und wollen in einigen Monaten nach Paris kommen. Die romantische Ungewissheit mit Kamilla hat sich in die reizendste klarheit aufgelöst. Wir sassen in den ersten Tagen ihrer Ankunft auf der Plattform unter dem Zelt, dessen Seitenwände wir aufgeschlagen hatten. Es war gegen Abend, der Himmel rot, die Erde duftete in Wollust. Ich sah glücklich ins Land hinein und stand mit untergeschlagenen Armen neben Kamilla, welche die Gegend zeichnete. Alberta stand auf der andern Seite und sang, den Kopf an die Säule des Zeltes hinauslehnend, sang ein Wanderlied des lieben Wilhelm Müller. Kamilla sah von Zeit zu Zeit auf und hing ihre innigen Blicke an mein freudestrahlendes Auge. Es küssten sich unsere Seelen. Die Nachtigall schlug in Albertas Gesang. Auf einmal kehrte sich diese um, küsste Kamilla, reichte mir die Hand und sprang hinweg, um zu musizieren – der Gesang, sagte sie, sei ihr zu wenig, sie müsse die Töne, die in ihr herumwogten, ausströmen. Ich setzte mich neben Kamilla und sah bald auf ihre Zeichnung, bald in ihr Auge. Ich fühlte es, dass ich im Begriff stand, unsern Dämmernebel zu zerreissen. Der Mann ist darin immer plumper als das Weib, er trachtet in seiner Nüchternheit mehr nach bestimmten Formen, er ist griechischer, das Weib romantischer, christlicher. Das reine Weib liebt jahrelang ohne Worte, der Mann nicht soviel Monate. "Kamilla," sprach ich leise – sie ahnte, was kommen würde und bebte zusammen. "Valerius," fragte sie kaum hörbar zurück. Der Bleistift fiel ihr aus der Hand, sie neigte sich danach und die Fülle ihrer Haare fiel ihr über Wange, Schultern und Busen. Ich ergriff ihre Hand, führte sie an meinen Mund und sah ihr bewegt in die Augen. Sie erwiderte den Druck meiner Hand nicht, aber die Tränen standen ihr im Auge, und als ich meinen Kopf an ihre Schulter in die herunterwallenden Locken drückte, da zog sie die Hand aus der meinen, und ich fühlte den weichen runden Arm um meinen Nacken, und ihre Träne fiel auf meine Stirn. Ich sah in ihr seliges Gesicht und sagte leise: "Kamilla, ich liebe Dich." Ihr leises Weinen ging in Schluchzen über, und ihr Antlitz an meinem haupt verbergend vernahm nur mein nahes Ohr die kaum hörbaren Worte: "Ich liebe dich unsäglich." Da sprang ich auf, hob ihr Gesicht in die Höhe, küsste ihr die Tränen vom Auge und drückte die weiche nachgiebige Gestalt fest an mein Herz. Sie lächelte jetzt wie ein Engel, und wir küssten uns und freuten uns unserer Liebe. Aller frühere Übermut, dieser reizende vielfarbige Knabe, kam mit diesem Geständnisse wieder über sie. Blöde und bescheiden vorher, war sie nun toll und ausgelassen. Aber rührend klagte sie mir, was sie damals gelitten, als sie Alberta im Garten an meiner Brust gesehen habe; mit neuen Tränen gestand sie, dass sie deshalb hinweggereist, und sie sah mich unsicher, schwankend, halb ungläubig von der Seite an, als ich ihr die Versicherung gab, sie sei im grössten Irrtume gewesen, und es habe zwischen mir und Alberta nie etwas anderes als ein freundschaftliches Verhältnis bestanden. Endlich hielt sie mir den Mund zu und sagte: "Ich glaube dir, aber sei kein roher Mann und lass Alberta nie etwas von unserem Übereinkommen in Liebe und Zärtlichkeit wissen – hörst du?" Ich versprach's mit Freuden. Durch die vielen Hindernisse unserer bürgerlichen Gesellschaft, durch die Polizei und die Strafgerichte, durch die Unsicherheit unseres ganzen Lebens, die Ungewissheit des nahen oder fernen Todes sind wir so furchtsame Wesen geworden, dass wir das Schönste, was wir besitzen, oft dann schon gefährdet glauben, sobald es nicht mehr unser Geheimnis ist. Die herzdurchdringende Liebe will keine andere wohnung als das Herz, sie flieht und hasst die Märkte – so ist ihre Jugend. Sie gleicht dem jungen Bürger in der hochund dumpfgebauten Reichsstadt, er schleicht aus dem strahlendsten Sonnenschein, der vor den Toren üppig seine arme um die Erde schlägt, aus der lebendigen Menschenmenge, die sich laut des Daseins freut, auf das düstere Stübchen seines Mädchens, und oben in der dunklen Einsamkeit sind beide froh, dass nicht Sonnenschein noch Menschenwoge zu ihnen dringt. Dies äusserlich aristokratische Absonderungswesen ist aller jungen Liebe eigen. Ich freute mich noch aus vielen andern Gründen über Kamillas Vorschlag. Ist doch meine öffentliche Liebe Sünde gegen Klara. Fragst Du mich, warum ich mein Klärchen nicht suche, da ich doch erfahren, sie sei noch frei und harre wahrscheinlich ihres alten Geliebten, so kann ich Dir nicht viel Tröstliches für die meisten Leute erwidern. Der Liebesharm ist eine süsse Krankheit, die mit dem schönsten Schmerz beglückt und mit reiferer Gesundheit endet. Der deutsche Liebesharm ist ein chronisches Übel, das Jüngling und Mann entnervt. Man muss gegen ihn kämpfen. Ich will nicht treu sein, weil ich die Treue zumeist für eine Sünde gegen unsern fort und fort rückenden Planeten und das, was darauf und daran ist, halte. Treue ist ein Schutzmittel für schwache, nicht ausreichende Kräfte; die Kräfte sollen aber am Ende stark werden. Solange man diese Krükken der Liebe nicht fortwirft, lernt man nicht selbständig lieben. Auch die Liebe verlässt sich in jener sogenannten Tugend auf das Herkommen und ruht aus auf einem hergebrachten Privilegium, statt auf eigener, unversiegbarer Kraft zu bestehen. Es ist ein Traditionsgut, wie jedes andere auch, die Länge