1833_Laube_131_59.txt

nicht zu haben, um zu sehen, wieviel mir fehle, um meiner Schwäche zu trotzen und allein zu leben. Die gute Alberta war viel trauriger und sprach immerwährend mit einiger sehnsucht von Dir. Als der Abend kam, gingen wir Dir entgegen, die Weiber, nicht die Hexen erwarteten den Macbet auf der Heide, – er kam nicht. Da brach alle Glut und leidenschaft, über welche mich die Ruhe des Tages so sehr getäuscht hatte, wie ein Orkan aus mir heraus, ich musste bitterlich weinen – o bitte, schilt mich nicht, ich dachte, Du wolltest nicht wiederkommen, – dumme schwarze Abendgedanken, fremd in meinem Blute. heute' ist's viel besser, ich bin wieder munter und heiter und denke: "kommt er nicht heute, so kommt er doch bald." Aber höre, zu lang treib' mir's nicht, bin ich denn dazu auf der Welt, um getrennt von Dir zu leben?

Vergiss nicht, mir hochrotes Band zu kaufen, sonst musst Du noch oft schelten über meine verblichenen Bänder, und Du hast recht, sie sind matt und hässlich wie blonde Augenbrauen auf einem brünetten Gesicht. Ich habe mir auch ausgesonnen, wie ich Dich viel hübscher küssen willDu sollst nur sehen, aber lass Dir Dein Bärtchen nicht abschneiden, bitte, bitte. Vergiss mir das Zeichenpapier nicht, ich muss Dein kühnes Byrongesicht malen. Deine Formen sind nicht so schön, aber es fliegt Dir dieselbe Freiheitsmelancholie um die Augenwinkel, es ist derselbe schöne Liebesmund, auf dem die grossen Worte und die süssen Küsse ruhen, mit denen er die schönen Italienerinnen bestach.

Wenn Dir doch der Bote mit diesem Briefe schon unterwegs begegnete. Wärst Du nicht Du, der überaus zuverlässige Valer, Dein Wegbleiben, Deine Kameraden, von denen ich Dir gleich erzählen werde, machten mir grosse Angst. Wie wild, unbändig, schonungslos betrug sich in allen Verhältnissen Hippolyt und nun höre, was uns die Fürstin schreibt. Leopold hat die Prinzessin Amelie wirklich heiraten wollen; am Ende hat man doch natürlich sichere und bestimmte Dokumente über seine Herkunft und seine sonstigen Verhältnisse begehrt, er hat ein unlösbares Inkognito vorgeschützt, die Fürstin hat wunderlich genug seine Partie genommen, und es hat den folgenden Tag zur Hochzeit kommen sollen, da der schwache Fürst keine weiteren Einwendungen gemacht. Das ganze Schloss glänzt des Abends im Kerzenschein eines strahlenden Polterabends, Park und Büsche blitzen Liebeslichter, die geladene und frei herbeiströmende Menge erfüllt die Gänge, der glückliche Prinz Leopold, seine äterische Braut am arme, hüpft populär durch die massen und lächelt äusserst glücklich. Er spricht im Vorübergehen mit den Bauern von Volksrechten und Freiheit und Gleichheit, der Volksjubel wird immer grösser, ein wütendes Geschrei lässt den volksfreundlichen Erbprinzen leben, verlangt ihn zu sehen, trägt ihn auf den Schultern einher. Prinz Leopold hat seiner Prinzessin Braut gesagt, so hätten's die alten Minnefürsten zur Zeit der Romantik getrieben, und bestellt eine Tragbahre für die romantische Dame, damit sie teilnehme an dem Triumphzuge. Vom Balkon aus sieht der Hof zu, und die Fürstin lächelt sehrso schreibt sie selbst. Da kommt ihr Schwager an und zerstört dräuend die demokratische Herrlichkeit. Er ruft Leopold beiseite und spricht lange mit ihm. Dieser kommt zu seiner Braut zurück, spricht viel von den Tränen der Romantik, erbittet sich von William eine Summe Geldes, um die Bauern damit zu beglücken, und verschwindet. Dem zu Fuss Fortwandernden ist ein Bauer begegnet, der fahrende Prinz hat ihm erzählt, er ginge erst nach Belgien, um für die Volkssouveränität zu fechten; erst wenn diese errungen sei, dürfe man der Liebe Freuden pflegen. Prinzessin Amelie hat erklärt, Ohnmachten seien zu modern, sie werde sich nicht damit befassen; sie trägt das Haar aufgelöst und singt am offenen Fenster des Nachts Lieder von Tieck und Novalis; sie isst nur ein Gericht und kleidet sich aschgrau, übrigens ist sie wohl. Die Fürstin setzt hinzu, viele würden die Sache einen Skandal nennen, auch Herr Valerius, und, das Ganze würde wasser auf Deine Mühle sein. übrigens mögest Du sie doch besuchen, sie wolle mit Dir darüber sprechen. Ich hoffe, das wirst Du bleiben lassen. Es ist ein stolzes, herrsch- und rachsüchtiges Weib, Du magst mir's glauben, und ich fürchte sehr, sie hat dies alles absichtlich angezettelt. – –

Eben kommt eine schreckliche Nachricht an. William hat des Abends auf dem Korridor den Schwager der Fürstin mit einem Dolchstich niedergeworfen, ist in die Zimmer der Fürstin wie wahnsinnig gedrungen und erst bei ihrem Hilferufen entflohen. Es wird auf das lebhafteste verfolgt; zu dem Ende kam die Nachricht mit einem Kurier hier an. Ach, wenn er nur Dir nicht begegnet! O eile, eile zu uns, mir bangt für Dich bei so grauenvollen Nachrichten.

36. William an Valerius.

Ich baue auf Deine Redlichkeit und vertraue mich Dir an. Die Verfolgung ist mir auf der Ferse, ich habe grosse Not, ihr zu entrinnen, tu alles Mögliche, sie auf falsche Spur zu leiten, verbreite, ich sei nach Österreich geflohen. In diesem Augenblicke darf ich mich nicht weiter wagen, sondern muss mich verborgen halten. Erst wenn die falschen Nachrichten zu wirken anfangen, hoffe ich über die belgische Grenze zu entkommen. Mein ganzes Innere ist aufgelöst, ich frage mich nach keiner Rechenschaft, denn ich kann mir keine geben. Mein Gewissen ist verloren,