1833_Laube_131_71.txt

gehabt, als er aber die Russen gesehen habe, da sei ihm den Groll gekommen, und er sei zur Hintertür hinausgesprungen, um die Soldaten seiner Landsleute zu suchen. "Was soll ich auch daheim," setzte er hinzu, "Arbeit gibt es während des Krieges nicht, der Herr ist fort, den Feinden mag ich keinen Handgriff tun, und die Russen hassen wir alle. Es sind mir viel Kameraden begegnet hier herüber, die auch davongegangen sind; allein kommt aber jeder am besten durchdie Weichsel ist breit, und unsere Lanzen sind lang. Als die Moskowiter gestern zurückkamen, haben wir's wieder erfahren, – helft mir zu einer Lanze, Herr."

In diesem Augenblick stürzte der jüdische Wirt mit dem Geschrei in die stube: "Die Russen! die Russen! Ich höre ihr Geschrei im wald." Im Nu hatte Manasse seinen Sohn auf den Armen und stürzte hinaus zum Wagen. Taddäus war auch wie ein Blitz bei der Hand und zäumte den einen Gaul, der Alte schrie: "Genug, genug," sprang auf den Wagen und wollte fort, eh' Valerius noch eingestiegen war. Der flinke Bauer riss ihm aber die Zügel aus der Hand, stiess ihn rücklings in den Wagen sprang selbst hinauf, hob Valerius zu sich, entriss dem Alten die Peitsche und jagte in den Wald hinein.

Hier hielt er still, zäumte rasch auch das andere Pferd, gab Valerius die Zügel, horchte einen Augenblick und sagte dann: "Der Jude hat nicht gelogen, das ist Kosakengeschrei. – Wohin willst du?" fragte er den Alten kurz.

Manasse nannte den Namen eines Städtchens, wo er zu haus sei.

"Wenn die kosacken hier sind," erwiderte Taddäus, "so sind sie auch längst in Eurem Orte."

Manasse seufzte tief. Joel, der aufgewacht war, nannte das Schloss eines Grafen.

"Ich weiss," rief Taddäus, und fort ging's im Galopp. Es war finster geworden, der neue Kutscher schien aber des Weges vollkommen sicher zu sein; Valerius kroch aus Frost mit in den Wagen und sank in Schlaf.

Als er wachte, war es schon heller Tag, und das Fuhrwerk stand still. Manasse und Joel waren schon abgestiegen, die Pferde waren ausgespannt und Taddäus wartete seiner, am Kutschersitze stehend. Die vernachlässigte Wunde hatte sich gerächt und machte ihm grosse Schmerzen, ja, als er sich aufrichten wollte, verlor er das Bewusstsein.

Da er wieder zu sich kam, fand er sich auf einem harten Bett in einem grossen Gemache; die Sonne schien hell durch schmutzige Fenster, von Möbel fiel ein glänzender Sekretär von Mahagoniholz in die Augen, daneben stand aber ein fichtener Schemel, und ein grober, gewöhnlicher Tisch war an das Bett geschoben. Die Decke, welche auf ihm lag, war von dunkelroter Seide und auf das sauberste gearbeitet. Man sah an allen Winkeln des Zimmers, dass es lange nicht bewohnt worden sei.

Taddäus stand neben dem Tische und sah mit fröhlichen Augen auf den sich bewegenden und ermunternden Kranken. Valerius blickte ihn lange an, der frische Polack mit dem roten, frischen Luftgesicht war ihm eine tüchtige Verheissung der Gesundheit. Taddäus war auch wirklich ein Repräsentant jenes schlanken und doch fleischig und saftigen polnischen Nationalkörpers, an dessen Bewegungen man überall Kraft und Geschmeidigkeit erblickt. Er mochte sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein, das lichtbraune Haar hing ihm glatt geschnitten um den Kopf, die blaugrauen Augen sahen verschlagen unter langen Wimpern hervor, ein weicher Bart, der nie geschoren sein mochte, lag auf Lippen und Kinn, und der nackte Hals sah wetterhart aus dem schmutzigen Pelze. Er sprach nicht eher, als bis Valerius ihn fragte. Dann unterrichtete er ihn, soweit er es vermochte. Sie seien auf dem schloss eines reichen Grafen, welchem die ganze Umgegend zugehöre. Als man gehört, dass Valerius ein Freiwilliger aus Deutschland und bei Grochow verwundet sei, habe man ihn auf das bereitwilligste empfangen. Manasse habe ihn verbunden und sei alsdann nach seinem Städtchen gewandert, um seine Habseligkeiten zu schützen. Joel sei noch da, und könne schon am Stock umhergehen; das ganze Haus lebe übrigens in grosser Fröhlichkeit, weil nach allen Nachrichten und den Bewegungen der Russen kein Zweifel obwalte, dass die Schlacht bei Grochow von den Polen gewonnen worden. Er selbstTaddäussei zu Valerius' Pflege dageblieben, weil die meisten männlichen Domestiken Soldaten geworden, und weil die Wunde des Herrn aus Deutschland nach Manasses Versicherung ihm bald gestatten würde, den Taddäus mit nach Warschau zu nehmen.

Valerius konnte bald das Bett verlassen, der Graf liess sich entschuldigen, dass er dem Gast nicht aufwartedas Podagra fessele ihn an sein Zimmer. Er eilte ans Fenster, um sich zu orientieren. Das Schloss schien ein grosses Gebäude zu sein, es war aber offenbar schlecht erhalten, der Putz war an vielen Stellen abgefallen, die Stufen, welche zum Portal führten, waren schadhaft oder fehlten ganz, die Rinnen hingen zerstört von der Traufe, auch das Dach musste schadhaft sein, denn im Zimmer des Valerius, das sich im zweiten Stock befand, war ein teil der Decke so mit Feuchtigkeit angefüllt, dass er jeden Augenblick herunterzustürzen drohte. Die Aussicht vom Fenster führte auf den nahen Wald. Wirtschaftsgebäude und Scheuern lagen zerstreut umher und gewährten einen unerfreulichen Anblick. Sie waren nachlässig aus Lehm gebaut und mit Stroh gedeckt. Hie und da bemerkte man grosse