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Wesen ohne Hülle hervortritt. Die Völker sind in gegenseitiger Beurteilung noch lange nicht vorsichtig genug.

Valerius gestand sich's, dass er in einem wohnlichen Zimmer, im breiten Gespräch mit deutschen Freunden Welt und Dinge plötzlich anders ansehen würde.

Cölestin war unterdes schon lange mit seinen Geschäften zu Ende gekommen, hatte das Licht wieder auf den Tisch gestellt, und schien den Aufbruch des Gastes vom haus erwarten zu wollen. Zur deutschen Nationalität des Valerius mochte es auch gehören, dass er keinen Diener warten lassen, hinter dem stuhl bei Tisch sehen konnte; es quälte ihn, es benahm ihm alle Ruhe, wenn er wusste, dass ein Mensch eine Zeitlang lediglich von ihm und seinen Launen bestimmt werde. Rasch ging er nach dem alten Cölestin hin. Zu seinem Erstaunen sah Valerius in einer andern Ecke des Saales Joel auf einem stuhl sitzen; er hatte das Gesicht in die Hand gedrückt und schien zu schlafen. Valerius zog ihm die Hand weg und fand das blasse Gesicht seines jungen Freundes in Tränen gebadet.

Wenn man solche Tränen nicht errät, muss man nicht danach fragen. Das war Valers erster Gedanke, indes glaubte er ihre Quelle zum teil zu kennen, und er wollte den jungen Mann zu trösten versuchen. Gleich als ob er selbst dazu einer behaglicheren Stimmung bedurft hätte, fragte er Cölestin, ob es möglich sei, in dem Kamin Feuer anzumachen. Dem Alten schien die Frage so völlig überraschend zu sein, dass er sich lange besinnen musste, ehe ein gedehntes "O ja!" zum Vorschein kam.

Es befand sich nämlich wirklich ein geschmackvoller Kamin im saal. Er war nach Art der Pariser eingerichtet und wie jene mit einer messingnen Einfassung umgeben. Alles war indessen mit Staub bedeckt, und Cölestin antwortete, dass seit fünfzehn Jahren kein Feuer darin gewesen sei. Damals wäre der regierende Herr Graf von Paris gekommen und habe den Kamin anlegen lassen; die selige, gnädige Gräfin wäre ein paarmal dagesessen, wenn sich Besuch auf dem schloss eingefunden hätte; die neue Gewohnheit sei aber bald wieder vergessen worden.

Magyac ward gerufen, um den Kamin zu reinigen, Valerius nahm Joel unter den Arm und ging schweigend mit ihm auf und ab. In kurzem brannte eine lustige Flamme und erleuchtete den wüsten Saal, ja das Licht lief bis in den nahen Wald hinüber. Die jungen Männer setzten sich an den Kamin. Cölestin und Magyac hatten sich in einen Winkel zurückgezogen und sahen mit einer Art von Neugierde auf das Feuer. Magyacs luftrotes Gesicht stach wunderlich ab von dem schneeweissen Haare des alten Domestiken. Cölestin war gross, das Alter hatte seine Schultern schon etwas nach vorn gebogen, aber sein Schnurrbart war noch pechschwarz, und die eingefallenen Züge traten noch mit grosser Strenge hervor. Er hatte ein Auge verlogen und das andere war immer zur Hälfte bedeckt vom Augenlide, so dass man selten das frische Schwarz des Augapfels erblickte. Die ferne Flamme spielte wunderliche Lichter auf die beiden Sarmatengestalten, und Valerius, ein lebhafter Freund von solchen Bildern, machte eben seinen Nachbar auf die ganze lichte und dunkle Umgebung aufmerksam, als die Szene noch lebendiger wurde durch den Eintritt Hedwigs. Sie klatschte in die hände und kam zum Kamin gesprungen; ihre französische Zofe rief entzückt, sie sehe Paris wieder; sogar Joel wurde munter, und man schwatzte ein Weilchen heiter und lustig. Das frische sechzehnjährige Mädchen glänzte wie ein zweites Feuer vor den Flammen mit ihren blitzenden, mutwilligen Augen, den weissen Schultern und den braunen Flechten, die ihr halb aufgelöst um den Nakken flogen. Es schien, als habe sie eben zu Bett gehen wollen, da sie die unerwartete Gesellschaft im Saal gefunden hatte. Das Halstuch trug sie in der Hand, und den Kamm, welcher schon aus dem Mittelpunkt der Flechten gezogen war, steckte sie scherzend in den Scheitel des offenen Haares. An sich harmlos, von Jugend auf unter Männern, war sie dreist und am fernsten von aller Prüderie. Ihre Grossmutter war ja auch ein Mann und kümmerte sich nur um die Befreiung des Vaterlandes, nicht aber um das Busentuch ihrer Enkelin, die jetzt über Nacht zur Jungfrau emporgewachsen war. Ihre Mutter hatte sie kaum gekannt. So war sie denn wie ein lustiges, freies Füllen gediehen, war natürlich dreist und doch voll echten Schamgefühls. Als sie ihre Freude am Feuer gesättigt hatte, sagte sie "Bonne nuit, Messieurs", und sprang davon. Es trat eine augenblickliche Stille ein, Valerius warf neues Holz aufs Feuer, Joel sah gedankenvoll in die Flammen hinein, als wollte er sein Leben bis in die fernste Zukunft darin entdecken. Da hörte man plötzlich ausserhalb des Hauses einen gellenden Pfiff durch die Luft schwirren. Joel schrak sichtbar zusammen, Valerius wendete sich schnell um und fragte die noch im Winkel stehenden Bedienten, was dies zu bedeuten habe. Sie erklärten mit halben Worten ihre Unwissenheit; es war aber dem Valerius nicht entgangen, dass Cölestin seine Hand nach dem Rockzipfel Magyacs ausgestreckt hatte, wahrscheinlich, um diesen vor einer Unvorsichtigkeit zu warnen. Magyac war offenbar am meisten beunruhigt, und da er noch weniger an die unterwürfige Domestikenform Cölestins gewöhnt war, dessen Körper wie eine Bildsäule unbeweglich stand, während die Befehle seiner herrschaft ruhten, so wagte er's, sich ans Fenster zu schleichen und hinauszublicken. Er ging sogar auf die entgegengesetzte Seite des Gemachs zu einer halb zerschlagenen Glastür, die auf einen verfallenen Balkon führte. Dabei schlich er aber auf den Zehen, als sollte Valerius, den er wie