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der Zeit ist das Verdienst, nicht die Grösse oder Schönheit der Sache. Alle die tausend gebrochenen Herzen, alle die langweiligen verdrossenen Ehen sind die Kinder der Treue. Jedes schwindsüchtige Mädchen, jeder jämmerliche Jüngling verlässt sich auf ihren Schutz, wenn es ihr oder ihm gelungen, in einer schwachen Stunde eine Eroberung zu machen. Die Treue ist das grosse Gängelband der menschlichen Faulheit und Schwäche, sie ist auch die Poesie der Kraftlosigkeit und ein "getreuer Eckard," unserer Tage, wie Du ihn einst vorhattest, ist eine Sünde wider den Geist der Zeit, und der Geist der Zeit ist der Zeit heiliger Geist. Wenn der König von Gottes Gnaden sich auf Herkommen und angestammte Treue beruft, und darin matt in der Vortrefflichkeit seiner Regierung die notwendigkeit derselben finden lässt, so ist dies die steife Lehre von der Treue. Nur was Blut hat, soll leben, nicht was nach Leben aussieht; ist Deines Lebens Blut in Deiner alten Liebe zu finden, dann sei treu, dann ist Deine Liebe jung. Dies ist die schöne Lehre von der Beständigkeit, die dann eine Tugend ist, wenn die äusseren Verhältnisse mit den inneren harmonieren. So ist die Ehe nur ein Damm gegen den Strom der Geselligkeit; wisst Ihr auf freiere Weise den Strom zu leiten, so braucht Ihr keine Dämme. Wenn erst Tausende nichts mehr dem Herkommen zuliebe tun, so ist das Lebenselement des Herkommens, seine Unzweifelhaftigkeit, vernichtet, und eine neue Welt nähert sich im Sturmschritt. Es geht alles Hand in Hand, die gesetz sind eine grosse Kette: trennt ein Glied, und die andern klirren ebenfalls auseinander. Die neuen Staaten machen nach eben diesen grundsätzen die Ämter beweglich, nur die Kraft behält sie, dem Herkommen zahlt man keinen Deutalles gilt nur durch das, was es ist, nicht was es war oder heisst. Soll es mit den Ämtern der Liebe nicht ebenso werden? Dasselbe Geschrei, das sich gegen Aushebung von Ehe und Treue jetzt erheben wird, erhob sich gegen den wechselnden Staatsdienst in den neukonstruierten Staaten. – Fülle vom Leben bringt allerdings auch oft schnellen Tod; man wird neue gesetz für jenes gesellschaftliche Verhältnis erfinden, wie man sie für diese gefunden, denn auch die Freiheit hat ihre gesetz. Aber sie müssen sich in allen Teilen erweitern, darin ruht das unbehagliche Drängen des jungen Geschlechts. Der Furchtsame mag davor erschrekken, den Mutigen gehört die Welt. Was man nicht erwerben kann, fürchtet man am meisten zu verlieren; wer die Kraft in sich fühlt, bangt vor keinem Verlust, und nur die Kraft soll herrschen, nicht das Herkommen.

Dies und manches andere sprach ich in stillen Stunden zu Kamilla. Sie hörte aufmerksam zu, schmälte oft, es sei ihr zu hoch, nötigte mich deutlicher zu sprechen, nickte lächelnd, dass sie mich verstünde, weinte dann, dass sie mich verlieren werde und lachte wieder, dass sie mich jetzt habe. "Ich glaube' es gern, dass du recht hast, denn ich glaube' dir alles" – sagte sie. – "Du sollst mich nicht heiraten, wenn du nicht willst, das Heiraten ist auch wirklich nicht hübsch, es ist wirklich philisterhaft. Ich will bei dir bleiben, solange du mich magst, und magst du mich nicht mehrnunnun so will ich die Vergangenheit noch einmal allein leben und doch glücklich sterben." Sie war einen Augenblick traurig, und wir küssten uns heiss und leidenschaftlich, dann trocknete sie sich die Augen, fuhr mit der Hand über die Stirn und durch die Luft, als wollte sie schlimme Gestalten hinwegjagen und sprach dann fröhlich weiter: "Wie es mich reizt, die grosse Revolution mitbeginnen, mitbezahlen zu helfen; wie ich mich freuen werde, wenn die Leute mich anklagen und doch beneiden werden, dass ich frei und fessellos ein schönes Liebesleben mit dir führe. Meine guten Eltern sind tot, ihnen mach' ich keine sorge durch dies neue, ungewöhnliche, darum verdammte Leben; mein Vermögen reicht hin nach den Wünschen unseres Herzens zu verkehren, und nicht wahr, so schnell und sogleich wird dir nicht eine andere besser gefallen, mein lieber Valer – – in Paris bleiben wir zurück, wenn der Graf heimkehrt, und wir fragen um nichts, als dass wir einander gehören." Das gute Kind ist ein Engel, und ich bin überaus glücklich; ihre unverfälschte Seele, welche der Frohsinn vor allen Flecken bewahrt hat, schleicht mit liebenswürdiger Zudringlichkeit in alle Ritze meines Herzens und nistet sich fest – o, es ist eine freie göttliche Liebe, von der die Heiratskandidaten keine Ahnung haben. – Bald erfährst Du mehr, schreibe' bald, ob Hippolyt angekommen ist.

35. Kamilla an Valerius.

Es ist sehr garstig, sehr garstig und ungezogen von Dir, dass Du Deine dummen Stadtgeschäfte nicht schneller abmachst und länger, als Dir erlaubt war, ausbleibst. Alberta ängstigt sich um Dich, das tu ich zwar nicht: Du bist ja ein starker Mann, der im gewöhnlichen Lebensgange den harten Nacken nicht brechen wird; aber komm Herz, Seele, Gedanke meines Lebens, ich lechze nach Deinem Auge, nach dem Druck Deiner Hand; hätte ich nur eine Wange von Dir da, um mein heiss Gesicht darauf zu drücken. Bis gestern abend war ich doch eigentlich sehr heiter, ich sass lange auf Deinem Zimmer, naschte in Deinen Papieren herum und sang Deine Lieder; ich fand es sogar schön, Dich einmal