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arme Kind sah recht blass aus; ich konnte ihr nicht helfen, ich konnte ihr auch nichts Tröstliches von Valer sagen. Auch Julia forschte ängstlich, und in der Hast des Fragens ergriff sie zum ersten Male meine Hand! Aber Valer rann durch alle meine Adern, ich fühlte nichts im ersten Augenblickeder Augenblick war kurz, das Blut ward wieder mein; da floh die Hand feig aus dem Kampfe. Die Fürstin tut verständig teilnehmend, das ist mir sehr widerwärtig. Graf Fips, der wie ein Stück Holz dabei steht, ist mir angenehmer. Alberta hatte die Kühnheit, ihren Vater um die Erlaubnis zu bitten, mit ihm den Kranken besuchen zu dürfen. Er hat es ihr zum Abende zugesagt. Ich habe es nicht verweigert, weil ich nicht glaube, dass es den Valerius aufregen werde; seine Klara würde' ich nicht zu ihm lassen. "Des Abends sieht ein Sterbender besser aus als beim Sonnenscheindas helle Leben des Tages kontrastiert zu grauenhaft mit dem heranziehenden tod; es ist natürlicher des Nachts zu sterben." –

Diese Worte des Grafen fielen wie Grabgeläut in unsere Herzenwir waren erstarrt. Ich hasse das Glockengeläut, ich hasse die Raben, ich hasse den Tod. Es wär' eine Dummheit der natur, wenn sie den Valerius sterben liesse.

25. Konstantin an Valerius.

Ich weiss es, Freund, Du wirst ausser Dir sein über meinen Brief, Du wirst mich dumm, albern, verrückt nennen. Vergib mir meine Albernheit, ich will wenigstens wahr sein und Dir alles geben, was sich mir durch den Kopf bewegt. Ich fühl' es, dass ich auf einer Grenzlinie angekommen bin und plötzlich ein anderer Mensch werde; ich fühl' es, dass Dir dieser neue Mensch weniger behagen wird als der alte mit seinen Fehlern. Aber gestatte mir, dass ich Euch allmählich alles, was sich in mir bewegt, darlege. Dass ich vielleicht mehrere Monate nur rhapsodisch zu schreiben imstande bin, kann Euch nicht wundern, wo soll ich die Ordnung hernehmen, da ich eben in eine Krisis trete, die nach Ordnung lechzt. Die Welt mit ihrer Unordnung ist mir plötzlich auf die Brust gefallen, ich will sie allmählich herunterwerfen, Gott weiss, was mir dann übrig bleibt. Ob ich reicher oder ärmer werde! Wenn auch ärmer, ich will aufräumen. Ich glaube Dir schon einmal etwas Ähnliches geschrieben zu haben, es ist nicht dasselbe gewesen, was ich jetzt denke, vielleicht ist das jetzige gerade der Antipode von dem früheren, vielleicht war jenes Abenddämmerung, vielleicht ist dies Reaktion und jenes war Revolution. Beide müssen Schutt wegschaffen, aber wahr bin ich immer, bei meiner armen Seele.

Über der Menschheit vergisst man jetzt gewöhnlich die Menschen, und in dieser Zeit der Brände, Kanonen und glühenden Reden ist es doch erbärmlich kalt. Die idee ist eine ganz schöne Sache, für fast alle zu gross, und sie bleibt immer nur idee. Vermählt sie sich nicht mit dem Individuum, mit der Gestalt, so ist sie so gut wie nicht dagewesen. Ach und das traurige erbärmliche Patos. Da bestrafen nun die Franzosen den Meineid ihres Königsgut, obgleich schlimm, sie betragen sich eine Weile vernünftigsehr gut. Nun kommen die allgemeinen Redensarten liberté, gloire usw. heran. Wer für diese hundsföttische gloire Leben und Glück von Generationen opfert, jeder noch so ruhmgekrönte Eroberer ist als solcher (unbeschadet seiner übrigen Grösse) gebrandmarkt und ehrlos. Ich will nicht hitzig werden, darum hör' ich auf, ich will nicht gemein und wütend werden, darum schweig' ich von der Journalistik. Gott, wenn sie doch erst so schlecht wäre, dass keiner mehr von ihr wissen wollte; aber nein, dazu müsste sie sehr gut werden.

Ja, in den ersten Tagen des August war ich noch ausser mir, als die Lafittesche Partei für den Herzog von Orleans warb, ich habe mit den Volksmassen das Stadtaus umlagert und mich heiser nach der Republik geschrien, ich habe neben Dubourg gestanden, als er dem neuen Könige drohte, es werde ihm ebenso gehen wie dem schlechten zehnten Karl, wenn er seinen Eid breche, ich habe die geballte Faust in dem Augenblicke gegen Ludwig Philipp erhoben, ich habe mit Dir durch die Strassen geschrien: "Man hat unsere Revolution konfisziert," ich habe mich und die Welt ermorden, in die Luft sprengen wollen, hätt' ich nur Pulver genug gehabt. –

Darauf verfiel ich in ein hitziges Fieber, und nach mehreren Wochen fand ich meine Besinnung und mich im Hôtel Dieu wieder. Als ich wieder auf den Beinen war, fand ich Paris in Ordnung. Ich dachte viel über die Ordnung nach und bin lange Zeit sehr kleinlaut gewesen.

Es ist wirklich ein grosses Ding um die Ordnung, mein Freund. Als kleiner Bube hatte ich einen Holzkasten, wo kleine Quadrate und Dreiecke geschickt ineinander gepasst waren; mein grösserer Bruder verstand das Zusammensetzen, aber er ging immer sehr vorsichtig zu Werke, wenn er die Teile auseinander nahm, ich wollte es ihm nachmachen und stürzte den Kasten um, aber ich kam nicht zustande und musste ihn zu Hilfe rufen; allein da alles durcheinander geworfen war, kostete es ihn viel Zeit und Mühe, und er schalt mich sehr aus. Mit dem Umstürzen des Holzkastens ist man sehr eilig.

Ich befinde mich übrigens im ganzen hier recht wohlin einem fremden Orte erträgt man seinen Jammer leichter als in