Joel einen teil davon an seinen Nachbar gab.
Es mochte gegen Mittag sein, als er still hielt und den Pferden etwas von dem Heu vorwarf, was auf dem Wagen lag. Er zupfte es von der Seite heraus, auf welcher Valerius sass, und beobachtete übrigens noch immer dasselbe Schweigen. Vorsichtig griff er nun an seines Sohnes Bein und sah fragend mit schmerzlichem gesicht zu ihm in die Höhe. Auf Joels zufriedenes Kopfnicken ging er hinweg und stellte sich an die Seite des Wagens. Das Schneien hörte auf, und es fuhr solch ein hellgrauer Dämmer über den Himmel, wie er in jenen Gegenden zuweilen daran erinnert, es sei noch eine Sonne hinter den Wolken. Alles rings war still.
"Ich höre Tritte – wahrhaftig, ich höre Tritte," sagte Manasse murmelnd vor sich hin. Joel und Valerius indessen entdeckten nichts. Wirklich aber trat nach einer Weile ein Mann aus den Kiefern und kam in den Weg unserer Reisenden. Er nahm keine Notiz von ihnen und wäre wahrscheinlich ohne zu grüssen vorübergeschritten, wenn ihn nicht Manasse angeredet hätte. Der polnische Bauer, und einem solchen sah er gleich in dem kurzen Schafpelze, der die Knie kaum bedeckte, ist auf der Landstrasse nickt gesellig, am wenigsten spricht er einen Juden an. Das unterlässt er nicht sowohl aus Hass oder Abneigung, sondern aus gewöhnlicher Gleichgültigkeit. Der Reisende hat kein Interesse für ihn, und die deutsche Redseligkeit, die sich freut, wenn sie nur gelegenheit findet, etwas zu reden, die kennt er nicht. Er geht tagelang durch Wald und Feld, ohne ein Wort zu sprechen. Er unterscheidet sich von der höheren Klasse in sehr vielen Dingen, welche nicht bloss Reichtum und äussere Verhältnisse betreffen. Das Melancholische des slawischen Volkscharakters ist noch vielfach am Bauer zu erkennen. Mag er auch heftig, schnell, verschlagen erscheinen, der trübe Slawe ist doch der Grund seines Wesens, und Schweigsamkeit bringt er aus seiner Hütte mit. Das chevalereske lebendige Wesen der Polen, das uns als polnisches bekannt wird, ist, wie gesagt, mehr dem Vornehmen eigen, und widerspricht auch dem eben Gesagten nicht – der lebhafteste Pole ist nicht so geschwätzig wie der Franzose und Deutsche.
Manasse erkundigte sich in schneller Frage nach Weg und Richtung, und ob kein Dorf in der Nähe sei. Der Bauer antwortete "Ja!" und schritt weiter. Manasse zäumte die Pferde wieder und fuhr hinter ihm her. Bald hatte er ihn eingeholt und begann seine fragen von neuem: ob Russen in dieser Gegend seien? Der Bauer schüttelte den Kopf – ob da drüben, von wo er herkäme, schon welche wären?
"Ja."
Nun peitschte der Alte die Pferde, und in kurzem sah er auch die Hütten eines Heidedörfchens vor sich. Gleich aus dem ersten haus guckte ein alter Judenkopf nach den Ankömmlingen. Manasse hielt still, denn das war ihm ein Zeichen, dass er vor dem wirtshaus sei. Die meisten der polnischen Schenken sind im Besitz von Israeliten.
Die Verwundeten wurden ins Haus gebracht. Das Zimmer begann sogleich an der Haustür, der Fussboden war ohne Dielen, ein grosser Ofen stand in einer Ecke des weiten Raumes, und Feuer und Rauch drangen aus seinen vielen Ritzen. Dort legte Manasse seinen Sohn nieder, versorgte die Pferde, verschaffte sich warmes wasser, zog ein chirurgisches Besteck unter dem seidenen Rocke hervor und kniete nun hin vor seinen Sohn, um die Wunde zu untersuchen. Aus den festen und sicheren Handgriffen konnte man schnell ersehen, dass er in dieser Beschäftigung vollkommen erfahren war. Als er die Wunde abgewaschen hatte, stöhnte er vor Schmerz, als sässe die Kugel, welche er entdeckte, in seinem Fleische.
Unterdes trat auch der Bauer ein, forderte ein Glas Schnaps und sah der Operation zu. Aufmerksam betrachtete er die Uniformen der Reisenden; sie waren das erste, was seinen Indifferentismus zu stören schien.
Zur Stärkung für die Verschmachtenden war nichts zu finden, als ein Glas Schnaps, ein Stück Brot und ein Töpfchen alter Kartoffeln, das Manasse ans Feuer setzte.
5.
Die Operation war glücklich vollendet. Joel lag am Ofen und. war vom Schmerz erschöpft eingeschlafen. Manasse sass neben ihm an der Erde und bewachte aufmerksam seinen Schlummer. Er hatte noch immer keine Nahrung genossen und verlangte noch immer keine. Seine Augen ruhten nur auf den Zügen seines Sohnes. Es ward allmählich dunkel in dem raum, und der schwarze, magere Alte mit der Habichtsnase, dem schwarzen Käppchen auf dem haupt, glich in seiner zusammengekrümmten Stellung einem alten Raubvogel, welcher sein Junges hütet. Das unsicher flimmernde Licht aus den Ofenritzen erhöhte das Phantastische des Anblicks.
Der Hauswirt, welcher öfter als nötig war an der Gruppe vorüberging, fragte endlich leise Valerius, ob der Schlafende ein Verwandter Manasses sei. Bei der Antwort schwieg er. Nach einer Weile trat er an den Alten hin und sagte leise: "Ist des Rabbi Manasse Fleisch ein Krieger unter den Nazarenern?"
"Sprich nichts Unnützes!" erwiderte hastig ebenso leise der Alte, "bis dazu kommt die gelegene Zeit."
Der polnische Bauer hatte sich unterdessen an Valerius gemacht und ihm mitgeteilt, er wolle Soldat werden, ob ihm dieser nicht sagen könne, wo er polnische Truppen fände. Valerius erkundigte sich nach seinen näheren Umständen, und der Bauer gab ihm in wenig Worten Auskunft. Er heisse Taddäus Magiak und sei drüben aus Wawre, wo die Russen stünden. eigentlich habe er nicht viel Lust zum Kriege