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natürlich ging das alles rascher, als es erzählt werden kann; die Schritte, die Schüsse und Tod und Wunden flogen. Und in all dem Lärmen sass die alte Gräfin regungslos an ihrer alten Stelle, der bleiche Mondesschimmer zitterte über ihr steinernes Gesicht hin; nur wenn ihr Sohn seinen wilden jubel ob eines frisch getroffenen Russen aufschlug, da schien es, als schlüge ein Funke aus ihren starren Augen. Hedwig lief hin und her, um Patronen zuzutragen. Joel flüsterte ihr leise etwas zu, und deutete auf die alte Balkontür, es schien aber nicht, als ob sie etwas erwidere.
Die Haustür war gebrochen, der Schwarm stürzte die Treppe herauf, ein Schuss fuhr durch die Tür, und man hörte ihn noch durch die gegenüberstehende Tür des Saales dringen. Die gewaltige Wucht von mehreren Kolben flog an das Schloss, und stöhnend sprang es auf. Der Graf hatte sich in die Schusslinie rücken lassen, die drei übrigen Schützen standen neben und hinter ihm, nur zwei Schritt seitwärts sass die alte Gräfin; umsonst schrie ihr Sohn, umsonst zerrte Hedwig, sie sass noch unbeweglich, als man die gierigen Augen der Feinde erblickte. Vier Schüsse drängten sich von innen mit tödlicher Hast durch die enge Pforte, die Vordersten stürzten, und Cölestin harrte mit gespannter Pistole an der Mauer neben der Tür, um den ersten Eintretenden niederzustrecken. Eine augenblickliche Pause trat ein; Valerius glaubte während der letzten Salve ein Geräusch hinter sich gehört zu haben, er warf einen schnellen blick herum, eine breite Gestalt stand hinter ihm, die Balkontür lag an der Erde, von allen Seiten hörte man jenes schrillende Pfeifen, "der Schmied von Wavre", schrie alles durcheinander.
10.
So gewaltig ist selbst bei stumpfen Barbaren die moralische Kraft eines Begriffes: vor diesem gefürchteten Namen schraken die Angreifer bis zur Untätigkeit zusammen. Cölestin war der erste, welcher ihn ausrief; das verhängnisvolle Pfeifen in ihrem rücken, der Anblick jener Gestalt, die nur drohend eine lange Flinte in die Höhe hielt, presste den Russen das gleiche Geschrei dieses Namens aus, und sie standen gelähmt wie die Wölfe, welche eine Feuerflamme vor sich aufschlagen sehen.
Die Genossen des Schmiedes, welche von der Haustür herauf gedrungen waren und sich mit der Besatzung aus den Ställen verbunden hatten, überwältigten mit leichter Mühe den Rest des Streifkorps, der sich nur matt widersetzte. In diesem Augenblicke hörte man vor dem schloss die Fanfare einer Trompete. Cölestin hob wirklich mit frohlockender Miene sein Licht hinter dem Ofen hervor, der Schmied – denn dies war wirklich der so plötzlich erschienene Mann – sprang mit einem Satze zum Fenster. Valerius, im Anschauen desselben verloren, sah ihn das blitzende graue Auge wie einen Pfeil hinabschiessen – "es wird Graf Stanislaus endlich sein!" schrie der Graf; ein flüchtiges Licht der Befriedigung flog über das Antlitz des Schmiedes und er nickte leicht mit dem kopf. Darauf ging er raschen Schrittes zum stuhl der alten Gräfin, nahm seine dunkelrote Pelzmütze ab, bückte sich, tief und küsste den Saum ihres schwarzen Gewandes. Sein dichter Busch brauner Haare, hie und da schon mit grauen vermischt, fiel ihm dabei ins Gesicht, und er murmelte einige unverständliche Worte.
Der Graf rief indes nach Cölestin, er solle eine Flasche Champagner und einen der Gefangenen herbeibringen. Die Bedienten schleppten einen der Kürassiere in den Saal. Er fiel um Gnade flehend vor dem Grafen auf die Knie, und aus einem mit Haaren verwachsenen schwarzen gesicht sahen seine trüben, ausdruckslosen Augen starr auf die Hand seines neuen Herrn. Cölestin schenkte den Wein ins grosse Bierglas, dessen sich der Graf zu bedienen pflegte; dieser aber spannte den Hahn eines Pistols und schoss die Ladung dem Gefangenen ins Gesicht. Das arme Schlachtopfer duckte in Todesangst den Kopf nieder, und die Kugel riss ihm das Hinterhaupt entzwei, dass das Hirn weit umherspritzte.
Schreiend stürzte Hedwig herbei, um dem Vater in den Arm zu fallen, es war aber zu spät. Der Graf stiess einen Fluch aus und wollte den Körper des Unglücklichen mit dem fuss fortstossen, ein heftiger Schmerz erinnerte ihn aber an seine Krankheit; er griff zur Entschädigung nach dem vollen Glase und trank es in einem zug leer.
Als die Bedienten den Zerschossenen hinausschleiften, erschien Graf Stanislaus an der Tür. Kopfschüttelnd und mit trübem Ausdrucke im Gesicht übersah er noch schnell, was sich eben ereignet hatte. Lärmend hiess ihn der Graf willkommen, erzählte ihm, was vorgefallen, und mit den Worten: "Zu rechter Zeit kam der Schmied", wollte er sich eben zu diesem herumwenden, als er erst bemerkte, dass dieser Mann schon verschwunden sei, ohne einen Dank abzuwarten.
Stanislaus, ein hoch gewachsener junger und blühender Mann, erklärte, die Abreise nach Warschau müsste sogleich vor sich gehen, die Streifkorps drängten immer häufiger hinüber, jede Stunde Aufschub sei Verlust, man würde ohnedies nur bei grossem Glücke ungefährdet passieren können.
Cölestin brachte die Nachricht, der Schmied mit seinen Leuten sei aufgebrochen, um die Strasse für die gnädige Frau Gräfin rein zu halten, die Reise müsse aber sogleich angetreten werden, Magyac kenne die Tour genau, welche zu nehmen sei, an ihn solle man sich halten. Der Graf runzelte die Stirn und gab Befehl aufzubrechen.
Binnen einer halben Stunde sass er im ersten Wagen, wohl verpackt und rings mit Waffen umgeben, im zweiten fuhren die Damen, Stanislaus ritt auf der einen Seite, Valerius und Joel trabten auf der andern, dieser mit dem