seinen Herrn betrachtete, die Dreistigkeit seines Herumstreichens im saal nicht bemerken.
Verdriesslich über das Verleugnen einer Erscheinung, die seinen Umgebungen weniger unbekannt zu sein schien, hiess er die beiden Leute zu Bett gehen.
Cölestin war wie ein Blitz verschwunden, und Magyac verbarg seine Eile wenig. Die freundliche Behandlung, welche er bisher von Valerius erfahren hatte, war nicht ohne tiefen Eindruck auf den jungen Polen geblieben. Er war an rauhere hände gewöhnt, und bewies dem deutschen Herrn eine lebhafte Hingebung. Valerius hatte oft grosse Mühe, sich den Versuchen Magyacs zu entziehen, wenn er ihm den Arm oder den Rockzipfel küssen wollte. An jenem Abende machte ihm diese orientalische Manier Magyacs keine sorge. Wie ein Fuchs klemmte er sich mit seinem Pelze durch die halboffene Saaltür und verschwand.
"Gegen die besten Freunde ist diese Nation misstrauisch und stolz," brummte Valerius mürrisch vor sich hin, und setzte sich wieder ans Feuer; er sah Joel fast unmerklich mit dem kopf nicken, tonlos die Lippen bewegen und in die Flamme starren. Es war totenstill; nach einer Weile glaubte Valerius gegen den Wald zu wiederum jenes Pfeifen zu vernehmen, wenn auch ganz leise – er horchte aufmerksam: alles blieb still, nur die Saaltür knarrte im Luftzuge.
8.
Die beiden jungen Männer brachten noch eine lange Zeit schweigend zu. Jeder war offenbar in trübe, düstere Gedanken versunken. Joels Traurigkeit schien indes weicher und von höherer Reizbarkeit zu sein: zuweilen rollten dicke Tränen über seine Wangen.
"Der Freiheitskrieg eines Volkes," sagte endlich Valerius leise vor sich hin, "ist wie ein Liebeskrieg, man nimmt die Unterstützung eines Fremden an, aber betrachtet ihn gleichgültig wie ein Werkzeug, in den Herzensrat kann er nimmer aufgenommen werden."
Da sah er zwei grosse Tränen des armen Joel; er schalt sich, dass er so drängendes, nahes Leid über seinen Grillen habe vergessen können, und suchte nach einem Eingange, dem Kranken nahe zu treten, ohne ihn durch Beileidsgeschrei noch schlimmer an seine Krankheit zu erinnern. Alle Leiden sind von e i n e r Familie, die meisten Trostgedanken passen auf alle, und die edelsten Leiden sind wie die edelsten Familien: sie hören sich nicht gern selbst nennen, wenn man über ihre Schmerzen spricht. Das Unglück hat die zarteste Schamhaftigkeit. Deshalb suchte Valerius einen fernen und doch verwandten Gedankengang, um nur in die Tonart seines weinenden Nachbars einzufallen, nicht aber seine Trauermelodie selbst anzustimmen.
"Die natur," hub er leise an, als setze er sein Selbstgespräch fort, "ist doch von tiefer Gerechtigkeit, sie gleicht das äussere Leben durchs innere aus. Je schwärzer es aussen um den Menschen wird, desto mehr wird er nach innen gedrängt, desto lebendiger entzündet er das Licht seiner inwendigsten Seele; Leute, denen es immer nach Wunsch geht, sehen niemals die verborgenen Reize des unergründlichen Menschen. Der Flüchtling entdeckt alle versteckten Täler seiner Heimat. Nur das wäre ein zweifelloses Unglück, wenn grosses Leid keine Poesie in dem Menschen zu wecken vermöchte, aber das geschieht nicht: die unglücklichsten Menschen sind immer die begabtesten. Ein jeder von ihnen trägt seine Tragödie im Herzen, die hebt und erquickt ihn. Der Schmerz ist der edelste Reiz. – –"
Joel drückte ihm die Hand. Sein Schmerz löste sich in einzelne Worte, endlich in eine zusammenhängende Erzählung auf. Und es ist mit dem Schmerze ebenfalls wie mit schmollenden Liebesleuten: wenn sie erst zu sprechen anfangen, und sich ihr Leiden vorhalten, dann folgt auch die Versöhnung.
Sein Vater Manasse spielte die Hauptrolle in der Erzählung. "Dieser lange, magere Mann," sagte Joel, "war einst kräftig und schön, und in seiner gefurchten Stirn liegen lange, abenteuerliche Geschichten, unglückliche Geschichten. Er hat allen Wissenschaften obgelegen, die den menschlichen Geist anziehen, und nichts ist ihm geblieben, was sein Alter reizt und mit Anteil erfüllt, als sein Geld und sein Sohn. Nach jenem strecken tausend Diebe die hände, über Nacht kann es verschwunden sein; der Sohn, sein Stab und seine Stütze, verlässt ihn mit Undank. Der Glaube, an den sich der Vater krampfhaft klammert, obwohl er seinem Herzen fremd ist, dieser Glaube ist seinem Sohne ein Greuel. Und schiene die Sonne zwölf Monden lang ununterbrochen Tag und Nacht, sie fände in dieser kleinen Familie keinen glücklichen Winkel."
Joel seufzte tief und hielt einen Augenblick inne.
"Nur aus Szenen der Verzweiflung, welche meinen armen Vater zuweilen überfällt, weiss ich einiges aus seinem Leben. Er ist verschlossen wie das Grab. Die Medizin scheint er in seinen jungen Jahren am eifrigsten betrieben zu haben; in allen bedeutenden Städten Europas hat er sie ausgeübt. Aber auch die Ärzte hasst er wie die Pest. Einst war ich schwer krank und lag im Fieberschlummer auf dem Lager. Manasse sass weinend an meinem Bett und glaubte meinen Geist vom Fieber oder vom Schlafe befangen. Dem war aber nicht so, ich hörte alles, was er vor sich hinlispelte. Er verwünschte die natur, wenn sie mich tötete, das Auge seines Lebens. 'Kein Mensch kann einen Pulsschlag schaffen, nur die Frechheit behauptet's', murrte er vor sich hin, 'rette ihn Zufall oder Jehova, rette ihn, wer am mächtigsten ist.' Dann brach sich seine stimme zu grosser Milde, er rief mehrmals den Namen Maria, und erzählte vor sich hin, wie er des Abends in den Mantel gehüllt