springen kann. Man kann irren mit der Freiheit, aber an jedem neuen Morgen kann man sich zurechtfinden. Der absolutistische religiöse oder politische Glaube kennt keinen Irrtum, er kennt nur Sünde und die Sünde gebiert den Tod, sagt er selbst. William ist das Opfer des Absolutismus, Leopold wird der Spielball der Gesetzlosigkeit – er ist im belgischen Heere KompagnieChirurgus, wie ich eben erfahren und spielt eine abgerissene, kümmerliche Rolle, und nur die ungeheuren, titanenartigen Kräfte erhalten oben auf der Lebenswoge den zügellosen Hippolyt; nur sein riesenhafter Geist lässt ihn bestehen mit seiner unbändigen, die Zivilisation überspringenden Freiheit. Du scheinst ihn für tot zu halten, das ist er gewiss nicht; ein solcher Romancharakter lebt noch lange in der Wildheit und wird einst, wenn seine bestialische Kraft an den Schranken der Bildung gebrochen ist, der Anführer eines freiheitsbedürftigen Volkes. Seine Subjektivität muss erst zertrümmert werden, eh' er nützen kann. Jetzt ist er im Stadium des Danton, und nur die gefährliche Zeit fehlt, dass er sich wie jener auszeichne. Aber dieser subjektive Danton wird guillotiniert werden, und seine geläuterte Objektivität wird einst, mit der neuen Gironde unserer Tage lehren. Er wird einst der hinreissende neue Vergniaud werden. Es ist ein merkwürdiger Wendepunkt in unserem Leben eingetreten. Ich gehe morgen nach Warschau, um für das heilige Recht eines Volkes gegen die Tyrannen zu fechten. Ich liebe das polnische Volk nicht eben sehr, aber für seine Sache will ich bluten und sterben. Dies asiatische Element einer Herrscher- und einer Sklavenkaste, das sie noch immer nicht ernstlich bekämpft haben, ist mir sehr zuwider. Es ist allerdings nicht der gewöhnliche Begriff der Aristokratie, die man ihnen meistin zum Vorwurf macht, es ist eine demokratische Aristokratie, welche die Stufen unter sich wenig beachtet und eine grosse Gleichheit unter sich eingeführt hat; aber ich würde lieber eine aristokratische Demokratie sehen. Ihre ernstlichen Annäherungen an eine allgemeine demokratische Zivilisation sind sehr träge, wenn man selbst die Absicht der Besten, welche die Charte vom 3. Mai entworfen, wenn man die Selbständigkeit ihrer bisherigen Unterjochungsperiode abrechnet. Es ist noch viel roh Asiatisches an ihnen, aber ihre überwältigende Poesie der Vaterlandsliebe, dieses Kätchen von Heilbronn in einem ganzen volk, ist zauberhaft, ihr Kampf ist der reinste und edelste, der gefochten werden kann. Darum will ich hin, morgen schon, aus folgendem.
Ich kehre aus der Stadt zurück, finde weiblichen Besuch auf dem schloss, trete ins Zimmer; an der Hand Kamillas tritt mir Klara entgegen. Freude, Überraschung, Schrecken, Besorgnis pressen mir den Namen Klara aus – ich sehe den Blitzstrahl in die schlanke Palme Kamilla zündend einschlagen. Das liebe Kind ward bleich, das wasser schoss ihr in die Augen, aber sie lächelte wie ein Engel. Klara war sanft und lieb. Mein Entschluss war schnell gefasst; ich kündigte ihnen meine morgende Abreise an. Die guten Wesen haben mich alle so lieb, dass jedes nun zu sehr mit sich beschäftigt war, als dass es auf die andern hätte achtaben können. Einen Augenblick war ich durch einen Zufall, der die andern auseinandersprengte, mit Klara allein. – "Willst Du mir nicht Morgen schenken, lieber Valer, ich will sonst weiter nichts von Dir." Die Rührung überwältigte mich, weinend fiel ich ihr um den Hals, sie bedeckte mein Gesicht mit ihren warmen Händen, küsste mich nur auf das Auge und sprach: "Du guter Junge – ich will nichts von Dir, als Dich einmal sehen." –
Ich wäre untröstlich, erführe dieser Engel meiner Poesie, dass ich noch andere liebte und küsste. – Als Alberta zurückkam, eilte ich fort, um Kamilla zu suchen. Sie kam mir wie ein Kind sanft lächelnd, entgegen, gab mir ihre Hand und fragte nur: "Sie ist es?" – "Sie ist's," antwortete ich und erregt in allen Fibern meiner Seele wollt' ich das liebenswürdigste Mädchen an mein Herz drücken. Sie hielt mir die Hand vor den Mund und sagte: – "Bitte, bitte, nein – Du armer reicher Mann." – "Willst du mir meinen Reichtum lassen.?" – "Ob ich will?" – "Lass Klara nichts von unserer Liebe ahnen." "Wie kannst du bitten, was sich von selbst versteht; ich bin doch glücklich." Nun war ich ausgelassen lustig. – Liebe, was bist du reich, und die ungeschickten Menschen machen dich so dürftig, weil sie egoistisch, jämmerlich egoistisch sind. Ich sagte Kamilla, dass ich den andern Tag noch dableiben würde. "Es ist recht schlimm, dass du gehst, wir werden alle vor sehnsucht sterben."
Es war ein seliger Tag, den ich von allen Seiten in Liebe gehüllt verlebte. Meine neuen Ideen, die Kamilla zur Sprache brachte, weil sie unser Lebensodem geworden sind, waren für Klara neu; meine alten, deren Klara erwähnte, waren's für Kamilla, Alberta flog wie ein Schmetterling zwischen uns. Ich habe einen Tag in Indien gelebt, wir haben unser Herzblut ausgetauscht. Allein konnte' ich, durft' ich mit keiner sein, allen Abschied verbat ich mir sogleich; wir sassen bis tief in die Nacht beisammen, nur den guten Grafen küsste ich im Vorsaale herzlich ab, nahm Reisegeld von ihm an, versprach zu schreiben und, wenn mich keine Kugel träfe, bald wieder zu kommen. Der liebe Mann weinte