und sprach mehr als gewöhnlich. Ich fasste ihren Arm, um sie zu führen; sie bebte zusammen, als meine Hand sie berührte. Mein ungeduldiges Herz duldete den Zwang nicht länger, es drängte mich stürmisch, das blühende Mädchen zu umarmen. Ihre klare, durchsichtige Haut war durch die Bewegung auf den Wangen gerötet; es war ein warmer Tag, und sie trug ein leichtes weisses Kleid, ein dünnes rotes Flortüchlein um den Hals, mit dem die Lüfte spielten, und das nicht imstande war, das schöne weisse Fleisch der runden Schultern und des jungen Busens zu verhüllen. Unter einem grossen Platanusbaume, der einsam unter den Kastanien stand und seine breiten Äste wie ein gefälliger Liebeshehler ausbreitete, hielt ich plötzlich im Gehen inne, schlang meinen Arm um das heisse strahlende Mädchen – sie wendete sich nicht zu mir und ich konnte nur ihre Seite an meinen glühenden Körper drängen. "Nicht so, Hippolyt," bat sie innig. Mein gerührtes Herz zerbrach die Sehnen meines Körpers, ich knickte zusammen und mein Kopf sank auf ihre Schulter. Ich fühlte ihre Hand in meinen Haaren und den Hauch eines Kusses auf meiner Stirn. "lebe' wohl, mein Freund," sprach sie und flog davon. An die Platane gelehnt, sah ich ihr schmerzlich nach. Das mag wohl etwas von Eurer sentimentalen Liebe sein, was mir mit diesem Mädchen gekommen ist; ich wüsste nicht, dass es mir je so ergangen wäre; meine Augen standen in Tränen.
Wie lange ich an dem Baume gestanden, weiss ich nicht. – Prinz Leopold kam aus dem Wäldchen hergeschlendert und weckte mich durch seinen Gesang. Es war eines jener leichtsinnigen deutschen Liebesliedchen, deren die Deutschen so wenig, die Franzosen soviel, die Spanier gar keine haben, in denen Liebe und Liebchen gutmütig verspottet werden. Sie sind die Kritik eines leichten Herzens. Er erzählte mir lachend, dass ihm der Pfarrer und der Förster soeben die Tür gewiesen. Sie waren dahinter gekommen, dass er ein Liebesverhältnis mit den Töchtern von beiden zu gleicher Zeit unterhielte. Der Pfarrer hatte dem Förster und dieser dem Pfarrer vom zukünftigen Schwiegersohne erzählt, und am Ende hatte sich's ergeben, dass sie beide denselben meinten. Darauf hatte ihn der Förster unsanft unter mehrfachen Grobheiten und Flüchen, der Pfarrer mit himmlischem Schwefel drohend unter salbungsvoller Rede jeder aus seinem haus gewiesen. Er war nämlich zuerst bei letzterem gewesen und hatte sich für solch' Finale rasch bei der Tochter des ersteren stärken wollen, war aber aus dem Regen in die Traufe gekommen. Dem groben Förster hatte er mit seiner Prinzlichkeit gedroht; das hatte aber den nur noch mehr ergrimmt. Hinter dem haus indes hatte ihm das gutmütige Försterröschen zum Abend um neun noch ein Rendezvous im wald versprochen, und als er auf dem Rückwege bei der Kirche vorbeigekommen, hatte ihm Judita, des Pfarrers Töchterlein, einen Abschied abends um elf unter dem Sturmdach der Sakristei zugesagt. Ich musste über unsern kleinen Detailhändler in der Liebe herzlich lachen. Wenn übrigens der kleine Aff' nicht wirklich der Sohn eines Prinzen ist, so glaubt er doch gewiss bald selbst daran – aus lauter Poesie. Es ist alles an ihm so Duft, Lüge, Traum, dass er am wenigsten darüber Auskunft geben kann, was von seinen Verhältnissen richtig und wahr ist. Ich glaube ihm nicht einen Vorgang, den er mir erzählt; deshalb klag' ich seinen lügenhaften Willen nicht an, er weiss es nicht besser. Jeden Vorfall sieht er mit tausend dichterischen Augen an, er kann nicht dafür, dass er unendlich viel Dinge zuviel sieht. Er hat nicht eine Ader vom Historiker und ein Paar Eimer Blutes zuviel vom Poeten.
Es ist lächerlich, was sich die Leute für Mühe geben hinter das prinzliche Inkognito zu kommen, selbst der Graf verleugnet seinen antizipierenden historischen Charakter und interessiert sich sehr dafür. William ist offenbar in der peinlichsten Verlegenheit, ob er seine frühere fanatisch-sittenrichterliche Rolle dem Kleinen gegenüber mildern oder aufgeben soll, es freut mich aber an ihm, er scheint doch soviel Stolz zu besitzen, dass er sich nicht ganz dazu entschliessen kann. Er knurrt und grollt wie ein Kettenhund, der aufgehört hat zu bellen. Fips ist sehr respektvoll gegen den Kleinen, und Konstantie betrachtet ihn so oft lächelnd, so ahnungsreich, sarkastisch und doch komisch gutmütig lächelnd, als sähe sie tief durch ein Gewebe – sie ist ein kluges Weib; Gott weiss, was sie hat, ich bin zu wenig neugierig, um mich darum zu kümmern. Wäre die Sache aber wichtiger, als sie's ist, so könnte sich das Tragische ereignen, dass die in Frage stehende person über das eigene Ich keine zuverlässige Auskunft geben könnte; denn ich bin fest überzeugt, Dichtung und Wahrheit ist in Leopold über seinen Prinzen bereits so ineinander geflossen, dass er am wenigsten entscheiden könnte, ob er ein Prinz sei oder nicht.
Die Fürstin hat irgend etwas vor, will irgend eine Komödie aufführen; sie lacht den William aus und protegiert ihn offenbar, und hat ihn ernstaft auf ihr Schloss eingeladen; sie lächelt spitzbübisch über Leopold und will ihn ebenfalls mitnehmen; sie achtet und scheut Valerius, und möchte ihn offenbar auch von der Partie haben. Ich glaube, sie fürchtet am meisten darum für sein Leben. Es ist ein schwer zu ergründendes Weib. An William will sie sich wahrscheinlich einen gläubigen, verehrungslustigen Lamartine erziehen, der sie in Oden und Liedern preist; dass er ein bedeutendes poetisches Talent