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er würfe die Erde dem mond an den Kopf um einer Liebesgrille halber. Das Mädchen konnte ihn arretieren lassen, wenn er kam; aber so antiromantisch sind unsere Mädchen nicht. Und ist es nicht süss, so toll geliebt zu werden? Er hat sie mehrmals gesprochen, sie hat geweint und ihn beschworen, sie ungestört zu lassen. Tränen fruchten sonst nichts bei ihm; aber er liebt Julien grenzenlos, er ist schon über eine Woche lang nicht mehr hingegangen. Ich will ihm zu Willen sein, meine Berliner Bekanntschaft erneuern und bei Juliens Vater meine Aufwartung machen. Hoffentlich bekomme ich auf diese Weise Karten zu dem grossen Balle. Es macht auch mir Freude, das schöne Mädchen wieder zu sehen. –

Später.

Das wird eine bunte Wirtschaft. Ich wurde gemeldet und angenommen. Julia ist wirklich sehr schön und liebenswürdig. Sie sass noch in Haustoilette am Fenster und las. Ein leichtes weisses Morgenkleid mit fliegenden Ärmeln, die um den schönen vollen Arm spielten, umflog poetisch die schönen Glieder; die dunkeln Locken hüpften wie damals auf den Schultern. Sie war herzlich freundlich gegen mich und behandelte mich mit aufgeschlossener, liebevoller Seele wie einen alten Bekannten, mir vorwerfend, dass ich erst so spät nach ihr frage. Wie warm und heimatlich tut das meiner erstarrten Brustwas ist doch die Weltgeschichte trocken ohne den Odem der Weiber. Du hast recht, Freund, die Welt ohne Weiber ist ein Rechenexempel, oder eine langweilige Schulstube. Ich trat mit ihr ins offene Fenster und sah in die lebendige Rue St. Honoré! – Das war ein ganz ander Paris, wie es sich in ihren Augen widerspiegelte, von ihren Lippen wieder zu mir kam. Noch will ihr die tolle Stadt nicht behagen, es geht ihr alles so wüst und regellos durcheinander; "ich bin ein kleiner Pedant, sagte sie, wo ich die Regel nicht entdecken kann, da wird mir unruhig zumut; ich habe mich zum deutschen Gott der schönen Ordnung und Harmonie, zu Goete geflüchtet und seine Iphigenia, seinen Tasso gelesen, um mir Ruhe zu verschaffen vor dem Getümmel."

Liebenswürdiges Mädchen, wie harmonisch klang das in das Streben meines jetzigen Wesens. Ich sprach freudeglühend davon, wie angenehm es mich überrasche, in den hüpfenden Jugendjahren solche Besonnenheit zu finden, sie lächelte und meinte, Du habest sie oft deshalb geneckt und eine junge Matrone genannt. "Aber" – fuhr sie fort – "hat das Weib bei seiner schönen unbeteiligten Stellung in der gesellschaftlichen Welt etwas Passenderes zu erwählen als das Prinzip der Ordnung, der Einfachheit und Ruhe? Einfachheit und Ruhe sind die Elemente der Schönheit, und diese soll ja unser Streben, unser Endziel sein. Der Mann schafft, zeugt, produziert, wir reproduzieren, wir ordnen das Geschaffene. Ich halte es für töricht, wenn eine Frau nicht wie Goete allen unerquicklichen Lärm, alle Unruhe, ja allen Wechsel fern von sich hält, selbst mit Aufopferung des Reizes; die Empfänglichkeit wird durch grosse Gaben verwöhnt, die feinen Organe, welche sonst bei den kleinsten Luftströmungen beben, werden abgestumpft. Ich halte aber darum auch Goete für eine neue Art Halbgott, d.h. ich glaube, das Beste des Weibes war in ihm aufgenommen und durch seine edle Männlichkeit verherrlicht, gehoben. Zum plumpen Handeln würde er nie getaugt haben." – Dabei spielte die kleine fleischige Hand, die sich weich senkend an den schönen Arm schliesst, mit den Blättern des Tasso, und das Auge ruhte auf mir wie das der schönen Prinzessin Leonore. Ich fühlte Tassos Vergehen in mir und hätte sie gern umarmt, wenigstens die schönste Hand und den verführerischen Arm geküsst. In ihre Ideen eingehend beschrieb ich ihr meine Entwicklung und die allmähliche Reaktion, wie Du es nennen magstdas freute sie sehr und sie erwähnte mehrmal, warum Du mit Deiner Mässigung, sauberen klarheit, Deinem geläuterten Schönheitssinn nicht eben dahin kommen könnest. Sie bat mich, bald wiederzukommen und ihren Vater kennen zu lernen, der sich sehr freuen würde, einem solchen Gange der politischen Ausbildung zuzuhören. Ich nannte Hippolyts Namen; sie entfärbte sich und Tränen traten ihr in die Augen. Ich bat, ihn mitbringen zu dürfen. Sie schwankte, mein Mitwissen erriet sie mit weiblichem Takte sogleichdas gab ein heimliches Band zwischen uns, das uns schnell einander näher brachte. Sie war verlegen, zupfte an den Bändern, sah auf die Erde, faltete auf dem Schoss die kleinen hände und sah starr in ihre Verschlingung. Endlich hob sie langsam den Kopf, sah mich wehmütig an und sagte bittend: "Lassen Sie ihn nie allein kommen, ich fürchte mich vor ihm." Dies Vertrauen überwältigte mich, ich ergriff ihre Hand und küsste sie schnell; sie zog sie so schnell, als es die Artigkeit gestattet, hinweg, stand auf und empfahl sich mir. Ein gang in die Pairskammer hielt mich ein wenig auf. – Zu haus angekommen fand ich schon Billetts für uns zum Balle für den Abend. Hippolyt sah schmerzlich drein, als ich ihm alles erzählte.

Später.

Nun, wir sind dagewesen und werden wohl schwerlich wieder zusammen hingehen. Es war ein glänzender Ball. Alle Notabilitäten vom jungen Frankreich waren da. Er unterhielt sich viel mit Julia, und er ist allerdings ganz der Mann für sie. Ich ging in den Tanzsaal und betrachtete mir die Jugend Frankreichs. Mein blick fiel bald auf Hippolyt und Julia, sie tanzten nachlässig, Hippolyt sprach eifrig,