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predigen wir als höchste Blüte der Bildung: Abstreifen jeder Art von Egoismus, Humanität. Das sind nicht Gegensätze, wie Du zeichnest, sondern Stufen.

Die Freiheit widerspricht aber jede Art von Formel, sie betreffe Moral oder sonst etwaserreichten wir selbst durch solche Formeln das allgemeine Wohl, so bezahlten wir dies doch mit dem allgemeinen Wohl, d.h. mit dem Wohle der einzelnen, die von aussen her nur gezwungen lebten, und nur in trostloser Gleichgewichtsteorie den allgemeinen Fall vermieden. So werden die Menschen beklagenswerte Negationen, und die Haupttugend wird wie in manchem melancholischen Christentume die Unterlassung, die Demut. Es ist aber ein grösseres Ziel unserer Richtung, die Menschen selbständig zu veredeln, und die Veredelten Selbsterrscher werden zu lassen. – Die Millionen Selbsterrscher sind das äusserste Ziel der Zivilisation. Dieses Ende verschliesst Deine Autoritätsteorie für immer, Dein Schluss muss eine starre Monarchie sein, der meine ist die fröhlichste, ungebundenste Allherrschaft, wo jede Individualität gilt, weil jede in sich gesetzmässig ist und in ihrer Veredlung das neben ihr wandelnde Gesetz nicht stört. Zu diesem Ziele ist das Zurückdrängen des Individuums Weg, – bei Dir aber leider Endpunkt. Darum tadle auch ich es, wenn Konstantin jetzt, wo die grosse Epoche, des Demokratismus erst beginnt, ihre Vollendung für sich antizipiert, und nur sein persönliches Wohlsein im Auge habend, Unheil anrichtet. Er betrügt seine Umgebungen, die noch auf einer tiefern Stufe der Entwicklung stehen und in anderer Münze Zahlung erwarten, als er gewähren will.

Unsere Ansichten verhalten sich zueinander wie zur Vereinigung zusammenlaufende und in endlose Weite auseinandergehende Linien. Du willst die Menschheit zu einer willenlosen Masse, zu einem Punkte zusammendrängen, i c h will sie aus dem engen raum der Formel ausbreiten in das unendliche Gebiet des unermessenen inneren Menschen. Darum bist Du Monarchist, ich Republikaner und mehr denn dies.

Ich weiss, dass tausend solche Opfer, wie Konstantin eins vorbereitet, fallen müssen, eh' der Tag siegreich alles erhellt; in der unsichern Beleuchtung des dämmernden Morgens stolpern die meistenaber ich weiss auch, dass dieser einleitende Nachteil Eurer grossen Sklaverei vorzuziehen ist, welche den Menschen der Menschheit opfert. Mir ist der Staat des einzelnen wegen da, Dir der einzelne des Staates wegen. Darin ruht der grosse Unterschied. Ich opfere einzelne für den künftigen allgemeinen Gewinn, Du opferst alle für eine regelmässige Maschine. Das Individuum soll allerdings mit seiner Persönlichkeit zurücktreten, um die Allgemeinheit zu fördern, aber dies soll das Ergebnis der Bildung, der überzeugten Resignation sein, ein Akt der Freiheit, und so rettet das Individuum seine Freiheit durch seine Opfer. Das Opfer wird aber von Tage zu Tage geringer, da die Zahl der selbständigen Individuen grösser wird und am Ende keines dem andern mehr in den Weg trittso wird endlich der einzelne und die Allgemeinheit frei: Dein einzelner bleibt aber ewig Sklave.

Darum tadle ich es nicht einmal, wenn sich das Individuum glänzend geltend macht, ich tadle es nur, wenn ein anderes darunter leidet.

Nicht viel anders ist es nun auch mit Deinen Ansichten über die Poesie. Sie ist bei Dir auch nicht viel mehr als die Kunst der abstrakten Formeln. Wenn das Individuum selbständig werden soll, so muss es sich erst verschönern, geltend machen. Dass nun die neuere Poesie, an deren Spitze sich Heine gestellt, die einzelne Figur mit Vorliebe heraushebt, und spielend an ihr herumgleitend, erst tändelnd an ihr hinabgleitend, mit einem schnellen Sprunge in dem oder jenem Gedanken sich begräbtdas alles ist Dir ein Greuel. Du willst keine Figur, willst nur die aus ihr abgezogene Formel, willst Sentenzen, Sätze usw. Darum verstehst Du auch die poetische Naturanschauung Heines nichtes ist eine streng demokratische: er lässt nichts unbeachtet liegen, was einmal da ist; Ihr esoterischen Sublimritter habt aber ein gewisses Register poetischer Gegenstände. Es ist alles poetisch oder nichtses kommt nur auf das Glas an, womit man's betrachtet. Euch ist es unerhört, dass ein Knabe im Gedicht "angeln und pfeifen" kann; Ihr habt eine prüde Poesie. natürlich könnt Ihr auch die kleinen poetischen Gemälde nicht verstehen, weil Ihr keine Bilder ohne Unterschrift wollt. Konsequent setzt Ihr auch die schönen Uhlandschen Balladen und Romanzen den breit erklärenden Schillerschen nach. Ich tu natürlich das Gegenteil. Dass das Gedicht mitten im Klange aufhören und darum den höchsten Wert haben könne, wenn es auf eine schöne Weise die saiten des Lesers tönend angeschlagen habe, begreift Ihr nicht. Wie es bebt und rauscht und klingt, nachdem Ihr das Gedicht zu Ende gelesen und seinen Flügelschlägen nachlauschtdas ist Euch zu unbefriedigend, Ihr wollt die Flügel so lange sehen, bis sie am Boden liegen. Ihr seid Philister. Alles Ende ist prosaischein Gedicht, dessen Schluss den Raum des Gedichts offen lässt, entfaltet die meiste Poesie. Ihr platten Leute wollt eine tranchierende Sentenz am Ende, damit Euerm ängstlichen Gewissen geholfen werde, sonst werdet Ihr unruhig, unbehaglich, weil Ihr die peinliche Abgeschlossenheit liebt. Geht, geht, Ihr seid Rechenexempel.

Von Konstantin hab' ich Nachricht, will Dich aber nicht damit behelligen.

5. Leopold an Valerius.

Kupido schreibt seinem lieben Zuverlässigen. Ich sehe Dich lächeln, Du ernster Gesell, denn Du vermutest sogleich ein Anliegen, ein Geschäft, sonstmeinst Dukommt der Schmetterling nicht zum Schreiben. Ich werde Dich nächstens hassen, weil Du mir gegenüber immer recht hast