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Tönen, ihm zu helfen, und erinnerte den Alten an sein Versprechen, da dieser dicht an ihm vorüberging und trotz der Finsternis an der stimme zu erkennen war.

"Vater Manasse, was hast du versprochen?"

"Schweig, Joelnichts hab' ich versprochen!" – und rascher ging er vorwärts.

Immer kläglicher ward das Winseln des Zurückbleibenden. Sie kamen zum Wagen. Sorgfältig legte der Alte seinen Sohn in das Heu, womit der kleine verdeckte Wagen angefüllt war, nahm die Pferde am Zügel und brachte mit vieler Vorsicht den Wagen aus dem Gehölz.

"Vater Manasse, hole den Unglücklichen!"

"Schweig, kindischer Joel, kann ich das ganze Schlachtfeld meinen kleinen Krabben aufladen, kindischer Joel!"

Damit setzte er sich vornhin und fuhr in die Nacht hinein, die ein wenig heller geworden war durch den dichten Schnee, welcher seit einigen Minuten dicht herabfiel.

3.

Es war das Schlachtfeld von Grochow, aus dessen Nähe die kleinen Pferde den Wagen zogen. Am Tage vor dieser unfreundlichen Nacht hatten die Polen und Russen zum dritten Male auf das erbittertste miteinander gekämpft. Die Ebene von Warschau, welche sich ostwärts an die nahen Wälder erstreckt, war drei Tage lang der Schauplatz mörderischen Kampfes gewesen.

Bekanntlich fliesst der breite Weichselstrom rechts an der polnischen Hauptstadt Warschau vorüber. Die eigentliche Stadt liegt also an seinem linken Ufer nach unseren Ländern zu, und wenn man so sagen darf, auf der europäischen Seite. Am Ufer des Flusses hin prangen grosse Paläste, und das stolze Warschau gewährt von der grossen brücke, welche hinüber führt zur östlichen Vorstadt Praga, einen königlichen Anblick. Man irrt sehr, wenn man bei dem Worte "polnische Hauptstadt" seine Vorstellung nur ein wenig von dem Anblick und Begriffe polnischer Ortschaften steigert: Warschau gehört zu den imponierendsten Hauptstädten Europas.

Die Vorstadt Praga nun, ein befestigter Brückenkopf, war der erste Stützpunkt der polnischen Armee, welche sich auf den Feldern angesichts der grossen Waldungen ausgebreitet hatte. Die Russen rückten von Osten her in den letzten Tagen des Februar aus jenen Wäldern heraus. Diebitsch war ihr Heerführer, und angesichts Pragas entspannen sich die zwei Tage lang dauernden stürmischen Gefechte, welche man die Schlacht bei Praga nennt. Sie führten äusserlich zu keinem besonderen Resultate, und die Schlacht wird von der geschichte eine unentschiedene genannt, war aber von grossem moralischen Einflusse. Überall hatte man erwartet, Diebitsch werde mit der grossen russischen Armee die nach Zahlenverhältnis unbedeutenden Truppen der Polen werfen, über die Pragaer Brükke nach Warschau hineindringen und so den Aufstand endigen. Das war indessen nicht gelungen. Die historisch bekannte leidenschaftliche Vaterlandsliebe der Polen, welche man bei dem sonstigen Wesen dieser Nation hier und da bereits für Prahlerei hielt, hatte auf eine überraschende Weise Wort gehalten. Und zwar unter den ungünstigsten Verhältnissen. Denn es gebrach ihnen vor allen Dingen an einem Mittelpunkte ihrer militärischen Kraft, an einem verlässigen Heerführer. Chlopicki, in der Zeit des Aufstandes am letzten Tage des November zum Oberbefehlshaber ernannt, hatte nie an die Möglichkeit geglaubt, dem mächtigen Russland militärisch die Spitze bieten zu können, hatte sich auf Unterhandlungen eingelassen, die Rüstungen vernachlässigt, und am Ende störrisch seine Diktatur niedergelegt, als die zum Äussersten entschlossene Nation ihm in den Weg trat. Chlopicki. war aber der einzige populäre Mittelpunkt des Heeres, unzweifelhaft tapfer und ein tüchtiger Führer aus der Napoleonischen Schule. Die Wahl eines neuen Führers war unsäglich schwer. Einen zweiten so hervorragenden General gab es nicht, jede Wahl musste also die nicht Gewählten kränken. Besonders bei einer so ehrgeizigen und eifersüchtigen Nation. Man entschloss sich zu dem traurigen Auswege, einen Nichtmilitär, den Fürsten Radzivil, einen alten, höchst wackeren Patrioten zum Generalissimus zu erwählen. In der Hoffnung, er werde nur für Chlopicki den Namen hergeben.

So geschah es nun wohl auch, denn der graue Chlopicki setzte sich zu Pferde und ritt hinaus ins Lager. Er hat ein starres, gerötetes Soldatenantlitz, weissgrauen Bart, hellblaue scharfe Augen. Prüfend sah er nach den Wäldern hinüber, aus welchen die Russen sich entwickelten, und ordnete die Treffen. Aber es war ein halbes Wesen mit dem Kommando ohne Titel. Nicht alle Führer gehorchten unbedingt und schnell, und es war mehr die erstaunenswerte ritterliche Tapferkeit der auf eigene Hand fechtenden Korps, welche die Schlacht in den Tagen bei Praga aufrecht erhielt.

Beide Heere waren übrigens in diesen Tagen noch nicht in voller Kraft. Abteilungen der polnischen Armee waren nordöstlich ein wenig vorgeschoben, um die Vereinigung eines grossen russischen Korps mit Diebitsch zu hindern. Die überlegene Zahl der Russen hatte dies aber vereitelt, am Tage von Grochow war alles konzentriert.

Grochow ist ein kleines Dörfchen auf der Ebene von Praga. Nach diesem drängte sich an diesem Tage die Hauptschlacht. Ein Erlengebüsch war der Preis des Sieges, dasselbe Gebüsch, in welchem Manasse die Nacht darauf sein Fuhrwerk verbarg.

Diebitsch hatte am Ende bei so hartnäckigem Widerstande die Entscheidung des Tages auf einen grossen Reiterangriff gesetzt, und Chlopicki war bei neuer Eroberung des Gebüsches von einer Granate niedergeworfen worden. Schon vorher hatte sein scharfes Auge die Entwicklung der Reitermassen am fernen Waldessaume entdeckt, und ununterbrochen hatte er nach Kavallerie gerufen. Aber er war nicht Generalissimus und Fürst Radzivil nicht bei der Hand. Noch als man ihn forttrug, wies er fortwährend mit seinem Pfeifenstummel zurück und flehte um Kavallerie.

Von Praga aus läuft mitten durch die Ebene die breite grosse Heerstrasse in die Wälder hinein über Siedlce bis an die altpolnischen Provinzen. Sie war der