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seinem Sohne gegeben hatte. Dies rettete sie für den Augenblick; der Schuss hatte aber ihre Lage doppelt bedenklich gemacht. Er musste alles aufregen, was von Feinden in der Nähe war, und wirklich hörten die Flüchtigen bald mehrere Schüsse hinter sich fallen und Lärm von vielen Seiten. Manasse trieb die bereits erschöpften kleinen Pferde auf das äusserste an und fuhr in jeden noch so schwach angedeuteten Weg hinein, welcher sich nach rechts hin öffnete.

Nach einer Viertelstunde hörte aller Weg auf, und sie waren mitten im unwirtlichen Forste. Die beschneiten Kiefern sahen sie trostlos an, der Schnee fiel dichter, sie waren ratlos. Manasse stieg wimmernd und betend ab, um einen Ausweg zu suchen. Valerius war unterdessen völlig zu sich gekommen, Joel sah jetzt hastig nach des Nachbars breiter Kopfwunde. Es war der tüchtige Hieb eines handfesten Kürassiers. So gut er konnte, verband er wenigstens die klaffende Stelle mit seinem Halstuche und setzte Valerius von dem in Kenntnis, was mit ihnen vorgegangen war.

"Und warum fahren wir zu den Feinden statt nach Warschau?" fragte dieser verwundert.

"Still, still!" erwiderte Joel, "wo ich Sie unterbringen werde, gibt's keine Feinde, es ist eine überaus patriotische Familie, Sie werden mit Bequemlichkeit geheilt, die alte Gräfin –"

Ein durchdringender Schrei Manasses unterbrach ihn. Sie fuhren hastig an die Öffnung des Wagens, Manasse kam an den Wagen gestürzt, die Pferde gerieten in Bewegung, ein Wolf sprang durch die Bäume, graurot, mager, den Kopf mit den tödlichen düsteren Augen nach dem Fuhrwerke gerichtet. Valerius und Joel schrien ebenfalls jach auf, die Pferde jagten mit dem Wagen in die Bäume hinein, die Achsen und Rippen des Fuhrwerks krachten, mit Mühe erhaschte Joel die Zügel und sprang, seine Wunde vergessend, aus dem Wagen. Ebenso tat Valerius, dessen Füsse ihn nicht hinderten, rückwärts nach dem verlassenen Schauplatze zu laufen. Joel konnte nicht wieder von der Erde in die Höhe und schrie auf das kläglichste: "Manasse, Vater Manasse!"

Der Alte war bei dem plötzlichen Anrücken des Wagens auf die Seite geworfen worden und zurückgeblieben. Alles das lag im Zeitraume von wenig Augenblicken.

Valerius fand noch vom Schlachtfelde den Säbel an seiner Seite, und obwohl ihm Schmerz und Betäubnis durch die Wunde bei der plötzlichen Bewegung alle Gegenstände in eine Art von Nebel hüllte, so tappte er doch mit gezogener Klinge vorwärts.

Manasse kauerte an einem Baume, zitterte und bebte, und wies mit den Händen nach der Seite: "Er ist vorüber, ist vorüber."

Kaum vermochte es der schwache Valerius, den in diesem Augenblicke noch schwächeren Alten aufzurichten. Diesem hatte die Todesangst alle Sehnen zerschnitten. Straff und geschmeidig war er bis hierher durch soviel Gefahren gegangen, und vor dem wilden Tiere brach er zusammen. Er gestand es später, dass ihm ein ganzer Trupp Feinde nicht so fürchterlich seien als ein gefährliches Tier. "Es sind doch Menschen," sagte er mit schwacher stimme, als er bis zum Wagen gekommen war und sich ein wenig erholt hatte, "es sind Menschen, für tausend Dinge zugänglich, mit Organen wie ich, mit Schwächen wie ich. Sie können auf mich schiessen, und meine Furcht ist nicht so gross, sie können vorbeischiessenaber die Bestie hat keine Schwäche mit mir gemein, ihre Zähne treffen immerach Joel!"

Trotz seiner Schwäche sah er, dass der Sohn hilflos an der Erde lag, und mit zitternden Händen griff er nach ihm. "Joel, warum tust du dir solchen Schaden! Das wilde Tier sprang vorbei, weil wir alle geschrien haben, wozu steigst du mit dem kranken Beine vom Wagen! – –"

Joel verbarg seinen Schmerz und liess sich von Valerius und dem Alten wieder hinaufheben. Darauf untersuchte Manasse voll Angst und sorge, ob und wie der Wagen zerbrochen wäre, sah sich indessen immer noch vorsichtig um, ob noch eine Bestie in der Nähe sei.

Der Wagen war zwar beschädigt, aber nicht so arg, dass die Weiterfahrt nicht hätte gewagt werden können. Er war durch den plötzlichen Ruck der Pferde auf einen schmalen freien Platz gebracht worden, und es öffnete sich wieder ein enger Weg rechts in den Wald hinein. So fuhren sie denn in Gottes Namen weiter. Manasse war noch totenbleich, und die grossen schwarzen Augen lagen erloschen tief in den Höhlen, die langen erstarrten Finger hielten unsicher die Lenkstricke der Pferde.

So ging's einige Stunden fort. Es zeigte sich kein Wechsel: immer dieselben unwirtlichen Kiefern, derselbe halb verschneite Weg. Valerius sagte, ob man nicht den Pferden etwas Heu vorlegen wolle. Manasse schüttelte schweigend den Kopf. Man könne indessen ein Feuer anmachen, um sich ein wenig zu wärmen. Manasse selbst vor Frost klappernd, schüttelte schweigend den Kopf. – Der Alte war zwar von Wilna bis Lemberg und von Brody bis Kalisch mit allen Wegen und Stegen des alten Königreichs bekannt, aber wer einmal auf Irrwege gerät in diesen polnischen Wäldern, namentlich wenn der Schnee die Gegenden alle gleich macht, der braucht auch bei genauer Kenntnis des Landes oft Tag und Nacht, eh' er sich wieder zurecht findet. Manasse sah immer aufmerksam vor sich hin und trieb die müden Pferde ununterbrochen an. Joel klagte über Hunger: der Alte zog ein Stück Brot aus der tasche und reichte es seinem Sohne, ohne selbst einen Bissen zu begehren. Wohl aber wandte er sich verdriesslich um, als