dem, der die historische Entwicklung dieses Jammers mit angesehen hat. Man kann in einem neuen Rocke nicht so traurig sein wie in einem alten. Ich habe meinen alten, blutigen Kittel ausgezogen und fühle mich viel leichter und freier. Die Welt spricht von ihrer Universalrevolution, und dass die Luterische Revolution ihren Wendepunkt erreicht habe, und ich habe indes meine Spezialumwälzung vollendet; ich glaube, Ihr werdet nicht ermangeln, aus diesem äusseren Wechsel vielerlei zu schliessen. Hört, seit Monaten bin ich in die Nähe keines Weibes mehr gekommen, die Haare werden nicht mehr à la Caracalla gestrichen, seit langer Zeit bin ich nicht mehr trunken gewesen. Jetzt habe ich sogar das Wassertrinken gelernt, seit kurzer Zeit rauche ich keinen Tabak mehr. Demnach ist die Titulatur Falstaff antiquiert und gänzlich unpassend geworden. Mit diesen alten Gewohnheiten ist auch das vollblütige Phlegma von mir gewichen, und mir ist viel leichter dabei. Es ist wirklich ein grosser Unterschied, ob einem Bier und Wein oder Blut in den Adern fliesst. Ich tummle mich jetzt mitunter in den wahnsinnigsten Reimereien und nicht bloss der Reimerei wegen; mein früheres Schimpfen auf die blosse Form kommt mir jetzt platt vor, auch die blosse Form ist ein Leben, und ihre Seelenfäden sind dem geübtesten Auge sichtbar. Man muss das Auge üben.
Ich höre jetzt viel Musik. Das Werdende, sich Bewegende ist das Musikalische in uns, weil man es in seinem Zusammenhange nicht überblicken kann; darum, Freund, sind Revolutionen etwas so sehr Gewagtes, dem man sich nur in äusserster notwendigkeit hingeben darf; das Gewordene, Abgemachte, Plastische ist als ein ausser uns Liegendes immer in der Vergangenheit. Man übersieht es und kann leichter der Sache Herr werden.
So bin ich auch mit meinen religiösen Ansichten jetzt unzufrieden. Man sieht es solchen Byron-rationalistischen Ansichten auf hundert Meilen an, in welcher Unbehaglichkeit sie empfangen worden sind. Ich habe mich nun lange genug mit solchem Zeuge gequält: aber was ist das Ende vom lied? Man kann nun einmal alles Religiöse und dahin Gehörige nicht ins reine bringen, und was hätte man auch davon, wenn man es könnte? Eine Wissenschaft mehr und eine Welt von Gefühlen weniger. Ich habe den festen Entschluss gefasst, das Leben schön zu finden, und schon gibt es Stunden, wo ich es ganz erträglich finde.
– Manche Stunden gibt es indes noch, Freund, wo ich mir selbst mit meinen überaus vernünftigen Ansichten wie ein bei der Gewerbeschule angestellter Regierungsrat vorkomme. Ich habe an meinen Vater um Versöhnung und Vergebung geschrieben, und denke meine juristische Karriere wieder aufzunehmen. Meine Tollheiten in Paris kennt bei mir zulande niemand.
Was einem wohl das stete Ringen, Lesen, Denken, Rezensieren, Rezensiertwerden nützt? – Eben dass man ringt, denkt, liest usw. – dass man etwas zu tun hat, so wie das gemähte Gras wieder wächst, um wieder gemäht zu werden. Was verstehst Du unter einer zeitgemässen Religion? Die Religion einer jeden Zeit ist die zeitgemässe. Du räsonierst über die pfaffen, die sich so gemächlich in ihrem alten Dachsbau bewegen, und willst doch am Ende einen neuen detto anlegen. Sowie man über Religion spricht und schreibt, kommt gewiss etwas Verkehrtes heraus, was dem Sprechenden oder Schreibenden fremd ist; die Worte werden im mund verdreht. Es ist, als sollte man dergleichen nicht besprechen wie die nächste Wollschur oder Weinlese. Lieber Katolik als in der Religion Rationalist.
Lass mir nur etwas Zeit, ich werde' mich schon finden; der alte und neue Mensch wirtschaften noch heftig in mir. Du achtest ja jede Individualität, achte auch vorderhand meine tastende. Und bildet sich am Ende auch eine Dir entgegengesetzte heraus, gewähr' mir nicht nur Gerechtigkeit, ich weiss, das wirst Du immer, sondern auch Teilnahme. Ich werde bald nach Deutschland kommen.
26. Kamilla an Alberta.
Um Gottes willen ist es wahr, ist es wirklich, was ich eben im haus der Fürstin vernommen – Ludoviko hat den Valerius erschossen? O ich beschwöre Dich, fertige den Boten sogleich wieder ab, damit ich heute noch Nachricht habe. Ich stehe zwischen lauter Gräbern und will doch wissen, in welches ich springen soll. O Gott, meine Gute, ich kann nicht schreiben, weil ich nicht sehen kann vor dem Tränenstrome. Nein, nein, Gott wird seinen Liebling doch nicht von einem heissblütigen Tölpel ermorden lassen, dessen einzig Verdienst das heisse Blut ist. Armes Mädchen, was magst Du leiden. Ach es ist Unsinn! Der Mann, der noch soviel in der Welt zu tun hat, kann nicht erschossen sein von einem nutzlosen Menschen. Ist dieser Narr doch gar verrückt genug, mich hier auszukundschaften und meine Hand zu verlangen, während er mir auf die nächste Frage eingestehen muss, dass er Valerius niedergeschossen, und nicht wisse, ob er noch lebe. Und jenes Herz sollte still stehen – o wozu klappern die tausend unnützen dann noch weiter?! O Liebe, schreibe mir sogleich! Ludoviko ist schon auf dem Wege nach Berlin, um mich einzuholen – der Übeltäter soll in den Wind fahren, ich bleibe vorderhand hier – und meine gute Alberta, nicht wahr, Du schreibst sogleich – ach Gott, ich weiss nicht was ich sage, was ich will – ja, ja, Gewissheit nur, nichts weiter. –
27. Hippolyt an Konstantin.
Warum hat die natur den Menschen nicht grösser und stärker geschaffen? Über Berge mag er stolpern