mehr. Und liesse Gott, unser Gott, das letztere geschehen, dann sollt ihr meinen Leichnam auf das freie Feld werfen für die Vögel des himmels, damit die Kunde von unserem Unglück durch alle Lüfte getragen werde, und Gott sie hören muss."
Es ist ein tiefes Geheimnis um die Heimat, und es ist ein wahres Wort: Was uns wohl tun soll, muss uns heimatlich werden. Valerius staunte die lange Grabesfrau an, er sah in das untraulich lächelnde Gesicht des Grafen, aber es war ihm kalt im Herzen. Er fühlte es mit tiefem Weh, dass ihn nur ein Begriff mit diesen Leuten vereine, kein Tropfen warmen Blutes; dass die Nationalitäten, die ihm stets unwichtig erschienen waren, von gewaltiger Bedeutung und Trennung seien.
Nur die Tochter des Hauses, die schöne Hedwig, erinnerte ihn an das frische polnische Element, an die ewige, tragische Jugend dieses Volkes, die nimmer klagt und wimmert, und unter Tränen lacht. Sie und der liebenswürdige Joel hielten seinen Mut aufrecht in dieser unnahbaren Fremde. Die Liebenswürdigkeit ist überall daheim.
7.
Die beiden Jugendgestalten waren es allein, die seinen Geist ein wenig aufheiterten. War es Folge der Krankheit, oder rührte es von andern Einflüssen her: Valerius befand sich fortwährend in einer Stimmung, die ihm das Leben ohne alle Farben, ohne alle Reize darstellte. Er war durchgehends unzufrieden mit sich selbst, unzufrieden, dass er sich früher jedem Anregen zur Begeisterung hingegeben hatte, unzufrieden, dass ihm jetzt alles grau, unerquicklich, uninteressant erschien.
Es war ein rauher Abend, als ihm diese Gedanken quälender als je auf Herz und Lippe traten. Er sass in dem grossen saal, wo die Familie zu Abend gegessen hatte. Die alte Gräfin und der Graf waren nach ihren Zimmern gebracht, Cölestin, der betagte Diener, räumte den Tisch ab und brachte die leeren Flaschen beiseit. Das war ein Geschäft, das der regierende Herr Graf alle Tage einigemal nötig machte. Der weite wüste Saal lag in unheimlicher Dämmerung, ein Licht, das für Valerius bestimmt war, brannte flakkernd an einem Fenster, und der Luftzug, der durch die schlecht verwahrten Rahmen drang, drohte es zu verlöschen. Der alte Domestik ging leisen Schrittes schweigend ab und zu; in dem fernsten Winkel des Saales stand Valerius und blickte in die unfreundliche Nacht hinaus. Hie und da sah er eine Schneeflocke vorübergleiten.
Er war in einer traurigen Stimmung, wie sie im jungen Mannesalter bei einem prüfenden, strebenden geist leider nicht so selten erscheint, als man zu glauben geneigt ist. Sein Charakter war nicht von jenem leidenschaftlichen Schwunge gehoben, der ohne weiteres auf den Dingen und Erscheinungen hinfliegt, welche sich ihm bieten. Obwohl der begeisterndsten Gefühle fähig, war doch ein gewisses, rationelles Wesen in seinem inneren mächtig. Er hatte selten rasch und leidenschaftlich eine Richtung eingeschlagen; blieb er nun zwar im Verfolgen derselben um so standhafter und hartnäckiger, je tiefer allmählich seine Überzeugung Wurzel geschlagen hatte, so fehlte ihm doch in kritischen Momenten jener schwärmerische Fanatismus, der alle Zweifel überflügelt und mit bunten Farben die blasse Wirklichkeit übertüncht. Jenes begeisternde Element Alexanders des Grossen ging ihm ab, das dieser von seiner exaltierten Mutter Olympia geerbt hatten.
Man erzählt von dieser, dass sie die wildeste unter den Frauen gewesen sei, welche mit aufgelöstem Haar und brennenden fackeln und Augen in dunkler Nacht zum Opfer der Götter schritten. In der Nacht, bevor sie Alexander empfing, hatte sie geträumt, Jupiters Blitze schlüge in ihren Schoss.
Dieser Blitz des Jupiter, der die zweifellosen Helden und Verbrecher schafft, der Blitz des Fanatismus, fehlte dem Valerius. Sein Wesen war fern von der schwanken Unentschlossenheit, von dem charakterlosen Umhertappen. Es war eben im Gegenteil zuviel Charakter in ihm, als dass er hätte gerade fortschreiten können, ohne wiederholt zu prüfen; es war zuviel Humanität in ihm, als dass eine entschiedene, unerschütterliche Feindschaft in seinem Herzen hätte entstehen können. Die Humanität verträgt sich nicht mit dem romantischen Heldentume.
Valerius hatte sich Polen anders gedacht, und er schalt sich, dass er sich wie ein Kind romantischen Vorstellungen hingegeben hatte. "Ist es nicht töricht, andere Zustände von einem land verlangen zu wollen, dessen Entwicklung so gewaltsam gestört worden ist! Bedarf's denn äusserer bunter Illusionen, um die Begeisterung für einen schönen Begriff lebendig zu erhalten? – – Leider ist es so; unsere Augen sind die schnellsten Boten, wir tun immer nur halb so viel für ein garstiges Mädchen, als für ein schönes, wenn wir auch glauben, es mit jener so gut zu meinen, als mit dieser."
So sprach er leise vor sich hin. Er kam nicht einmal zu dem Geständnisse, dass das Unbehagliche um ihn her, der wüste Saal, das Unordentliche des Hauses das meiste beitrügen zu seinem Übelbefinden. Er vergass es völlig, dass er die Ansprüche eines Deutschen an eine fremde Nation mache, dass es jene Gemütlichkeit, jenes Beisammensitzen, jenes Schwätzen sei, was er vermisse. Über die Nationalunterschiede glaubte er so weit hinweg zu sein, und wusste nicht, dass sie bis in die geheimsten Winkel unseres Wesens eingepresst sind, und am lautesten sprechen, wenn man wer weiss welch hohe Motive zu hören glaubt. Wir erfreuen uns anders, wir erholen uns anders, wir hassen und lieben anders – das wirkliche Nationalleben Italiens und Spaniens würde uns lange Zeit ebenso unbequem erscheinen; und vorzüglich zu zeiten allgemeiner Erregteit, wo das angewöhnte