traurigsten gesicht von der Welt. Magyac eröffnete den Zug mit der Hälfte von den mit Stanislaus angekommenen Ulanen, die andere Hälfte mit den berittenen Bedienten des Grafen schloss ihn. Das wüste Herrnhaus mit den toten Russen blieb einsam zurück, die übrigen Gefangenen waren mit dem Schmiede und seinen Leuten verschwunden. Es ging im raschen Trabe durch den Wald hin, an keinem Wagen war ein Licht zu sehen, hie und da nur fielen glänzende Mondesstrahlen auf den schwarzen Trupp, und von Zeit zu Zeit hörte man jenes Drosselpfeifen tief aus dem wald, das Magyac an der Spitze des Zuges beantwortete.
Von den Reitern konnte niemand sprechen, weil sie mit grösster Sorgfalt auf Weg und Pferde achten mussten, alle Minuten stolperte ein Tier über die Baumwurzeln. Nur Hedwig tat einige leichte fragen an Stanislaus, und fragte Valerius und Joel, ob niemand verwundet worden sei. "Ich sehe' ja durch den Mondschein, lieber Joel, dass Sie ein klägliches Gesicht machen? Pfui doch, solch ein rascher Schütze, solch ein frischer Reiter."
Joel seufzte tief auf, und Valerius sah bei einem Blicke des Mondes ein schmerzliches Lächeln über sein Gesicht gleiten. Valerius selbst war aber zu voll von dem, was vorgefallen. Das Bild des Schmiedes von Wavre wich nicht von den Augen seines Gedächtnisses. Er erschien ihm wie die verkörperte schmiegsame Kraft dieser ganzen Nation. All jenes verschlossene, verschlagene Element dieses Volkes mit den blitzraschen Bewegungen, jene vornehme Armut, jener ganze Anstrich von heldenmütigen Brigants, den eine insurgierende Nation von dieser fliegenden Tapferkeit leicht erhält, all dies ursprüngliche Sarmatentum erblickte er in diesem mann.
Wie er dastand – sprach die Erinnerung eifrig in ihm fort – als sein blosser Anblick den Sieg entschieden hatte, in dem kurzen weissgrauen Kittel, den der breite Ledergurt straff zusammenzog! Die Muskeln seiner Hand spielten wie heisse Sonnenstrahlen an der Büchse – und unter dem Pulverdampfe von des Grafen Mordpistole verschwand er wie ein Geist, er war der Urgeist einer Nation.
Er ertappte sich lächelnd auf diesen Übertreibungen, konnte und wollte sich aber nicht davon losmachen. Das Leben wird erst unser, wenn es sich wieder erzeugt in unserm inneren, darum sind die Dichter die reichsten Menschen, darum sind sie kleine Götter, die alle Tage eine Welt schaffen und sich mit dem Troste zu Bette legen: Siehe, es war alles sehr gut. Im Sturm der Dinge selbst sind wir die Beute der Dinge; ist es doch ein Hauptglück des gegenwärtigsten Reizes; der Liebe, sich ihrer zu erinnern. Ein jahrelang ersehnter Kuss, im Fluge geraubt und erwidert, macht ein ganzes darauffolgendes Leben voll Gewöhnlichkeit erträglich, während jener eigentliche Lebensaugenblick an sich kaum empfunden ward und nur durch die lange Erwartung vorher und die lange Erinnerung nachher ein beglückendes Ereignis wurde.
So liegt in uns von haus aus jener viel gesuchte Sieg über das Äussere.
Aber auch diese nachschaffende Fähigkeit war getrübt in Valerius, er reizte sich mehr zum Genuss, als dass dieser Genuss ihn aufgesucht hätte. Der Mittelpunkt seines Lebens war verschoben, und alles übrige dadurch in Unordnung geraten. So machte er sich Vorwürfe über diese ärmliche Manier, wie er's nannte, nur das zu erkennen und zu ergreifen, was vorüber sei, nicht der gegenwärtige Anblick dieses spärlich erleuchteten nächtlichen Zuges wecke ein romantisches Gefühl in ihm, schalt er weiter, nein, es sei der Augenblick, als vor fünf Minuten die Mondesstrahlen glänzend durch die Baumgipfel gebrochen seien, jener Augenblick übe den Reiz auf sein Inneres, obwohl das Auge noch fortwährend dasselbe sehen könne, jener vergangene Augenblick liege bereits als geschichtliches Bild dieser Fahrt in seinem Gedächtnisse. – "Ich will keine Vergangenheit, ich will Gegenwart," sprach er wie ein ungezogenes Kind vor sich hin – "ich will ein Mensch sein, nicht aber ein Künstler, den Träume beglücken."
So wütet der Mensch gegen sein Fleisch, und der Starke schmäht seine doppelten Kräfte, weil er in den Stunden des Unmuts einen Schwachen lächeln sieht, und diesen um seine Schwäche beneiden zu müssen glaubt.
Aber wir mögen uns noch soviel Mühe geben, unserem Wesen ungetreu zu werden, unser eigentliches Wesen ist unsere Gesundheit, und die natur strebt immer von selbst wieder dahin zurück.
Ehe er sich seines Unmuts recht bewusst wurde, war Valerius mit den Gedanken in Deutschland, und ein Ort nach dem andern musste sich ihm darstellen im Mondschein dieser Nacht. Das sind Bilder, die den Menschen am meisten befangen mit ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit. Eine Gruppe nach der andern breitet sich vor ihm aus, jede hat ihre tausend Beziehungen und Gewichte, die sich fortwährend im Gleise erhalten, jede führt zu einer neuen, und der Geist irrt von einem land zum andern, über den Ozean, wo jener Mondschein nicht zu sehen ist, und die Leute im Sonnenstrahl umherwandeln – "beim Schein des Mondes, beim Strahl der Sonne denken wohl manche von jenen Leuten an den Kampf in Polen, und so weckt und wirkt alles durcheinander in dieser Welt, und der Gedanke an den Allmächtigen füllt das Herz –
Camilla, Camilla, die Welt ist zu gross, das Interesse zu mannigfaltig, Gottes Gedanke zu tief, und ich will alles suchen – dein Auge kommt mir immer seltener, ich tauge nichts für die Liebe, ich bin krank an Überfluss, und arm an Liebe für das einzelne, vergib mir!" –
Da stolperte sein Pferd über eine Wurzel, sein Schenkel ward an einem Baime gequetscht, und so erinnerte