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keine Autorität vermag mich freizusprechen; nun so rolle denn das Rad dem Abgrunde zu. Dass ich die Fürstin mit glühendem Verlangen liebte, wird Dir wohl schon klar geworden sein. Lange kämpften meine Grundsätze hartnäckig gegen mein Fleisch. Ich hätte gesiegt, wäre ich nicht durch die freundlichen Worte und Blikke des schönen Weibes verführt worden. Ich stand auf dem Punkte abzureisen und empfahl mich ihr; sie reichte mir die weiche Hand zum Kusse, strich mir das Haar von der Stirn und fragte, was mich drängte. Ich konnte nicht fort, die Sünde war ausgebildet in meinem Herzen, ich vermochte es nicht mehr, mich vor meinem Gewissen zu rechtfertigen. Ich schlug mein Gewissen tot und wollte geniessen. Jener unheimliche Schwager stellte sich mir entgegen; er fiel als erstes Opfer eines Menschen, der die Bande der Ordnung in sich zerrissen hat. Schweig, schweig, ich erkenne es an, dass Du mir gegenüber jetzt im Rechte bist. Es ist Ordnung in Dir, wenn auch eine Ordnung, die ich verabscheue. Ich selbst geh' zugrunde, aber mein System bleibt unerschüttert; ich bin ausser ihm. Alle jene Begierden, welche die gesetz meiner Religion in starren Banden hielten, sind rasselnd aufgesprungen, haben sich meiner bemächtigt, seit ich jenen Fehltritt begangen. Ein Stein ist herausgerissen, es stürzt das ganze Gebäude über mir zusammen; ich muss rennen und rennen, um diesem Geschick zu entgehen. Die Hölle hohnlacht, aber sie soll wenigstens einen glänzenden Fang gemacht haben; ich habe mich verloren, aber die Lust will ich gewinnen. Zurück führt kein Weg, der Himmel geht am Abgrunde hin, ein falscher Tritt ist hinreichend. Ich bin gefallen und will mich der neuen Gesellschaft würdig machen. Früher lohnte meine Tugend die äussersten Entbehrungen, Entbehrungen ohne diesen Gegendruck sind kindische Schwächedie Tugend ist verloren, nun denn, so jag' ich nach dem Genuss. Ihr habt viel Schuld an meinem Unglück; wer die Verleugnung der Religion stets neben sich sieht, wird matt in seinen Dogmen. Ihr unseligen Volksverführer habt meinen besten teil auf Eurem Gewissen.

37. Konstantin an Valerius.

Du schreibst mir nicht, Freund, weil Du wahrscheinlich mir und meiner Sinnesänderung zürnst. Warum lässest Du Dir die gelegenheit entgehen, auf eine Krisis einzuwirken, und in einer solchen befind' ich mich doch zuverlässig. Rette an mir, was zu retten ist, ich fühle, wie mir alles unter den Händen verschwindet; ich fange an, den Schicksalstragödien zu glauben, es denkt und löst ein fremder Geist in mir. Du gehörst ja doch sonst nicht zu der platt republikanischen Partei, Du warst ja, wahrhaftig so war's, oft genug mein Gegner; Du gestattest ja Entwicklungsgang, Modifikation usw. – Sollte denn an mir gar nichts mehr zu brauchen sein? Hippolyt ist da und trägt mir eigentlich auf, an Dich zu schreiben, er selbst schreibt keine Zeile: entweder tobt er herum oder liegt starr ausgestreckt da und schweigt. Meine politische Sinnesänderung, die ich ihm mitteilte, nahm er mit tödlichem Schweigen auf; es erkältete, ja entsetzte mich durch und durch, als er mit untergeschlagenen Armen vor mir stehend mit den schwarzen tiefbrennenden Augen bis in das Innerste meiner Seele hineinsah; – die Verachtung sprang lachend um seine Mundwinkel; er sprach kein Wort. "Willst Du mir nicht etwas darüber sagen? – Wofür habe ich euch Freunde? Hippolyt sprich doch!" "Du bist ein schwacher Mensch, ein deutscher Wicht, der mit Träumen buhlt und vor dem Sonnenlicht bleich wirdwäre nicht Valer unter euch gewesen, mich reute der Zeit, die ich in euren Kreisen verbrachtsprich mir nicht wieder davon!" Damit ging er hinweg. Es ist ein beispielloser Übermut solchen Ausländers, ich war sehr zornig und machte mir durch viele Worte Luft. Als er am andern Morgen erst heimkam, wiederholte ich ihm allen Zorn, alle Vorwürfe. Lange schien er gar nicht zuzuhören, endlich warf er einen raschen unwilligen blick auf mich, und warf die ganz fremde Frage dazwischen, ob ich ihm für den Abend ein Billett zum Gesandtenballe verschaffen könne. Sein Liebeselend, das auf dem blassen Gesicht umherirrt, liess mich abstehen von meiner Polemik; ich fragte teilnehmend, wie seine Sachen mit Julien ständen. Mit vieler Mühe habe ich folgenden Tatbestand ermittelt, denn man muss ihm wie ein Kriminalist das Wichtigste abfragen, da er kaum mit drei Worten antwortet, nie aber erzählt. Er ist früher hier eingetroffen als Julia, und erfuhr es bald, dass sie erst erwartet werde. Wie eine Bildsäule stand er nun Tag und Nacht vor der Barriere, welche sie aller Wahrscheinlichkeit nach passieren musste. Sie kam des Nachts, sein Falkenauge erkannte sie, er sprang hinten auf den Wagen und fuhr mit in das Hotel, öffnete den Schlag, hob sie heraus. Heftig drückte er sie an sich, da erkannte sie ihn und wollte rufen. Er verhinderte sie daran und bat, ihm Zutritt zu ihrem haus zu gestatten. Sie verneint es entschieden. "Wohl," sagte er, sie loslassend, "ich spreche Sie mindestens fünf Minuten allnächtlich um zwölf Uhr auf dem Korridor des ersten Stockes oder ich zünde das Haus an und ermorde Sie samt Ihrem Vater."

Das alles war das Werk von zwei Minuten; als man nach ihr rief, war er verschwunden gewesen. Was ist diesem wilden unzivilisierten Menschen nicht alles zuzutrauen; könnte er's,