ist, hat ihr richtiger Takt längst herausgefunden. Und allerdings ist er der einzige, der sich etwa noch zum Hofsänger qualifizierte. Sie behandelt ihn wegwerfend, und doch umstrickt sie ihn mit Aufmerksamkeit, während sie Leopold wie ein Kind behandelt, das man verhätschelt. Ob alles dies, vor allem aber ihre innige Teilnahme, die sie dem Valer an den Tag legt, Oppositionsgeist gegen mich ist, ich weiss es nicht; die Frau weiss die Anfangsfäden so schlau zu verbergen, ist bizarr und affektiert Bizarrerien, so dass man schwer zur richtigen Anschauung kommt.
Du merkst es wohl, dass ich aus Verzweiflung schwatze – umsonst hab' ich Julia gesucht, sie entzieht sich mir geflissentlich. Ich werde Schicksalstragödien lesen, denn ich glaube fast, das Schicksal der Liebe und des Weibes will sich rächen an mir durch dieses schöne Mädchen. Sie ist die erste, der ich meine Liebe nachtrage wie ein Bettler dem harterzigen Wanderer seine Bitte – und sie ist's gerade, die mich verschmäht. Ist mein Leben verdorrt, mein Blut vertrocknet, mein Geist versumpft? Wo liegt jenes Etwas, jener unerklärliche Hauch der Sympatie, der das verbindende Mittel ist zwischen den verschiedenartigsten Wesen, der sie zusammenzieht? Wo ist jene Elfenbrücke, wo sich des Mannes und Weibes Gedanken im Mondschein finden und miteinander buhlen, eh' Mann und Weib die klare Vorstellung davon haben, und die dann zurückhüpfen in die Tiefen der Herzen, ihre nächtlichen Geschichten erzählen und die Liebe stiften wie ein Gedicht? O ihr Elfenpoeten Julias und Hippolyts, wo seid ihr!
Sieh, es ist so weit mit mir gekommen, dass ich klarer, sonnenheller Mensch dem Mondscheingeheimnis der sentimentalen Liebe nachspüre, dass ich ein blasser Romantiker werde; wo ich früher nichts als das offene Walten der besten Kräfte sah, die sich nach Naturgesetzen anziehen, da such' ich jetzt mysteriöse Sympatie. Es ist weit mit mir gekommen. Ich bin wie ein überschwenglicher Mediziner; wenn seine Terapie nicht mehr ausreicht, da flüchtet er zu den sympatetischen Beschwörungsformeln. Weisst Du keine für meine Julia? O dass wir keinen Teufel mehr haben, dem ich mich verschreiben könnte für das liebreizende Mädchen! – –
Und doch muss ich über die lächerliche Szene, die sich neben mir begibt, lachen. Valerius hat den Provenzalen an den Schreibtisch zitiert, um ihm einen Brief an Dich zu diktieren; Leopold zappelt wie ein Böcklein, und möchte gar zu gern fort, aber Valers Auge und Wort fesselt ihn, er ist wie eine am Magnet hin und her rückende Stecknadel, die gern entweichen möchte, er sieht pudelnärrisch aus.
28. Valerius an Konstantin.
Meine Kräfte sind in diesem Augenblick zu geschwächt, als dass ich Deinen Brief sorgfältig einzeln und umfassend beantworten könnte. Es ist ein trüber Nebeltag, den Du mir geschickt, Freund. Jeder gewissenhafte Mensch zweifelt zuweilen an den Wahrheiten, die sein Leben leiten und zusammenhalten. Du bist in einer bedenklichen Krisis, und ich fürchte, die Jugend Deines Geistes und Herzens geht darin zugrunde; ich fürchte, Du wirst in kurzem ein alter Mann sein, die Jugend irrt allerdings mehr als das Alter, aber sie ist Poesie und Leben; ein grüner Irrtum ist schöner als ein vertrocknetes richtiges Wort. Jeder grosse Mann bringt Tausenden Tod, um Millionen Leben zu bereiten; der Haufen Toter, den der Kampf einer neuen Zeit um Euch aufhäuft, verengt Euch die Aussicht, Ihr seht nur den blutigen Tag, nicht das goldene Jahrhundert. Wenn uns die Jugend verlässt, so meinen wir, die Zeit müsse ebenfalls vollendet sein; wir verlangen, dass die Zeit in ebenso kurzen Schritten gehe als ein Mensch, ebenso schnell mit ihrem Leben zu Ende sei als wir. Der ist der grosse Historiker, der nicht nach dem Schlage des eigenen Herzens urteilt, denn wie zeitig schlägt ein menschliches Herz matt, sondern nach dem Herzschlage der geschichtlichen Epoche. Das Jahrhundert kommt wie ein Wandersmann mit zerrissenen, abgetragenen, schmutzigen Kleidern an dem Orte an, wo es sich neu kleiden, reinigen, säubern, umgestalten soll – ein Kleidungsstück nach dem andern wird abgeworfen, der unkundige Mensch geht vorüber, er hat es lebhaft gewünscht, dass jener Wanderer sich neu gestalten soll; aber er sieht die halb entkleidete schmutzige Figur, er entsetzt sich davor, nennt seinen Wunsch Frevel, verhüllt sein Gesicht und läuft heulend von dannen.
Du hast plötzlich vergessen, dass wir inmitten einer kritischen, zerstörenden, umwandelnden Epoche sind, in drei Tagen hast Du die Metamorphose vollendet sehen wollen – da dieser Glaube Dich getäuscht, wie er Dich täuschen musste, denn nicht in einer Nacht blüht die ganze Erde auf, läufst Du heulend und Dein Gesicht verhüllend von dannen. Dir spukt die Tagesund Wochengeschichte im Kopf, und die Weltgeschichte Deines Herzens hast Du vergessen, die in Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten schreitet, weil Dein Herz plötzlich zusammengeschrumpft ist.
Da das Handgemenge um die Freiheit begonnen hat, alle Triebe, Begriffe, Wissenschaften, Künste in dieses Handgemenge verwickelt sind, schreist Du mit schwacher stimme "Ordnung – Ordnung", und weil es nichts hilft, wirfst Du Dich weinend an den Boden. Kämpfe – der Kampf ist zur Kriegszeit der nächste Weg zur Ordnung.
Ermannst Du Dich nicht, erreichst Du nicht die Höhe des historischen Überblicks, wo die kleinen Störungen verschwinden, Freund, so bist Du in kurzem von der neuen Zeit geschieden, so bist Du bald eine Mumie.
– Ade, Konstantin –