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Ich werde wohl bald kommen, ich sehne mich sehr nach Euch und doch, liebe Alberta, ist es eine grosse Torheit, wenn ich zu Euch gehe. glaube mir's, ich bin recht übel daran. Hätte mir nicht die Fürstin mit ihrem klaren geist so manches von den Verhältnissen auf Grünschloss in einem andern Lichte dargestellt, als es mir erschienen war, ich wäre noch übler daran und käme nicht zu Euch, verzehrte sich auch mein Herz in sehnsucht. Frag mich nicht, was das für Rätsel sind, frag mich nicht, gutes Kind! Wenn einmal meine gute Laune wieder bei mir einkehren sollte, dann werde ich Dir davon erzählen, recht viel erzählen.

Tausend Grüsse für Euch alle und nun AdeAde! –

33. Hippolyt an Valerius.

Wien, im September.

Verachtete ich nicht die Trostlosigkeit, Freund, ich wäre trostlos. Hasste ich nicht die Reue, diese Schuldenmacherin bei der Zukunft, die unnützerweise Geld für die Vergangenheit leiht, ich finge an manches zu bereuen.

Ich trete in den Speisesaal und setze mich. Ein leiser Schrei meiner Nachbarin lässt mich genau in das halbverhüllte Gesicht sehenes ist Julia, die aufstehen und davoneilen will. Ich fasse krampfhaft ihre Hand und halte sie fest, sie kann nicht fort, ohne grosses aufsehen vor der zahlreichen Gesellschaft zu verursachen. Der Himmel weiss, was ich ihr in Glut und Wut der Liebe alles zuflüsterte, sie bebte wie ein Espenblatt, ihre Brust schlug hoch, das Gesicht brannte in Scham und Feuer. Da fielen ihre weinenden Augen wie fussfällig in die meinen, sie bat, wie eine Sünderin ihren Beichtiger um Hoffnung für die Seligkeit bitten mag, ich möge sie lassen. Noch eh' ich zu etwas entschlossen war, erstarrte ihre Hand in der meinen, sie lehnte sich an die Rückseite des Stuhls und war ohnmächtig. Ihre Augen blieben offen, kein Mensch ausser mir kannte ihren Zustand. Die Kellner präsenwilder Mensch hatte Lust, sich über das Ereignis zu freuen, und wollte eben die unwohl gewordene Dame auf ihr Zimmer bringen lassen, um die wieder lebendige in ihrer Schwäche zu erobern. Der alte stolze Hippolyt schämt sich dieses jämmerlichen Gedankens, aber die Liebe hat die alte Kraft zermalmt. In dem Augenblicke tritt ein Kellner zu mir und berichtet, dass eine Dame, welche im haus wohne, meinen Namen erfahren und mich fragen lasse, ob ich derselbe sei, welcher die Schauspielerin Desdemona gekannt habe. Diese liege krank in selbigem Hotel danieder, und wünsche sehnlich mich zu sprechen. In eine verödete Gegend meines Herzens schlug dieser Blitz und entzündete sie von einem Ende zum andern. Julia hatte sich erholt, ich führte sie aus dem saal, küsste sie auf das gebrochene Auge und flog davon, Desdemonas Zimmer suchend.

O was erlebte ich! Mein gestähltes Innere bog sich wie ein Baumzweig. Bleich, ein Bild des zerstörenden Todes, lag das einst so schöne Weib auf dem Lager. Die langen schwarzen Flechten hingen aufgelöst über Gesicht und Schultern und das weisse Nachtkleid herunter, die weichen Züge des Antlitzes waren spitz und schmerzhaft geworden; der Mund, sonst lieblich wie ein Liebeslied, war verzogen, nur das Auge mit seiner ewigen Liebe war derselbe Stern geblieben, der nur bei heranbrechendem Tageslichte matter schien. Sie sprach nichts, als ich eintrat, es schien sie gar nicht zu überraschen; als ich an ihr Bett trat, nickte sie kaum merklich mit dem haupt und lispelte: "Nicht wahr, Hippolyt, es kann mir doch niemand wehren, Dich zu lieben?" Die heissen Tränenja Freund, es waren heisse Tränen aus dem Kern meines Herzensstürzten aus meinen Augen auf ihre abgemagerte Hand: "Bist ja heute' so lang' bei der Fürstin gewesen" – sagte sie weiter, ein zweischneidig Schwert wühlte in meinem inneren – "Du hast mich heute' nicht gesehen und ich habe die Desdemona gut gespielt, so wie Du mich's gelehrt." Ich fühlte einen krampfhaften Druck in meiner Hand, sie holte tief Atem, der Mund war wieder Liebe und lächelte, das Auge strahlte alte Glückseligkeit, ich hörte noch leise, ganz leise die Worte: "Ach, wie lieb' ich Dich" – und Desdemona war tot. Lange stand ich unbeweglich, ich war auch tot. Des Kindes stimme, das an der Erde spielte, und plötzlich über sein Spiel aufjauchzte, erweckte mich. Die erstarrte Hand Desdemonas hielt die meine fest umklammert, ich konnte nicht los und wollte der Toten durch das Aufbrechen keine Schmerzen machen. Ich blieb noch lange stehen und suchte mit der freien Hand in all meinen Taschen herum, um eine Waffe zu finden. Ich wollte bei meinem weib bleiben. Meine Taschen waren leer. Da musste ich das Grässlichste tun und meine Hand gewaltsam von der toten Liebe befreien. Langsam ging ich nach der Tür. Das kleine Mädchen sah mich lächelnd an und bat mich, mit ihr zu spielen. Lange stand ich noch an der Tür und sah nach der lieben Leiche; dann ging ich und schloss die Tür leise; ich wollte mein Weib nicht stören. Dieses zuschlagende Schloss trennte mich von meiner innigsten Vergangenheit. Ich ging langsam den Saal entlang und sah nur in weiter Ferne, was dicht um mich her vorging. Damen in Reisekleidern schlüpften an mir vorüberes mochte Julia und ihr Mädchen seinich beachtete sie nicht. Man erzählte mir später, dass ich