unter Kirchenpfeilern gestanden, wie sie gekommen sei und ihn geküsst habe, heiss und brünstig. 'Aber Jude – Jude – ein Jude!' stöhnte er ingrimmig, 'ich verlor die ganze Welt, und mein eigen Kind musst' ich mir stehlen.' – –
Jene Maria war vielleicht meine Mutter. Einmal nur hab' ich's zu Manasse gesagt, da starrte er mich an und verfiel in eine schwere Krankheit. Kurz, mein Herr, ich bin als Jude aufgewachsen, und in dem einen Worte liegt das Unglück eines ganzen Menschenlebens.
Die Juden Jerusalems kreuzigten Christum, und seine Bekenner kreuzigen dafür seit achtzehnhundert Jahren alles, was Jude heisst auf dem weiten Erdboden. Und was noch schlimmer ist, sie haben bereits einen grossen teil dieses Volkes so weit gebracht, dass er der Geisselung, der Verachtung würdig ist. Sie haben ihnen Messer und Schere genommen, und prügeln sie, wenn sie mit ungeschornem Barte umhergehen. – –
Was soll ich Ihnen mehr erzählen? Mit jenem Worte ist alles gesagt. Ich bin blind von Kindesbeinen auf – nicht genug: ich bin taub geboren – nicht genug: meine Zunge ist lahm und lernt nicht sprechen. – Solche Menschen nennt man elend, aber viel grösseres Elend liegt in den drei Worten: Ich bin ein Jude. Jene sehen und hören nichts von der Schönheit der Welt, sie wissen nicht, was sie entbehren. Wir sehen und hören und dürfen nicht geniessen. Es gibt kein grösseres Unglück, als verachtet zu sein, nicht wahr? – Doch, doch – das Unglück, einem verachteten volk anzugehören, ist noch ein grösseres. Verbirg dich jenseits der Meere, fliehe auf den Flügeln der Abendröte in die Nacht hinein, wo du einen Menschen findest, hörst du die drei fürchterlichen Worte: Er ist ein Jude! – –
Mein Vater liess mich alles lernen, was ich erlernen wollte. Die Wissenschaft tröstet nicht, aber sie hilft. Damals war er noch sanfter, aber mit dem Alter stieg sein Unglück, weil seine Schwäche stieg. Seit einiger Zeit gehört er zu der überspannten sekte, welche sie Chassidim nennen, und ist grundlos elend. Sonst kümmerte er sich nicht um seinen Glauben, nur aus Stolz verliess er ihn nicht; er liess mich gewähren, wenn ich mich um die Bräuche nicht kümmerte, er fragte nie danach – jetzt ist er bigott, ohne an seine neuen Dinge zu glauben. Er w i l l einen Glauben haben, und zwar den strengsten, um die Öde seines Wesens zu bevölkern. Jetzt mag ihm mein Heidentum viel Herzeleid machen, obwohl er mir nimmer ein Wort darüber sagt.
Als ich von der Universität heimkam, fand ich meinen Vater bei dem Herrn dieses Hauses, bei dem er Geschäfte hatte. Als dieser hörte, dass ich musikalische Kenntnisse besässe, fragte er, ob ich seiner Tochter Musikunterricht geben wolle, ihr Verlobter, der Graf Stanislaus liebe Musik. fräulein Hedwig war damals ein Jahr jünger als jetzt; man hatte die beiden jungen Leute schon als Kinder verlobt – ich blieb. Da kam die Revolution und der Krieg. Ich bat um eine Soldatenjacke, ich wollte ein Vaterland haben – man gewährte sie mir. Mit Ihnen, mein Herr, kam ich zum erstenmal seit dem Dezember wieder hierher, und ich törichter Mensch wundere mich, dass man mir unter dem Kaskett noch immer den Juden ansieht. – –
Ich weiss selbst nicht, was mir fehlt, und ich will auch nicht mehr weinen – lassen Sie uns zu Bett gehen."
Der Vorschlag war dem Valerius nur zu angenehm, er hatte keinen Trost für ihn. Die Lücke in seiner Erzählung, wo er von der Universität heimkehrte, war ihm nicht entgangen.
Man hatte das Feuer vergessen, es war dunkel geworden, nur die glühende Asche warf einen unsicheren roten Schimmer auf das schmerzenreiche Antlitz des schönen Joel. Valerius nahm ihn bei der Hand, und sie suchten schweigend ihre Zimmer.
9.
Den andern Morgen schien die Sonne; das trübe Wetter hatte sie bisher immer verborgen. Sie brachte Mut in das schwer gedruckte Herz des deutschen Freiwilligen. Die Sonne hat wirklich ein wunderbares Belebungselement für die sinnenden Menschen, die in lauter Gedanken das Leben hindurchklettern und jener körperlichen Anregung zur Freude entbehren, welche die stumpfe Masse und die eigentlich glücklichen Menschen zu Lust und Jauchzen stachelt. Valerius gehörte nicht zu diesen letzteren, und er verehrte darum die Sonne wie ein Peruaner; sie war ihm das wirkliche Auge des himmels, und Gott und der Himmel waren für ihn der Begriff von eitel Schönheit, Freude und Glück.
Es war ihm aber auch dieser Trost nötiger als je, es tat ihm mehr als je not, ins Auge, in die Seele der Welt hineinzublicken. Er befand sich auf jenem traurigen Standpunkte menschlicher entwicklung, wo der graue Zweifel, die aschfarbene Ungewissheit Herz und Geist anfüllt, wo bei leidenschaftlichen Menschen die Verzweiflung ausbricht, bei ruhigeren aber jene tötliche Gleichgültigkeit des Unbehagens. Sogar die Vergangenheit war ihm verleidet: sein eigenes sicheres, abgemachtes Wesen, das ihn früher ausgezeichnet hatte, war jetzt seiner Erinnerung ein Greuel. Abgeschmackt, eitel, töricht erschien ihm diese knabenhafte Sicherheit, dies ganze gesetzte Wesen, das ihm stets ein so grosses Übergewicht unter seiner Umgebung eingeräumt hatte.
Und doch waren es nicht jene Freiheitsgedanken an sich, die er jetzt bezweifelte; es waren die Verhältnisse im grossen, die allgemeinen historischen Entwickelungen, die ihm den Geist mit Dämmerung