und segnete mich wie ein Vater. – Ich hatte mir mein Pferd satteln lassen, brachte meine lieben Zuhörerinnen in ein erhebendes Gespräch über ein weites reiches Leben nach dem tod, über seinen Vorgeschmack, die Freiheit, und die Opfer, die wir ihr bringen müssten. – Der erhobene Mensch trägt alles Leid noch einmal so leicht; das Herz besitzt unglaubliche Kräfte, man muss sie nur wecken. Wir glühten alle von Begeisterung für das Edle und Grosse, und die Mädchen wären alle mit gestorben, wenn es des Todes bedurft hätte. Da ging ich hinaus, setzte mich aufs Pferd, ritt unter das Fenster und rief. Sie öffneten hastig, in vollem Lichte standen sie beide, meines Herzens arme. Alberta musste zufällig eben das Zimmer verlassen haben, Der Mond schien auf mein tränenweiches Gesicht. Ade, meine Liebe, sprach ich, in einer freieren Welt wieder. Fort ritt ich, und sah nur noch, wie sich die lieben Mädchen in die arme fielen. Taugt mein Dichten und Trachten nicht für diese gesellschaftliche Welt, so wird mich wohl eine russische Kugel treffen. Ade Deutschland, vielleicht sehe ich dich nie wieder. Kommst Du her, wie Du schreibst, so suche die Bekanntschaft der Fürstin, und sage ihr, wenn ich am Leben bliebe, würde ich ihr einst antworten. Sie hat mir einen wunderbar klugen Brief über William, Hippolyt, Leopold und alle diese betreffenden Verhältnisse geschrieben. Man darf sie nicht nach dem gewöhnlichen Massstabe messen, sie ist ein merkwürdig Weib, die vielleicht durch allzu spitze Klugheit sich und andere verderbt. Ich schreibe Dir dies in Breslau – lebe wohl, ich reise. Halte Dein Herz munter, Freund, lass es nicht vertrocknen.
40. Der Oberst Kicki an den Grafen von Topf.
Im März 1831.
Ihrem Verlangen gemäss, sehr geehrter Herr, hab' ich mich nach Herrn Valerius überall erkundigen lassen, kann Ihnen aber leider nur einen unvollständigen, traurig klingenden Bericht mitteilen. Die ihn umgebenden Reiter haben ihn bis nachmittags ungefähr zwei Uhr tapfer bei Grochow kämpfen sehen, nach dem grossen Kavallerieangriff der Russen ist er vermisst worden. Noch weiss niemand was ihm widerfahren, freilich ist es das Wahrscheinlichste, dass er gefallen, es waren der Toten soviele, der Feind drang bis auf unsere Stellungen, es ist fast unmöglich, das Schicksal eines einzelnen zu ermitteln.
Gestatten Sie mir, Herr Graf, die Versicherung vorzüglicher Hochachtung, mit der ich die Ehre habe zu sein usw. usw.
Zweiter Band
Die Krieger
1.
Es war spät am Abende, ja die Nacht brach schon herein, als ein kleiner polnischer Wagen vor einem Gehölz hielt. Die kleinen Pferde prusteten angegriffen, denn es war kein eigentlicher Weg, auf welchem sie dahergekommen waren, und der Boden war halb feucht und halb gefroren. Dazu herrschte eine undurchdringliche Finsternis, die Tiere schienen selbst voll Angst zu sein; wie denn bekanntlich das Pferd eines der sensibelsten Geschöpfe ist und fast überall nur Eindrücken der Furcht nachgibt. Dazu knallte bald hier, bald da noch Ein Schuss, plötzlich und unerwartet jagte ein Reiter oder ein Fuhrwerk vorüber – es war nicht zu verwundern, dass man dicht neben ihnen den warmen Dampf spürte, welchen sie ausströmten. – Aus dem kleinen Wagen kroch eine Figur und schritt in das Gehölz. Dort schlug sie Feuer, zündete in einer alten Laterne ein Lichtstümpchen an und schloss die kleine blecherne Tür sogleich wieder. Die Wände der Laterne waren trübes, schmutziges Horn, das Licht gab also nur einen sehr matten, unsicheren Schein, bei welchem kaum die äusseren Umrisse des Mannes zu erkennen waren.
Er trug einen langen Mantel, sein Gesicht war durch eine tiefe Mütze halb verhüllt – nur wie er mit der Laterne am Gesträuche herumsuchte, kam er einmal mit dem Lichte bis in die Nähe der Brust, und man sah einen dichten grauen Bart aus dem Mantel herausgucken.
Sein Bestreben ging dahin, einen Zugang ins Gehölz zu finden, und bald fuhr er auch seinen Wagen mitten in eine kleine Birkenschonung hinein, deren junge Stämme und Zweige Pferden und Rädern nachgeben.
Darauf barg er die Laterne unter dem Mantel und schritt eiligen Fusses auf der entgegengesetzten Seite aus dem Hölzchen. Man kann eigentlich nicht sagen, er schritt, es war mehr ein geräuschloses Hinschlüpfen. Im Freien angekommen, kauerte er sich zusammen und horchte mit angehaltenem Atem. Aber der Wind fuhr eben rauh über die Fläche und warf harten, eisigen Regen durcheinander. Es war kalt und schauerlich. Als jedoch der heftige Windstoss vorüber war, drang es wirklich wie ein leises Geräusch von allen Seiten her, aber das Geräusch war wunderbar und ungewöhnlich, bald war es einem Wimmern, bald dem Hufschlag von Pferden, bald dem Gestöhn eines Tieres ähnlich – ein neuer Windstoss, und es war nichts zu vernehmen.
Der graubärtige Mann schien befriedigt und huschte weiter fort auf der nassen Erde, ohne die Laterne hervorzubringen. Plötzlich strauchelte er und fiel auf die Seite. Lautlos raffte er sich wieder zusammen, öffnete den Mantel ein wenig und suchte mit dem trüben Lichte seiner Hornleuchte, was im Wege liege.
Es war ein Mensch, der auf dem Angesichte lag. Ringsum floss eine schwarze Masse, in welcher die einzelnen fallenden Schneeflocken schmolzen, und die man selbst bei der düsteren Beleuchtung für Blut erkannte. Der Graubart rückte näher und beleuchtete den Körper von unten bis oben. Darauf schüttelte er den Kopf, setzte die Leuchte beiseit und versuchte es, den Menschen umzuwenden