mich an die Haustür gestellt und der fortfahrenden Julia starr zugesehen, auf ihre an mich gerichteten Worte nichts erwidert habe. Es war die erste Totenstunde meines Lebens, und ich denke mit Grausen daran – der Tod ist ein garstig Scheusal, er ist der bare hässliche Gegensatz des Schönen. Es war ein trüber Regentag gewesen. Als ich noch an der Haustür des Hotels stand, brach plötzlich die Nachmittagssonne die Wolken und leuchtete mir in das starre Auge. Da wich mein Feind, der Tod, aus allen meinen Gliedern, ich fühlte wieder lebendig Blut in mir, meine Sehnen spannten sich, ich war auferstanden. Es fiel mir alles Lebendige, was ich gesehen, wieder ein. Juliens Abreise und ihre Schönheit – ich rief nach Pferden. Was kümmert mich der Tod! Was sind die Menschen dumm, mit diesem abscheulichen Zustande noch Gepränge und aufsehen vorzunehmen. Der gestorbene Mensch ist eine Sache, man bringe sie beiseit' so schnell als möglich. Wer sich mit einem Leichnam beschäftigen kann, die Seele mag ihm noch so lieb gewesen sein, ist ein verhärtetes unästetisches Leichenweib, ein Handwerkstotengräber. Ich will lieber selbst sterben als sterben sehen. Ich schreibe dies in einem andern Gastofe und warte auf Pferde. Die bunte Bastei mit ihrem Sonnenschein liegt vor meinem offenen Fenster; es ist aller Tod in mir überwunden, die Vergangenheit der vorigen Stunde liegt in tiefem, weit entferntem Nebel hinter mir. Mein Leben ist wieder lebendig – der Wagen fährt vor – Ade, mein Freund, ich fliege nach Paris, um Julien zu erobern. Ich werde sie erobern, müsst' ich ihr nachjagen durch alle Zonen. Soll ich auch noch die Sentimentalität lieben, diese Krücke der Schwäche, den Regenschirm beim Gewitterregen, der das furchtsame Gesicht vor Donner und Blitz versteckt, dies Liebäugeln mit dem tod! Bin ich hier um zu sterben oder um zu leben? Ist die Sonne, weil sie täglich einmal untergeht, zum Untergehen da? O ihr täglich sterbenden Menschen mit eurer Romantik und wie ihr die Fratze nennt, Blut und Wärme such' ich, ich suche Liebe und Julien – und damit Gott befohlen, Freund.
34. Valerius an Konstantin.
Hippolyt ist auf der Reise nach Paris, ihm kann ich nicht schreiben, Du wirst wohl in Deiner begonnenen Metamorphose noch soviel Gedächtnis übrig behalten haben, dass Du ein wenig Interesse an mir und meinen Angelegenheiten nimmst; ich will nichts über Staat und Kirche schreiben, mein Herz drängt mich aber zur Mitteilung, ich muss sprechen, muss schwätzen, höre mir zu. Sie ist wiedergekommen, Kamilla nämlich. Errötend trat sie mir entgegen, ein ganzer Morgenhimmel von Schamhaftigkeit glänzte auf ihrem liebreichen gesicht; damals wusste ich nicht warum, jetzt weiss ich's. Ich war spazieren geritten, als sie ankam; der Himmel war blau, die Sonne, das Auge Gottes auf dieser Erde, wärmend und freundlich in milder Liebe, die Lerchen sangen ihre jauchzendem Stosstöne der Freude, die Bäume mit Früchten beladen sahen wie glückliche Mütter freundlich drein in die helle Welt, ich schaukelte mich auf dem Pferde in gesunder fröhlicher Empfängnis all dieser Freuden, die der Schöpfer allen, auch den Ärmsten freigebig schenkt, die Weltgeschichte ging rosenfarbig an mir vorüber, ich hoffte das beste für die strebenden Menschen. In dieser Stimmung ritt ich langsam in den Schlosshof. Auf den Stufen vor dem schloss sah ich zwei Damen stehen und die eine – ich erkannte Alberta am weissen leuchtenden Gewande – mir mit dem Tuche winken. Kamilla war die andere, sie war eben angekommen. In meine glückselige Seele fiel ihr verschämter blick wie ein tiefsinniger Liebesgedanke Byrons, die ruhige Freude in mir, die wie ein glücklicher Vogel in den Baumzweigen sass, erhob plötzlich die Schwingen und flatterte jubelnd in die Höhe, die ruhige Freude in meinem inneren erhob sich zu einem Jauchzen über namenloses Glück. Ich sah plötzlich, dass ich Kamilla liebte. Sie reichte mir ihre schöne, weisse Hand, ich drückte sie innig an meine zuckende Lippe, ich sah aus meinem Glück heraus ihr tief in die feuchten glänzenden Augen bis ins Herz hinein, unsere hände vermählten sich, und die harmlose Alberta freute sich unserer Freude. Wir gingen in den Garten und spielten wie die glücklichen Kinder. Kamilla war weich, innig und warm wie ein Maiabend, und ihr Auge hing wie ein küssender Engel an meinen Blicken; sie war nicht wie sonst munter und ausgelassen, sie lachte nicht, aber sie sah wie ein Engel aus, der sich freut. Nur wenn mein Glück mitunter aufjauchzte, sprang ihr sonstiges hüpfendes Temperament aus ihr hervor, die Augen blitzten, alle Züge des Gesichts jubelten, alle Glieder hoben sich zum schwebenden Tanze, sie begann ein fröhliches Lied und tänzelte eine Strecke hin. Ich konnte ihr nicht sagen, was mir das Herz bewegte, denn Alberta ging nicht von unserer Seite. Wir schwärmten also in romantischer Ungewissheit den halben Tag in Garten und Wald umher, unsere Blicke sprachen von vollem Herzen, von süssem Glücke, unsere Lippen bargen die Schönheit der Welt. Hie und da schien mir ein Schatten über Kamillas Angesicht zu fliegen, wenn ich mit Alberta tändelte und mit dem lieben kindlichen Wesen kosende Worte wechselte.
Der Graf ist in der letzten Zeit unserer Einsamkeit wieder aufgelebt; an die Stelle des langweiligen Fips, der endlich seine diplomatischen Bestrebungen aufgegeben und seine Lenden gegürtet hat, ist sein bunter Marschall der Laune, Kamilla getreten. Wir leben wie die Engel,