Lücken in Dach und Mauern. Die dünne Schneelage, welche alles bedeckte, schmolz eben unter der hervortretenden Sonne, und das Ganze bekam ein schwarzes, unwirtliches Ansehen.
Valerius stand mit untergeschlagenen Armen am Fenster, und ein tiefer Seufzer drang aus seinem Herzen. Er war aus Deutschland gekommen, um diesem tapferen volk zur Erkämpfung der Freiheit seinen Arm zu leihen. Mut und Patriotismus ohnegleichen hatte er allerdings gefunden, sonst aber alles in traurigem Zustande. Hohe gesellige Kultur neben aller Vernachlässigung des häuslichen Lebensmaterials, Ehrgeiz ohne Mass und ohne Berücksichtigung der Allgemeinheit, keine Spur von deutscher Häbigkeit und Wohlfahrt. "Es ist ein ander Volk, ein ander Land," sprach er oft zu sich, "du musst dich einleben, es nicht nach andern Formen bemessen." Aber froh wurde er doch nicht.
Wir glauben es nicht, wieviel äussere Freiheit wir entbehren können für den zierlichen und behaglichen Herd, für die anregende und befriedigende Gesellschaft. So dass die gesellige Kultur oft mächtiger erscheint als der Drang nach Freiheit. Dies macht es auch allein erklärlich, wie ganze Völker ohne Klage in den erniedrigendsten Regierungsformen fortleben, ja sich befriedigt fühlen können.
Die Behaglichkeit eines heimlichen, hergebrachten Zustandes ist die grösste Macht des Bestehenden, da immer nur der kleinste teil des Volkes von Ideen angeregt wird und aus dem warmen Bett in die kalte Luft hinausspringt.
Joel kam herbeigehinkt und unterrichtete den Kranken über Personen, Eigentümlichkeit und Zusammenhang des Hauses.
6.
Einige Tage darauf war Valerius so weit hergestellt, um der Familie des Hauses seine Aufwartung machen zu können. Er fand den Grafen in einem weiten, leeren saal. Dort sass er auf einem Räderstuhle, grosse Jagdhunde lagen daneben, die Füsse waren in weite Pelzstiefeln gehüllt, ein reicher Zobelpelz schützte ihn gegen die ziemlich unbehagliche Temperatur des öden Raums.
Der Graf empfing ihn mit der Höflichkeit eines gewandten Weltmannes, Valerius musste sich einen der schlechten Stühle nehmen, welche in geringer Anzahl und unordentlich im saal herumstanden, und das Gespräch war sogleich mitten im Kriege.
Der Graf hatte eines jener verwüsteten Gesichter, die auch mitten in der Verwüstung noch Spuren von grossem Reiz entwickeln. Die Formen sind ursprünglich scharf und schön gewesen, das Leben hat sie hie und da abgestumpft, die Mienen sind durch tausend Affekte ein wenig verzerrt worden. Die Mienen sind aber die Sprache der Formen, und so machte der Anblick des Grafen keinen wohltuenden Eindruck. Das graue Haar lockte sich nur spärlich noch um die Schläfe, das Haupt war schon kahl; auf der hohen Stirne liefen allerlei Leidenschaften wild durcheinander, und die Augen lauerten dreist, oder kamen frech angesprungen. Um den Mund, welchen ein schwarzer Knebelbart zur Hälfte verbarg, flogen jene schnell wechselnden, ungewöhnlichen Falten und Eindrücke, die wie ein unbekanntes Alphabet aussahen, dessen Buchstaben man nicht zusammenreimen kann.
Das war der Mann, welcher vor Valerius sass, heftig schilderte, verbindlich dazwischen sprach, einen der Hunde über den Kopf schlug, die Peitsche nach dem alten Diener warf, der den Tisch zu decken kam, und mit dem fuss an einen der Hunde stiess, schnell wieder verbindlich gegen den Fremden lächelte, und mit vielerlei Redensarten das Gespräch fortzuspinnen wusste.
Aber in dem einen Punkte war er wie die Besten: alles ward hingegeben für Polen, alles aufs Spiel gesetzt – der Graf brauchte nur seltener das Wort "Vaterland", er sprach vom Königreich P o l e n .
Selbst diese Eigenschaft hatte für Valerius etwas Unheimliches. Dies Gefühl ward noch gesteigert durch die Mutter des Grafen, welche bald darauf eintrat. Es war eine Matrone von achtzig Jahren, aber sie trug ihre hohe Figur noch kerzengerade, und ihr starres, mageres Gesicht war noch voll angefangener Erzählungen von früherer ausserordentlicher Schönheit. Sie machte den Eindruck eines Gespenstes auf Valerius, denn sie war schwarz gekleidet vom Scheitel bis zur Zehe, und ihre Manieren waren steif und förmlich, wie man sie an alten spanischen und französischen Hofdamen beschreibt. Eine kurze Rede, welche sie an ihn richtete, und worin sie im Namen der Nation dankte, dass er aus fremdem land zum polnischen Kriege gekommen sei, machte einen peinlichen Eindruck auf den Deutschen. Die Worte kamen wie aus dem grab und waren kühl wie die Luft der Grüfte. Und doch war diese Frau eigentlich das Ehrwürdigste, was man sehen konnte. Als achtzehnjähriges Mädchen hatte sie die erste Teilung erlebt und jene erste Wut des Adels gesehen, die noch nicht wusste, wie sie sich gestalten sollte über die grinsende Neuheit der Dinge. Sie war am hof des gelehrten Stanislaus, des letzten Königs gewesen, sie hatte Kosciusko durch ihre Schönheit und ihre Rede begeistert, ihr Gatte war mit ihm bei Maciejovice gefallen, fünf ihrer Söhne waren in den Napoleonischen Kriegen untergegangen, im Jahre zwölf hatte sie zu Napoleon gesprochen vom Königreiche Polen, vor wenig Tagen war ihr letzter Enkel bei Grochow in der Schlacht gewesen, und sie wusst' es noch nicht, ob er noch lebte, und fragte auch nicht danach. Seit Kosciuskos Falle hatte niemand sie mehr lächeln sehen, und sie trug nun sechsunddreissig Jahre die schwarzen Kleider.
"Wenn man von Wilna bis an die Karpaten kein russisch Wort mehr hören wird," pflegte sie zu sagen, "dann sollt ihr mich mit einem weissen Kleide in den Sarg legen, und ich will im tod wieder lächeln. Ich will auch nicht eher sterben, als bis dies geschieht, oder bis man noch einmal schreibt: Es gibt kein Polen