holen. "Die kleine Hedwig," sagte er, "hat sich heute so tapfer bewiesen, sie trinkt gern ein Glas Champagner, sie muss ihr Siegesfest feiern." Hedwig klatschte in die hände, sprang zum Vater hin und küsste ihn – eine seltene Erscheinung in ihrem Wesen. "Papa," sagte sie mit mutwilliger stimme, und drehte mit den weissen Händen seinen dunkeln Schnurrbart, "lass mich Soldat werden." – Der Graf lachte, antwortete aber dem Valerius, welcher unterdes seinen gestrigen Versuch mit dem Kamin erzählt hatte und ihn wiederholen wollte. Hedwig sprang fröhlich zu dem Vorschlage über, ein Bedienter ward sogleich beordert, und in wenig Minuten loderte ein lustiges Feuer auf. Eben kam Cölestin mit den Flaschen, sah mit grosser Bestürzung nach der lodernden Flamme und flüsterte eiligst dem Grafen etwas ins Ohr. – "Halt's Maul, alter Narr, und mach den Draht von der Flasche." – Cölestin zog sein Augenlid einmal ganz in die Höhe und schoss einen stechenden blick auf Valerius. Dieser freute sich indes mit Hedwig und Joel des Feuers; der Champagner spritzte, man trank auf die Befreiung des Vaterlandes, und es war ein wunderlicher Anblick, wie die Flamme über die Mordgewehre und lustigen Gesichter hinlief und von der alten düsteren Gräfin abzuprallen schien, welche dem Feuer den rücken kehrte und nach den Fenstern hinstarrte, hinter welchen die Nacht lag. Joel, den der Wein aufgeregt hatte, sang mit Begeisterung ein altes polnisches Schlachtlied, und selbst der halbtrunkene Graf schien der sonoren stimme und der alten herzergreifenden Melodie mit grossem Anteil zuzuhören, das vaterländische Interesse war unverletzt, ja sogar poetisch in ihm erhalten. "Schade, Joel," sagte er am Schluss des Liedes, und stürzte ein volles Glas hinunter, "schade, Joel, dass du ein Jude bist."
Wie ein Schwertschlag traf dies Wort drei Herzen: Joel zitterte am ganzen leib, Valerius fühlte sich von Scham- und Zornesröte übergossen, und aus Hedwigs Augen tropften grosse Tränen. Da flog Taddäus wie ein Pfeil in den Saal: "Sie sind da, Herr – das unnütze Feuer hat sie gelockt," und damit riss er dem Cölestin ein feuchtes Tuch aus der Hand, womit dieser den überfliessenden Wein aufgetrocknet hatte, und warf es auf das Kaminfeuer, dass es zur Hälfte erlosch. "Dreister Schurke," rief der Graf und hob die Hand nach ihm aus, Magyac wich auf die Seite und stiess dabei Cölestin in die Rippen: "Schafskopf," vor sich hin murrend, "nicht mal soviel nütze." Er riss das Fenster auf, warf die nächsten Lichter um, und nahm die Büchse, die er fortwährend in der Hand gehalten hatte, an den Backen. Das war alles ein Augenblick, und wirklich krachten zwei, drei Schüsse ganz in der Nähe, die Fenster klirrten, die Kugeln schlugen in die Decke des Saales, ein wildes Hurra drang herauf. – Valerius löschte schnell das Kaminfeuer vollends, es ward einen Augenblick finster im saal, nur auf die den Fenstern gegenüberliegende Wand fiel ein lichter Streifen von einem brennenden Licht, das Cölestin hinter den Ofen postiert hatte. Schüsse und Geschrei von unten wuchsen. Die Leute des Grafen begannen aus Ställen und von Böden herunter ein sicher treffendes Gegenfeuer; der Mond kam herauf und beleuchtete den Raum vor dem schloss und den Saal. Überrascht durch den unerwarteten Widerstand sammelte sich das russische Streifkorps – denn ein solches machte den Überfall – und hielt einen Augenblick an. Sie mochten etwa noch hundertfünfzig Schritte entfernt vom schloss sein, und man konnte sie beim Schimmer des Mondes von dort genau übersehen. Die baufälligen, schlechten Ställe und Wirtschaftsgebäude befanden sich zur linken und rechten Hand des Schlosses und liessen die Aussicht nach dem wald frei. Man erkannte leicht, dass es eine gemischte truppe war, nicht eben zahlreich, aber doch der Mannschaft des Schlosses um das Doppelte überlegen. Sie war nur zur Hälfte beritten, einige Kürasse und Lanzenspitzen flimmerten in der Luft, hie und da sah man ein Bajonett. Während des kurzen Stillstandes schienen sie auf jemand zu warten; wirklich sprengte auch ein schwerer Reiter herzu, man hörte einige kurze, herrische Worte, und die truppe setzte sich eben in Bewegung. Da begann Taddäus jenes durchdringende Pfeifen, das ganz den scharfen Tönen einer Drossel glich, wenn sie einsam im wald ihre stimme erhebt – auf allen Böden, in allen Stalltüren ward es wiederholt. Wie vom Blitz getroffen hielt der Feind inne. – "Der Schmied, der Schmied," ging's von mund zu mund – jetzt knallte der Schuss des Taddäus, und jener schwere Reiter, welcher der Anführer zu sein schien, knickte vorn über den Hals des Pferdes herab. Dadurch wurde jener zweifelhafte Zustand aufgelöst; die Russen, welche vor einer verborgenen Macht besorgt zu sein schienen, stürzten jetzt in wildem Sprunge auf das Schloss zu; die Polen, welche jenen geheimen Schrecken benutzt hatten, um ihrer Lage irgend eine andere Wendung zu geben, brannten nun auch all ihre Schüsse ab, und die meisten schlugen sicher in die heranstürmende Masse. Die schlecht verwahrte Haustür gab den Belagerten nur soviel Zeit, frisch zu laden, die Tür des Saales mit Stühlen und Tischen zu verrammeln, und die aussen versteckten Polen konnten noch einige gut gezielte Schüsse teils unter die Belagerer schicken, teils nach den unvorsichtigen Russen richten, welche sich einzeln nach den Ställen wagten, um ein Pferd zu erbeuten