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Mittelpunkt des auf diese Tage folgenden Krieges, der rote Faden aller Treffen und Schlachten vor der bei Ostrolenka. Auf und neben dieser Strasse war der kolossale Angriff von Reitern einhergedonnert, welchen Diebitsch angeordnet hatte. Auf der Strasse selbst kamen die gewaltigen Kürassierregimenter, unter welchen das Riesenregiment Prinz Albrecht, an der Seite der Chaussee die leichtere Reiterei.

Dieser Angriff nun war durch den kalten Mut der polnischen Infanterie, welche sich in Karrees formierte, und erst in der dichtesten Nähe des Feindes ein mörderisches Rottenfeuer eröffnete, er war durch die gewandte Tapferkeit der Kickischen Ulanen zersprengt worden. Die besudelten, zersprengten, abgematteten Reste, welche nach dem Saume des Waldes zurückkamen, nötigten Diebitsch, den Tag aufzugeben und in die Wälder zurückzugehen.

Bei diesem blutigen Reitergefechte waren Joel und sein Nachbar gefallen.

Durch Chlopickis Fall war aber auch unter den Polen eine solche Ungewissheit entstanden, dass niemand recht wusste, wie die Schlacht stand. Wer eben am Kampfe war, kämpfte aufs beste, ein grosser teil des Trains zog aber bereits schon im Rückzuge über die brücke von Praga, und der Generalissimus Radzivil selbst hielt unsicher mit seinem Pferde am Brükkenköpfe.

So lagen die Sachen an jenem rauhen Spätabende, und weder Manasse, der jenseits aus der Waldung gekommen war, noch Joel, der bald polnische, bald russische Partien vorübereilen gesehen hatte, wusste, wie das Schicksal des Tages entschieden worden sei. Im allgemeinen kamen indessen beide dahin überein, das Resultat für die Polen günstig anzusehen, da Manasse auf seiner Herfahrt durch den Wald nur mit Mühe den rückwärts marschierenden Russen ausgewichen war. Dies regte nun aber auch wieder die grösste Bedenklichkeit auf, ob man sich auf den Weg nach der Heimat machen dürfe, da dieser eben durch jene Wälder führte, oder ob es geratener sei, nach Warschau zu fahren. Der Wagen kam eben an der grossen Chaussee an, und man musste sich entscheiden.

Manasse hatte viel gegen Warschau einzuwenden: es sei ein teurer Ort, man werde abgesperrt von allem Verkehr, das Haus in der Heimat bliebe allen Zufällen preisgegeben, an Pflege für den Verwundeten dürfe man auch nicht denken, da soviele Tausende darauf Anspruch machten. Im Hintergrunde lag ihm auch der lebhafte Wunsch, dem Sohne die Soldatenjacke wieder auszuziehen, worauf in Warschau durchaus nicht zu rechnen war. Zur Sicherheit kannte Manasse alle kleinen Wege durch die Wälder und meinte zuversichtlicher, als sonst seine Art war, man würde gewiss glücklich durchkommen, wenn man sich weit genug rechts von der grossen Strasse halte nach dem schloss des gnädigen Herrn zu.

Anfänglich hatte sich Joel lebhaft widersetzt, der letzte Zusatz schien ihn aber anders zu stimmen. Der Alte mochte ihn nicht ohne Absicht beigebracht haben, Joel schwiegManasse fuhr quer über die Chaussee nach dem wald zu.

4.

Die Finsternis zwischen den Bäumen war natürlich noch dichter und das Fahren sehr beschwerlich. Manasse zitterte und klapperte vor Frost in den nassen Kleidern, sprach aber kein Wort. Er mochte indes noch so oft absteigen, und rechts abführende Wege suchen, indem er mit den Händen herumtastete, immer hörte man von Zeit zu Zeit auf der linken Seite den verworrenen Lärm russischer Kriegsvölker. Nicht selten musste er stillhalten, weil er bald eine marschierende, bald eine reitende truppe vor sich hörte. Es blieb auch nicht aus, dass sich einzelne Nachzügler am Wege fanden, welche vor Wunden oder Erschöpfung nicht weiter konnten und den Wagen in Anspruch nahmen. Glücklicherweise war aber Manasse der russischen Sprache völlig mächtig, und er wies alle Zudringlichen mit dem barschen Bedeuten ab, er führe einen verwundeten russischen General.

Bei alle dem war die Lage äusserst gefährlich; wenn die Russen die polnischen Uniformen gut dem Wagen erkannten, so war das Äusserste zu befürchten. So nötig ihnen also auch das Tageslicht war zum Auffinden des Weges, so besorgt sahen sie doch das verdriessliche Grau des Morgens heraufdämmern.

Und das Unglück stand auch schon am Wege. Nicht weit von ihnen teilte sich die Strasse; am Scheidepunkte hielt ein russischer Offizier zu Pferde. Als er das Fuhrwerk erblickte, kam er ihm einige Schritte entgegen und forderte mit rauhen Worten die Abtretung des Wagens. Manasse brachte die gewöhnliche Entschuldigung vor. Der Offizier liess sich aber nicht hindern, zog den Degen, gebot Halt und steckte den Kopf nach dem Wagen hinein. Glücklicherweise war jener Mantel, womit Joel auf dem Schlachtfelde seinen Nachbar zugedeckt hatte, von einem russischen Kürassier. Joel suchte deshalb in Eile sich selbst damit zu bedecken, und da er ebenfalls Russisch verstand, so rief der drohend, der Kamerad möge einen russischen General nicht aufhalten. Der Offizier an die unterwürfigste Subordination gegen Höhere gewöhnt, wollte sich eiligst zurückziehen, als Valeriusso hiess der Nachbar Joelszum ersten Male die Besinnung wieder erhielt und sich ein wenig aufrichtete. Der plötzliche Stillstand des Wagens, das heftige Gespräch mochten dazu beigetragen haben. Durch diese Bewegung ward der Mantel zurückgeschlagen, und der Offizier sah noch mit dem letzten Blicke polnische Uniformen. Da erhob er ein lautes Fluchen, hieb mit dem Säbel nach Manasse und griff nach der Pistolenhalfter. Manasse war aber dem Hiebe glücklich ausgewichen, Joel schob sich, so schnell und so weit es seine Wunde gestattete, vorn nach der Öffnung des Wagens und drückte ein Pistol nach ihm ab. Der Schuss traf, der Reiter wankte, Manasse hieb in die Pferde, und der Wagen flog rechts in den Weg hinein.

Es war dasselbe Pistol, welches Manasse auf dem Schlachtfelde mitgenommen und unterwegs