kosakenpferd zog langsam die trägen Augenlider in die Höhe und rückte den Kopf ein wenig aufwärts. Der Kosak, der die nachlassende Straffheit des Zügels empfinden, wohl auch das Nahen eines Gegenstandes bemerken mochte, machte eine Bewegung mit der Hand, öffnete die Augen, verstorbene, lebensmüde Augen, öffnete den Mund

Da fühlte Valerius den Zügel seines Pferdes von einer raschen Hand gehalten, der Kosak verschwand plötzlich von seinem Gaule, es erschien ein anderer Reiter darauf, und ehe er sich ermuntern konnte, sah er sich auf dem Rückwege zu seinem zug. Der Schmied von Wavre ging neben ihm, ein junger polnischer Bauer ritt zu seiner andern Seite auf dem Kosakenpferde. Mit Grauen sah er bei den nachleuchtenden Feuern, wie der alte Kosak mit einer Schlinge um den Hals von dem Bauer nachgeschleift wurde. Das Pferd des plötzlich Erwürgten trug ebenso geduldig den neuen Reiter, der es so schnell von seinem vorigen befreit hatte. –

11.

Valerius war in jener Nacht nur auf kurze Zeiträume aus seiner Träumerei zu wecken gewesen. Er machte sich die lebhaftesten Vorwürfe über diese gefährliche Schwäche, als ihm Magyac am andern Morgen die begebenheiten der Nacht erzählte.

Das ist jenes törichte Leben in die Weite, in die Ferne, das den Baum vor Augen nicht merkt, bis er sich kund gibt durch einen heftigen Stoss. Das ist jenes Räsonieren ins Ungemessene hinaus, jenes deutsche Komponieren der nächsten weltgeschichtlichen Epochen, worüber die Gegenwart und das zeitig Notwendige unbenützt vorüberstreicht, das ist jenes unpraktische Wesen, das sich so gern und so leicht mit höheren weiteren Zwecken entschuldigt, das gepriesen sein möchte als weitsichtiges, höheres Element, und das doch übertroffen wird von jenem kleinen Buben, der das Pferd tränkt, da es eben dürstet. Auf den nächsten Schritt soll man achten und dem Augenblick leben, der eben da ist, den Gegenstand ergründen, der just neben uns steht.

So schalt er sich, während Magyac erzählte. Der Schmied hatte das Biwak umstellt, und während die Schläfer mit wildem Geschrei überfallen worden, waren die Wagen in grösster Schnelligkeit ungehindert die Lichtung passiert. Nur das gnädige fräulein, die bis zum Augenblick des Überfalls fest geschlafen, sei, erweckt von dem plötzlichen Lärmen, aus dem Wagen gesprungen und in den Wald hinein gelaufen; Joel, der ihr nachgeeilt, habe sie zwar eingeholt, aber die Wagen seien längst auf und davon gewesen, und so habe man das fräulein hierher ins Haus gebracht, wo sie jetzt noch ruhig schlafe.

"Aber wie bin ich denn hierher gekommen, Taddäus?"

"Ja, was weiss ich, Herr, du sagtest ja zum Schmiede, dass du seine Bekanntschaft machen wolltest."

"So?"

Valerius befand sich auf einer ähnlichen Waldlichtung, wie er heute' nacht gesehen, in seinen Mantel gehüllt lag er an einem verglimmenden Feuer, hinter ihm ein langer starker Baumstamm. Dieser hatte ihm zum Kissen gedient, wie er vermutete, denn der Nakken schmerzte ihm gewaltig von dem kurzen Schlafe. Magyac sass vor ihm an der Erde und scharrte einige Kartoffeln