Dein Valer. Schreiber dieses, der Prinz Zerbino aus der Provence,
schickt Dir ein ganzes Füllhorn Grüsse und Ent
schuldigungen, dass er seine Hand hat leihen müs
sen zu so herben Dingen.
29. Hippolyt an Konstantin.
Jag Deine Augen Karriere durch diese Zeilen. Sobald Du am Ende bist, eil an die Tore nach Deutschland zu, gib Aufträge, beschreibe, unterrichte, versprich Belohnungen – tu alles, um der Gräfin Julia, wenigstens ihrer wohnung, wenigstens der Nachricht habhaft zu werden, ob sie in Paris ist oder nicht. Dieser Brief kommt auf dem kürzesten Wege zu Dir, er reist gewiss schneller als eine Dame. Vor einer Stunde ist Julia abgereist; ich trat nach jenem törichten Geschwätz Leopolds, wobei wir vielfach stehen geblieben waren, gelacht, kurz die Zeit vertrödelt hatten, in den Schlosshof, und hoffte Julien verschämt aber liebevoll im Gesellschaftssaale zu finden – da fliegt Juliens Reisewagen über die jenseitige brücke, die vier Pferde wiehern wie hohnlachend und ziehen die Beute im gestreckten Trabe von dannen – alle Muskeln schwellen mir, ich starre wie ein zürnendes Steinbild hin, tausend Leidenschaften drohen mich zu zersprengen – da wendet sich ein Kopf aus dem Wagen; ich erkenne Julien, sie winkt Abschied mit dem Taschentuche. Da wird der Stein lebendig, ich fliege in den Stall, zum Satteln ist keine Zeit, werfe meinem Pferde den Zaum über, springe auf und jage ventre à terre der davoneilenden Beute nach – am nächsten dorf erreiche ich glücklich den Wagen, ich ruf' den Kutschern Halt zu, sie erhalten aus dem Wagen Gegenbefehl, Julia, die mich erblickt hat, erteilt den Gegenbefehl, mein Pferd droht unter mir zusammenzustürzen. Ich wollte in den Wagen springen, mit gerungenen Händen bat sie mich abzulassen, zurückzukehren. Ihr Gesicht schwamm in Tränen, sie schien immerwährend geweint zu haben – Hippolyte, toute mon âme Vous prie de me laisser partir, Vous m'assassinez en m'empêchant – das geschah alles noch im Trabe, ich schrie dem ersten Kutscher zu, ich erwürgte ihn, wenn er nicht Schritt führe – er tat's. "Julie, mon ange, pourquoi ça?" Sie reichte mir die Hand aus dem Wagen, sie war glühend heiss und bebte. Ich drückte sie an meine Lippen. "Vous me tuez, si vous ne retournez pas!" – Ach, das sagte sie mit einem blick, der mit seiner Rührung den Himmel gespalten hätte. Ich hielt mein Pferd still und blieb zurück. Da warfen die Kutscher ihre Pferde in Galopp – meine Wut erwachte, ich wollte die Schufte ermorden und jagte nach. Julia erhob sich händeringend im Wagen, neben ihr stürzte mein Pferd zusammen, ich hörte Juliens Schrei und Haltrufen, aber mein Stolz hob mich unter dem leib meines Pferdes in die Höhe; ich winkte ihr, fortzufahren – sie fuhr. Ich weiss nicht, wie ich zurückgekommen bin. Tu, wie ich Dich gebeten, bald siehst Du mich selbst.
30. Julia an ihre Mutter.
Du hattest recht, Mutter, als Du mir rietst, meinen Aufentalt in Grünschloss abzukürzen, Hippolyt würde mein Unglück sein. Er ist der schönste, gewaltigste Mann, den ich gesehen, wäre ich länger geblieben, so hätte er mich überwältigt, ob ich ihn deshalb je geliebt hätte, weiss ich nicht.
Gestern bin ich abgereist, weil es die höchste Zeit
war, ich gehe zum Vater nach Paris und schreibe Dir dies Billett aus dem ersten Nachtlager. Morgen mehr, liebe Mutter, ich bin todmüde. Fast eine Stunde lang bin ich im Wagen ohnmächtig gewesen – Hippolyt kam wie ein zürnender Gott hinter dem Wagen her und wollte mich halten. Ach Mutter, was hab' ich gelitten dabei. Ich gab ihm meine Hand, unendliche Wollust jagte sein Kuss darauf durch meine Sinne, aber mir war's, als hielte mich ein wilder Geist. Mein Mädchen, die etwas von unseren Gesprächen verstanden hatte, gab den Kutschern ein Zeichen, der Wagen flog davon, Hippolyt schrie auf, dass es mir Mark und Bein erbeben machte, er jagte uns nach, das Pferd brach unter ihm zusammen und stürzte auf ihn – Mutter, ich war zertrümmert, schrie Halt, wollte aus dem Wagen – ach – meine Kräfte hatten mich verlassen, ich war bewusstlos zurückgefallen, das Mädchen hatte fortfahren lassen. Sie erzählte mir, Hippolyt habe unverletzt geschienen, habe selbst uns fortgewinkt, sei aufgestanden und habe uns lange mit untergeschlagenen Armen dastehend, nachgesehen.
Ach, es war sehr traurig, liebe Mutter, und ich werde wohl lange nicht froh werden.
31. Alberta an Kamilla.
Ach, dass Du nicht mehr bei mir bist, meine arme geliebte Kamilla! O wie wollt' ich Dich küssen! Du wunderst Dich, dass ich nicht traurig bin, weil Du von der Fürstin gehört hast, Julia sei fort, und Hippolyt sei ihr spornstreichs nachgereist. Nein, meine Liebe, ich bin gar nicht traurig, ich bin recht still, aber recht ruhig, ja sogar glücklich. Der ganze Schwarm ist fortgeflogen; Du weisst, dass Konstantie William und Leopold mitgenommen hat, Graf Fips ist ein stummer Mann, wir haben nur den lieben kranken Valerius hier, und der ist mehr wert als alle.
Man sagt mir, ich sei in Hippolyt verliebt gewesen, und er hätte mich sehr unglücklich gemacht; das erste mag wohl wahr sein, ich glaube, es