bedeckten. Er ahnte das Tausendfältige der menschlichen Zustände, die tausendfältigen Nuancen der Weltgeschichte, die millionenfachen Wechsel in der Gestalt eines Jahrhunderts und in der Gestalt seiner Wünsche und Bedürfnisse. Er sah die Armut des menschlichen Geistes, der reformieren will, neben dem unabsehbaren Reichtume, der unendlichen Mannigfaltigkeit dieser Welt und ihres verborgenen ewigen Gedankens. Wie ein Prisma schimmerte ihm aus dem Dunkel seiner Seele jener ewige Gott der Welt mit seinen Farben. Und dies Gefühl der Schwäche, dass er nicht eine einzelne bestimmte Farbe herausblicken konnte, das Gefühl der Ohnmacht, sie nicht im geist alle vereinigt halten zu können, dies Gefühl der menschlichen Beschränkteit drückte ihn zu Boden.
Es gibt Menschen, welche zu stolz sind, einen Schritt weiter zu gehen, bevor sie das Ziel genau kennen, auf welches sie losschreiten. Zu diesen gehörte Valerius. Er glaubte noch an all seine früheren Gedanken, aber sie erschienen ihm jetzt unvollkommen, Anfänge der Bildung.
Das sind die trostlosesten Momente im Leben, wo wir den Fuss erhoben haben von einer früheren Entwicklungsstufe, und noch keinen neuen festen Boden unter uns fühlen. Wir sehen mit Schrecken, wie tief jene Stufe noch gelegen, wir erinnern uns mit Scham, wie weit wir uns schon vorgeschritten glaubten, als wir auf. jener Stufe standen, und der Gedanke zerknirscht unser stolzes Herz, dass wir beim nächsten Ruhepunkte wieder in denselben Irrtum verfallen, und uns für fertig, für vollendet halten werden. Wir sehen ängstlich fragend zum Himmel: Wo ist das Ende, wo ist der Gipfelpunkt des Menschen? Aber der blaue Himmel ist endlos für das menschliche Auge, und wenn wir noch so hoch gestiegen sind, wir wissen's nicht, ob es höher Stehende gibt, die uns verlachen. Da bricht das Herz, und wir greifen nach jener Milde und Toleranz für andere, damit wir Versöhnung in das Leben bringen.
Valerius seufzte tief auf nach solchen Gedanken und sah schmerzlich lächelnd in die Sonne: "Nun denn, du mildes Licht, ich will eben weiter gehen, und jeder deiner Strahlen soll mir Mut verleihen." Es war ihm sanft zu Sinne, als habe er sich recht ausgeweint, und er ging leichten Schrittes in den Hof hinunter, um einen Ritt ins Freie zu machen. Er wollte mit der Sonne schwelgen. Magyac war nicht zu sehen; als wieder rüstig gewordener Soldat ging er nach dem Pferdestall, den litauischen Gaul selbst zu satteln, den ihm der Graf geschenkt hatte.
Zu seinem Erstaunen fand er das Pferd schon gesattelt, sogar schon aufgezäumt. Beim Umherblicken bemerkte er, dass alle übrigen Gäule ebenfalls angeschirrt und zum Ausreiten bereit waren.
In geringer Entfernung von ihm legte Magyac eben dem letzten noch übrigen Tiere einen alten Kosakensattel auf; Cölestin stand neben ihm an die Pfoste gelehnt, und Valerius hörte bald, dass sie in einem lebhaften Zwiegespräch begriffen waren. Beide kehrten ihm den rücken zu, und hatten ihn nicht gesehen.
"Und was wird's euch helfen, ihr Tellerlecker, wenn's glücklich ausgeht," sagte Magyac, "was? Für 'nen dummen Herrn bekommt ihr einen klugen?"
"Besser einen, als zwei!" erwiderte Cölestin.
"Besser gar keinen!"
"Das geht nicht, dummer Bauer, herrschaft muss sein."
Magyac lachte, hielt einen Augenblick inne im Schnallen des Sattelgurtes und sah vor sich hin, als besänne er sich auf etwas, dann sprach er schnell: "Dem Graf ist einer der schlimmsten – er schlägt die Woche siebenmal nach dir, und schenkt dir's ganze Jahr nicht einen Schluck."
"dafür nehm' ich mir alle Stunden einen."
Cölestin zog bei diesen Worten eine kleine Flasche aus seiner kurzen abgetragenen Kutka, stemmte sie fest unter seinen Schnurrbart, legte den Kopf tief in den Nacken und tat einen langen Schluck. Darauf schüttelte und räusperte er sich, gleich als ob ihm der Trunk entsetzlich vorkäme, und reichte dem Magyac die Flasche. Valerius belächelte diese Säufermanier und stellte sich hinter einen hohen Futterkasten, um dem gespräche weiter zuzuhören, wenn sich Magyac etwa beim Zurückgeben der Flasche umkehren sollte.
"Wie lange dienst du dem Grafen schon?"
"Länger als du Grünschnabel pfeifen kannst – im sechsunddreissigsten Jahre."
"Da hast du Kosciusco noch gesehen?"
"Alle Tage." Und dabei nahm er seine Mütze andächtig vom kopf und murmelte etwas vor sich hin.
Magyac hatte sich bei der Frage umgewendet und sah ihn mit blitzenden Augen an.
"Kosciusco hat nie einen Polen geschlagen – weisst du das?" Und dabei fing er das alte Volkslied an "Noch ist Polen nicht verloren", und wenn er an den Refrain kam, "Kosciusco führt uns an", da zwickte und kitzelte er das Pferd, dass es wieherte und hinten und vorn ausschlug, und je mehr es lärmte, desto stärker sang er.
"hatte' es der Schmied gestern eilig?" fragte Cölestin nach einer Weile.
"Jawohl, die Hunde zotteln wie die Wölfe überall herum, sie hungern!"
"Nun, zu packen habe ich nicht viel, das silberne Tischzeug ist schon lange in Warschau, meinetwegen können sie jede Stunde kommen, 's ist mir nur um die gnädige Gräfin –"
"Ist's denn wahr, Cölestin, dass König Stanislaus in sie verliebt gewesen ist?"
"Es ist die beste Polin von der Warte bis an den Dniepr,