. Mit Mühe gelang es ihm; denn der Körper wog schwer, es war ein Leichnam. Der Alte nahm die Leuchte wieder zur Hand, das Gesicht war von Blut besudelt, aber des Alten Forschen ging auf einen Orden, den der Tote auf der Brust trug. Er untersuchte ihn beim Schein der Laterne. Davon abstehend hielt er eine Weile inne und seufzte tief. Dann riss er des Toten Rock auf, leerte ihm die Taschen und schlüpfte weiter.
In einiger Entfernung gab's ein heftig Stöhnen – der Alte näherte sich vorsichtig, prallte aber wie von einem heftigen Stosse zurück, dass der Mantel aufschlug und die Leuchte schimmerte. Es war ein sterbendes Pferd, das mit dem tod ringend die Vorderfüsse in die Erde hieb und dann röchelnd zusammenbrach. Der Alte nahm ein Pistol aus dem Sattel, untersuchte vorsichtig, ob es geladen sei, und versuchte sodann, auch das andere hervorzuziehen; er war aber zu schwach, die daraufliegende Wucht des Tieres zu lösen.
Jetzt schlug er den Mantel zurück, erhob sich und ging offen mit seiner Leuchte weiter. Links und rechts fand er Leichname und Kadaver von Pferden. Er untersuchte überall, nahm, was er fand, schob's in die Taschen eines weiten schwarzen Gewandes, das er unter dem Mantel trug, und ging weiter.
Erschöpft setzte er sich endlich auf die Kruppe eines toten Pferdes, stellte die Leuchte an die Erde und seufzte tief und schwer. "Russen, Russen, nichts als Russen – o Joel!"
Bei diesen leise gemurmelten Worten stemmte er die hände auf die Knie, der lange Oberkörper hob sich geisterartig aus dem Mantel, und bückte sich nach vorn. Das schmutzig-gelbe Licht der Laterne fiel zum ersten Male völlig auf ihn. Es war ein alter, von Haaren fast unkenntlicher Judenkopf. Der weissgraue Bart bedeckte die untere Hälfte des Gesichts und ging bis dicht an die Backenknochen. Auch von den Wangen selbst und von der scharfen grossen Habichtsnase hingen einzelne lange Haare, und die Augenbrauen buschten sich mit ihrem noch dunkel gebliebenen Kolorit bis an die Augenlider. Die Figur war lang und schmal und gebückt, in einen anliegenden schwarzen Rock gehüllt, der bis auf die Füsse reichte und von seidenem Stoff zu sein schien,. wie ihn die polnischen Juden heute noch tragen. Seine mageren langen hände, mit schwarzen Haaren bedeckt, stachen grell von dem dunkeln Kaftan ab.
"O Joel, mein Joel!" stöhnte er aufs neue und erhob sich wieder und schritt weiter zwischen Leichen und Kadavern, die jetzt mitunter zu grossen Haufen im Wege lagen. Es war kein Zweifel mehr, dass er auf einem Schlachtfelde wandelte. – Aus einem Haufen drang plötzlich das deutliche Wimmern eines Menschen. Der Alte steckte hastig seinen Kopf vorwärts und horchte, und als sich das Gestöhn wiederholte, schritt er schnell darauf zu. Es drang mitten aus einem Hügel von Leichen. Mit riesenmässiger Anstrengung, die niemand dem alten mann hätte zutrauen sollen, warf er die oben liegenden Körper auf die Seite und drang zu dem noch Lebenden. Er richtete ihn halb auf und griff in die tasche, brachte eine Flasche hervor und gab ihm zu trinken. Dem Unglücklichen waren die Beine zerschossen. Der Alte streichelte ihm heftig das Gesicht und fragte mit fliegenden Worten, wo die Kickischen Ulanen zuletzt gefochten hätten. "Sage mir's, Freund, sage mir's gleich, ich komme wieder und nehme dich mit."
Der Verwundete streckte den Arm aus und wies nach Westen. "Ist es weit?" Verneinend schüttelte jener den Kopf.
Da nahm der Alte heftig die Leuchte und wollte von dannen, aber der zerschossene Soldat griff krampfhaft in den langen Mantel, und sein Wimmern und seine Mienen beschworen den Juden, ihm zu helfen. Mit einem Ruck machte sich indessen dieser los, sprach: "Ich komme zurück!" und schritt hinein in die Finsternis.
Schneidend drang das Gestöhn des Verlassenen durch die Nacht.
Der alte Jude war nicht lange gegangen, da stolperte er über Kürasse und Helme. – "Gott meiner Väter, ich bin auf dem rechten, traurigen Wege," murmelte er vor sich hin, "mit diesen eisernen Männern haben sie gefochten." Und überwältigt von Angst und sorge brach er in lautes Wehklagen aus: "Joel, Joel, Sohn meiner Ester, wo bist du?!"
Hastig unter den Riesenleichnamen der Kürassiere herumsuchend, die auf und unter den ungeheuren Pferden lagen, wiederholte er diesen Schmerzensruf unaufhörlich.
Auf einmal vernahm er in einiger Entfernung eine stimme, aber der Wind warf den rasselnden Eisregen dazwischen, er konnte nichts Deutliches vernehmen.
"Manasse, mein Vater!" klang es von neuem. "Joel, ich komme, Joel –"
Aber statt hinzueilen, duckte er sich zusammen zwischen die Füsse eines toten Pferdes und regte sich nicht. Seine aufmerksamen Sinne hatten ihn auch nicht getäuscht, ein Trupp Soldaten kam über das Schlachtfeld dahergeritten gerade auf den Ort zu, wo Manasse lag, die Leuchte fest in den Mantel hüllend. Ob sie versprengt, ob Freund oder Feind waren, wer konnte es wissen.
Ein Mann mit einer hell brennenden Laterne schritt voraus, die Pferde gingen schlurfend und unruhig zwischen den Leichen, sie kamen dicht zu Manasse; kaum wagte er es, hinzusehen nach den in Mäntel gehüllten Reitern.
dicht in seiner Nähe hielten sie, und einige stiegen von den Pferden. Manasse hörte ihre Sprache; es