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sah sehr erhitzt aus. Ich trat näher hinzu und sah, wie er ihre Hand krampfhaft festielt. Der Tanz war zu Ende, er liess sie nicht los und begleitete sie nach einem Nebenzimmer, oder vielmehr sie schien notgedrungen ihn zu begleiten. Ein unaussprechlich bittender blick von ihr traf mich, ich folgte ihnen. Hippolyt eilte mit seiner Beute durch die von Gästen angefüllten Zimmer nach den entlegeneren leeren. Mich bemerkte er nicht, mit dem rücken gegen mich hielt er in einem leeren Gemach inne, umfasste Julien und beschwor sie mit herzzerreissender stimme, den innigsten Worten, seine mild sein, er liebe sie bis zur Raserei. – – Julia weinte heftig, Hippolyt liess sie los und küsste sie auf das feuchte Auge, sie schauerte zusammen, streckte die arme nach mir aus, taumelte die wenigen Schritte bis zu mir und fiel ohnmächtig in meine arme. –

Da näherte sich Geräusch aus dem angrenzenden Zimmer, Hippolyt sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an und griff nach Julien, um sie hinwegzutragen; ich bat ihn herzlich, es nicht zu tun, lieber eiligst die Tür zu verriegeln. – "Nein," sagte er hart; da wollte ich selbst die Ohnmächtige ins nächste Gemach retten. In dem Augenblicke ging die Tür auf, Juliens Vater trat ein. – heute' ist Julia nicht mehr in Paris; Hippolyt hat kein Wort mit mir gesprochen und ist verschwunden; seinen Hut und Mantel hat mein Diener aus der Seine gefischt. Juliens Vater schickt eben nach mir. Lebe wohl, ich komme in diesen Tagen nach Deutschland, um eine Anstellung zu suchen.

38. Kamilla an Valerius.

Dass die dummen Polen auch gerade jetzt ihre Revolution anfangen mussten, während Du in der Stadt warstvon hier hätte ich Dich gewiss nicht fortgelassen, nach den neuesten Vorfällen zu fragen. Ich wünsche den lieben Leuten alles Gute, ich glaube Dir's gern, dass sie ein himmelschreiendes Recht haben, aber ich wünsche mir auch meinen Liebhaber.

Hast Du noch nicht genug Nachrichten, wirst Du nicht bald kommen? Ach ich bin wirklich schon recht böse auf Dich: das Wetter wird immer rauher, man kann beinah' nicht mehr aus dem haus, die Langeweile und sehnsucht wird immer grösser und noch dazu die Angstjawohl die Angst. Höre nur! Gestern kam ein Reisewagen und brachte mir eine liebe alte Freundin, das wäre ja doch nur etwas, worüber ich mich freuen könnte; ja doch, ich freute mich sehr, aber nicht lange. Denke nur, als wir zum ersten ruhigen gespräche kamen, da sah aus jedem Auge, jedem zug des Gesichts, Dein blick, Dein Geist, die Worte waren Dein, so müsstest Du sprechen, wärst Du ein Weib; der Rede- und Tonfall ganz wie bei Dir, das ganze Wesen, der ganze Luftkreis der des ValeriusMann ich entsetzte mich, wärst Du verheiratet, es müsste dies Deine Frau sein. Ich teilte dies alles meiner Freundin mit, sie lächelte. Wie bin ich erschrokken, als sie mir sagte, dass sie Dich kenne. O bleib jetzt, komm nicht, ich fürchte mich vor Unglück, wenn Du jetzt kommst. Ach nein, wenn sie Dich beglücken könnte, komm, komm, ich würde so gern für Dein Glück sterben. Als Du mir von Deiner ersten Liebe erzähltest, da war ich so schmerzhaft erregt und doch so überaus selig in dem Gedanken, wenn ich sie Dir wieder in den Arm legen und mein seligweinend Gesicht zwischen eure aneinander gedrückten Schultern schmiegen könnte. Du hast recht, die Liebe ist mehr als der Besitz einer einzigen person, sie ist eine ganze Atmosphäre von Wohlwollen, und viel hat darin Raum. Wenn ich Dich nur nicht soviel geküsst hätte, das ist so schlimm, jetzt wird es mir doch viel schwerer werden, Dich am Herzen einer andern zu sehen. Du glaubst aber nicht, um wieviel lieber ich Dich habe wegen Deiner offenen Ehrlichkeit, dass Du mir gleich beim ersten Kusse sagtest, Dein Herz sei nicht mehr jungfräulich, Du hättest Liebe gewährt und genossen und liebtest noch und würdest noch geliebt. Ich kann klagen und weinen, wenn man Dich mir heute entführte, aber nicht über Dich, und das ist sehr lieb und schön. Du bleibst ewig mein unwandelbarer Stern, Du bist der ehrliche Palmerio. Komm, komm, Du Licht meiner Augen, ich will nur Deine Gestalt sehen, das gleichgültigste Wort Deiner lieben, lieben stimme hören und glücklich, sehr glücklich sein. Komm! – Ich lege Dir einen Brief von Konstantin und einen von der Fürstin beiwas will denn die gefährliche Frau von Dir? Ach, Du machst mir recht viel sorge. Die gute Alberta ist so still und traurig, dass Du nicht da bist, sie sitzt fortwährend am Fenster, und wenn ein Reiter kommt, jubelt sie, und wenn Du's nicht bist, kommt ihr das wasser in die Augen. Ach, Du bist ein Bösewicht. Auch der Graf ist so still und noch sanfter als sonst; auch er scheint Kummer zu haben. Eile, uns froh zu machen!

39. Valerius an Konstantin.

Ich lege Dir Williams Brief bei; sieh', wohin der einseitige Fanatismus führt. Wo jeder Gedanke von Freiheit fehlt, da gibt es nur Höhen und Tiefen, schmale Wege, jähe Abgründe; nur die Freiheit ebnet die Welt so wunderbar, dass alles gefahrlos gehen und