können, aber es ist ein Jammer, dass er über jeden Maulwurfshaufen fällt. Solch ein Wicht kann doch eigentlich auch nicht schön sein! Man sollte keine Statuen mehr machen, keine menschlichen Figuren malen, keine Heldengedichte und Dramata schreiben. Die ganze natur allein verdient so etwas, der einzelne Mensch aber nicht. Nicht das kleine Herz dieses Mädchens kann ich erobern – o, der Mensch ist ein Wicht und nichts weiter.
Valerius scheint die Hauptgefahr überstanden zu haben, indessen ist er noch keineswegs gerettet. Ist so was in Arabien erhört worden? Wie barmherzige Samaritanerinnen sitzen die Weiber um sein Lager herum und sprechen und lesen ihm vor. Selbst die stolze Konstantie fehlt nicht. Der Graf hat dem armen Kranken einen weichen seidenen Patientenanzug geschenkt, in diesem nun liegt Valer wie ein verwundeter Emir, dem die verrückten Kreuzfahrer hart zugesetzt, auf seiner Ottomane und lässt die Houris um sich tändeln. Ihm zunächst sitzt immer die sensitive Alberta, die meine Untreu in seine schönen Augen versenken zu wollen scheint. Meinetalben, das weiche, weisse Kind kann mich nicht ansehen, und nur Valers Nähe scheint sie zu stärken. Die Fürstin übertrifft mich; so gross hab' ich die Geschicklichkeit noch nicht gesehen, kein Gedächtnis zu besitzen. Nach jenem kurzen Wortwechsel über Desdemona schien sie lange Zeit sehr bewegt zu sein. Sie hat lauter stolze Laster, aber auch ihre ebenbürtigen Gegner: stolze Tugenden. Sie schien durch jene Nachricht von Desdemona sehr zu leiden, und von William, dessen Unterwürfigkeit ihrem gesellschaftlichen Sinne am bereitwilligsten entgegenkam, erfuhr ich, dass sie durch ihn die lebhaftesten Anstalten in Wien treffe, Desdemonas Wohl zu befördern. Der junge Pfaff sagte mir das triumphierend und mit scharfen Andeutungen mich anklagend. Ich wehrte ihm diesmal nicht: war ich ein guter Mensch, so liess ich jene heisse liebedurstige Seele nicht verschmachten und allein ziehen. Aber ich bin nur ein Mensch. Konstantie lässt sich oft stundenlang von William christliche Moral auseinandersetzen und scheint sehr aufmerksam zuzuhören; sie stellt eine Art Examinatorium mit ihm an, und legt ihm schwierige Fälle vor. William ist natürlich entzückt, seinen Kram so anzubringen und wird lächerlich hochmütig; solche Geduld ist ihm lange Zeit von verständigen Leuten nicht geworden. Die Fürstin schloss meist die gespräche damit, dass sie plötzlich kopfschüttelnd und lächelnd aufstand, vor sich hinsprach: "Ja, ja, das sind schlimme Dinge." Nur das Lächeln sah William nie, und er fiel natürlich heute aus seines himmels Wolken, als Konstantie die Sitzung mit den Worten aufhob: "Mein lieber Herr William, das ist lauter Büchermoral, die bestaubt aussieht in dem Sonnenschein, welcher in unseren modernen Zimmern lagert. Unsere Menschen sind nicht mehr die Vordersätze zu Ihren Schlüssen, die Dinge können also unmöglich zueinander passen. Es gibt eine Moral, die in die Poren des leichtsinnigen Burschen dringt; aber die holt man nicht aus dem grund eines alten abgestandenen Gewässers, man greift in die Fluten, in welchen jener leichtsinnige Bursch eben treibt; nicht in Syrien heilen kluge Leute den Pariser, sondern in Paris. Ihr Zeug ist langweilig wie alles Unzeitige." – Beim Zeus, es ist ein verständig Weib, und der blick, der mich in diesem Augenblicke aus ihren blitzenden Augen traf, erinnerte mich an jene Nächte neben der Bibliotek, an jene Herrscherblicke, mit denen sie mich regierte. Sie sah, was in mir vorging, und wie ein schneller Windstoss flog jene nächtliche Liebe über unsere Augen und Lippen. Wir hätten uns umarmt, wären wir allein gewesen. William stand so zerschmettert da, dass ich ihn das erstemal in meinem Leben bedauert habe. Die Fürstin hatte am Fenster gesessen, er vor ihr gestanden, Julia sass auf dem Sofa und hatte ein grosses Gemälde vor sich, nach welchem sie einen Teppich stickte. Ich sass ihr gegenüber am Tisch und erzählte ihr von Spanien, von der Einsamkeit der öden Strassen, von dem romantischen Zauber dieses Alleinseins und dergleichen; sie war freundlicher als gewöhnlich und liess zuweilen die Nadel ruhen, indem sie forschend auf mich hinsah. Dies träumerische Zuhören gab ihr einen so rührend unschuldigen, harmlosen Ausdruck, dass ich gar zu gern zu ihr gesprungen wäre. Ich wünschte Konstantien und William zum Henker. Bald darauf schloss sich das Gespräch, wie ich Dir erzählte. Die Fürstin ging und gleich darauf auch William. Julia ward unruhig und machte Miene, ihre Arbeit zusammenzulegen und aufzubrechen; sie scheint wie etwas Unheimliches das Alleinsein mit mir zu fliehen. Ich sprang zu ihr, drückte ihre Hand an meine Lippen und bat, wirklich schmerzlich erregt, so sanft als ich konnte, sie möge nicht so hart gegen mich sein, sie möge mich nicht fliehen. Einen Augenblick stand sie unschlüssig mit gesenktem Köpfchen, liess mir aber ihre Hand, dann sah sie auf, das wasser stand ihr in den Augen, der alte Hippolyt erwachte, ich wollte sie in meine arme schliessen; sie drückte mir aber die warme kleine Hand ins Gesicht, schüttelte weinend ihre Locken und ging nach der Tür. Wo hätte ich sonst das Abweisen eines Sturmes so ohne neuen Versuch hingehen lassen! Ich blieb starr und traurig stehen. Und dies schien sie zu ermutigen. Sie hatte schon die Tür in der Hand, als sie mit ihrer rührenden stimme sagte: "Wollen wir einen gang durch den Garten machen?"
Ich führte sie in eine dunkle Kastanienallee, die aus dem Garten in ein nahes Wäldchen führt. Sanft und mild war sie