, wie ich Dich gebeten!
William an Valerius.
Freund!
Ich habe der verdriesslichen geschichte halber nach Berlin geschrieben, und denke Dir bald Bescheid geben zu können. Ich mische mich übrigens sehr ungern in derlei Skandal, und nur die alten Freundschaftsverhältnisse aus unserm poetischen Vereine bewogen mich, der Polizei ins Handwerk zu greifen. Das sind die Folgen jener grauenhaften Lebensansichten, denen Du selbst nicht ganz fremd bist. Was ist Euer Bodensatz? Die empörendste Eigenliebe. Das Ich allein soll sich auf jede Weise wohl befinden, mag nun um Euch herum alles darüber zugrunde gehen. Es ist die unchristlichste Subjektivität, die nur ersonnen werden konnte, und dabei wollen sich einige von Euch noch in die Mitte der demokratischen Zeitbewegung stellen, wollen sie loben und führen. Heisst das nicht den Bock zum Gärtner setzen! Das Wesen dieser demokratischen Richtung ist Allgemeinheit, Zurückdrängen des individuellen Interesses, um das der Euch nicht wie kleine Despoten, wenigstens Autokraten, die sich eben nur selbst Gesetz sind, die all ihren Launen den Zügel schiessen lassen?
Und unsern Vereinigungspunkt, die Poesie anlangend, was hat uns da diese Richtung gebracht? Eine schamlose Entüllung des eigenen Körpers, mit dem die Poeten feilen Dirnen gleich kokettieren. Sie haben keinen andern Mittelpunkt mehr, als das persönliche, meist materielle Vergnügen, und je nachdem das nun gross oder klein oder gar nicht da ist, wird das Gedicht frivol oder abgeschmackt oder gottlos. Sie haben sich selbst auf den Tron des Höchsten gesetzt, darum haben sie eine so arme Welt, eine so jämmerliche Regierung derselben, einen so sündhaften schwachen Gott. Mit wieviel Heineschen Gedichten könnte ich Dir das belegen, und wie klar liegt der Ursprung alles dessen vor Augen.
Unfähig sich durch grossartige Zusammendrängung der neu entdeckten Gefühle und Gedankenkreise auszuzeichnen, etwas die allgemeine Aufmerksamkeit Überwältigendes zu liefern, aber doch gedrängt und gestachelt durch weibische Eitelkeit, entüllten sie wie jener Mann in der Bibel die eigene Scham, brachten sie die ganze Rumpelkammer der früheren Poesie, die Hobelspäne der früheren Werke hervor, putzten sie mit modernen Kleidern auf, und gaben sie hin für Gedichte. Die faule Welt, die soviel Soziales zu tun hatte, dass ihr keine Zeit blieb für die Räume des besten inneren Menschen, nahm die Wechselbälge wohlgefällig hin, weil sie in ihrer bunten Tracht nur eines flüchtigen Blicks bedurften, und kein sorgfältiges Beschauen, keine Zeit, keine Tätigkeit in Anspruch nahmen. Das einmal Gebilligte war Regel geworden, und nächstens erwarte ich das Unanständigste, weil die heutige Welt doch erst auf der Spitze des berges umkehren wird. Es ist wie mit dem Verdauungsprozess – das ist ein Bild aus Eurer Schule – der kranke Magen fördert die halbrohen speisen weiter, der gesunde zerteilt, zerlegt sie bis in die kleinsten Atome; Eure Poeten packen die Situation, schleudern sie durch einige Verse, und das Gedicht ist fertig; der wahre Poet läutert sie bis in die geheimsten Motive, und das Geistige daraus gibt er wieder in Tönen. Der wahre Poet fühlt die Situation durch bis an die Spitzen der Wurzeln und sein Gefühl davon ist die Poesie – der Eure flattert mit seinen Blicken durch das Laub, und was er gesehen, ist sein Gedicht. Es ist eine traurige Oberfläche, und ich weiss nicht, wo das hinaus soll, wenn die Opposition nicht lebhafter wird.
Das Gedicht muss aus der Knospe des innersten Menschen brechen. Ihr pflückt es von den blinzenden Augenwimpern, dem zuckenden mund. Was soll man zu diesen kleinen Darstellungen Heines sagen, die Du so verehrest, wo nichts beschrieben wird als Ich entferne mich immer mehr von Euch – ich weiss
Nachschrift.
L u t h e r b i s T u c h o l s k y
Eben erhalte ich Briefe von Berlin. Konstantin ist dort angekommen, hat ein Logis von mehreren Gemächern gemietet, ist wieder abgereist und hat seine Rückkehr mit einer Dame angekündigt. Die Adresse findest Du beigelegt, erlasse mir die Erforschung des Details dieser skandalösen geschichte. lebe wohl!
Valerius an William.
Dass Du nicht in der Nähe des Walter Scott gelebt, als er seine "Schwärmer" schrieb, bedaure ich lebhaft; Du hättest ihm ja das beste Bild eines hartnäckigen und hartmäuligen Presbyterianers gegeben. O, über Euch schlimmen Menschen! Weil Ihr nun einen Käfig zusammengesetzt, in dem Ihr Euch wohlbefindet, verlangt Ihr denn nun ungezogen tyrannisch, es solle alle Welt in diesen Käfig kriechen. Ihr habt Euerm inneren und äussern Menschen ein Kleid zugeschnitten, und alle Welt soll nun hineinkriechen, es mag ihr zu eng oder zu weit sein. Erinnere Dich, Freund, dass ich Dich nie Deines Systems halber getadelt habe, wenn auch das System nicht das meine ist – ich bin ein Mann der Freiheit, und sitze zur Seite ihres holden Töchterleins mit den lieben, klaren Augen, der Toleranz. Du sprichst aber despotische Worte, und klagst doch wunderlich genug uns Leute der leichteren
Du berufst Dich zuerst auf die demokratische Tendenz unserer Zeit, der wir huldigen, und verlangst Zurückdrängen des einzelnen, damit die Allgemeinheit gedeihe. Das hat seine vollkommene Richtigkeit, und es ist niemand so sehr dafür als ich – ich hasse wie Du den Egoismus des Staates in Bevorzugung einzelner. Aber Freund, Du siehst die Sache schielend an, und das Endziel aller Bestrebungen – die Freiheit – entgeht Dir. Die einzelnen sollen nicht bevorzugt, aber jeder einzelne soll frei werden. Damit dies nun aber auf eine der Allgemeinheit erspriessliche Weise geschehe,