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ihn so, dass er es bequemer hatte, und er forderte plötzlich den zögernden Arzt auf, rasch ans Werk zu gehen, die Kugel herauszuziehen und ihm rund und bar zu sagen, ob es das Leben koste, und wie lang es dauern könne. Der Arzt schien ein Tölpel zu sein, machte dem armen Valer unsägliche Schmerzen, eh' er die Kugel fassen und herausbringen konnte, und zuckte dann, nochmals befragt, unsicher die Achseln. Ich stiess den Narren weg, nahm die Untersuchungswerkzeuge, und forschte sorgfältig, wie weit die Kugel gedrungen. Ich habe ja doch nicht umsonst mit Cuvier am menschlichen Körper die Lebensströmungen aufgesucht. Mein Bescheid war etwas tröstlicher. "Es ist Gefahr da, Valer, sie kann aber abgewendet werden, wenn du mehrere Tage ohne äusserliche und innere Bewegung still ruhest." – "Ich danke Dir, – sagte erberichte dem mann noch, dass er seine fanatische Wut aufgeben und versichert sein möge, er sei im Irrtum über mich und seine Schwester." – "Ich will lieber dem Hanswurst den Hals brechen." – Valer machte lächelnd eine missbilligende Bewegung; ich ging zum Grafen. Das ganze Haus war aufgeweckt und voll Besorgnis; die arme Alberta, das gutmütige Kind, hatte verweinte Augen, auch Gräfin Julia war da, und das schlimme Weib hat mich noch nie so angelegentlich um etwas gebeten als hier um Nachricht über Valer; selbst die Fürstin hatte sich eingefunden und stellte sich besorgt um unsern Freund. Der Graf begegnete mir und war auf dem Wege zu uns; der gute alte Mann haste geweint, und war in Todesangst um seinen Liebling, dem er bereits im Herzen alles Misstrauen abgebeten, das etwa die Anklage des Fremden erregt haben mochte. Ich teilte ihm Valers Auftrag mit; der Fremde war schon fort, er ist Kamillas Verlobter, und ist seiner entflohenen Braut nachgeeilt. Gott weiss, was der flüchtigen Kamilla durch den Sinn gegangen ist. Es hat mich gerührt, wie alle Domestiken schluchzend herankamen, um zu fragen, ob der gute Herr Valerius auch am Leben bleiben werde. Es ist mir immer bewundernswert an Valers eigentlich so vornehmem Wesen geblieben, wie demokratisch er die unter ihm Stehenden zu behandeln und dadurch zu fesseln weiss. Es ist nicht die niedrige Volksschmeichelei, die ich ebenso hasse wie das Speichellecken eines Hofrats, es ist das vertrauliche Zugeständnis, der andere habe dieselben Ansprüche wie er, und nur die Mittel, selbige geltend zu machen, seien verschieden, was dem Valerius soviel Herzen unter der Volksmasse gewinnt. Es wäre entsetzlich, wenn der Tod seine Krallen in das schöne Herz schlüge. Ich habe Valer sehr lieb. Selbst ein allzu sanguinischer Mensch brauche ich wechselnde Wogen und Stürme, aber mein Auge ruht aus auf meines Freundes Spiegelfläche des inneren Meeres. Ich bin gewiss, dass es ihm unsäglich viel kosten mag, so ruhig und geordnet zu sein, die Gedanken, die oft so wild und toll sind gleich den blutdürstigen Tieren der Wüste, also gezähmt zu haben, dass sie wie stolze zivilisierte Löwen und Panter vor seinem Wagen einhergehen, ich bin überzeugt, dass es seine besten Kräfte verzehrt, die umfassendste Revolution im Busen zu tragen und doch der Humanität keinen Augenblick zu vergessen. – Seine Gefahr hat das Unglaubliche vermocht: sie hat eine Pause in meiner leidenschaft zu Julia hervorgebracht, ich darf und will jetzt nicht an das Weib denken, nach dem mein ganzes Wesen sich breitet, wie der Sturmwind über die Fläche, die er bedecken, durchdringen, mit sich fortreissen möchte. Es ist nicht die gewöhnliche Koketterie in mir, dass mich ihr Widerstand doppelt reize; ich habe immer despotisch geliebt und nie danach gefragt, wie der Gegenstand meiner jedesmaligen Neigung mein Ich in sich aufnahm, wenn ich mich ihm näherte, ich weiss, dass Valerius recht hat, wenn er mich den fürchterlichsten Egoisten der Liebe und darum unmoralisch nenntaber ich weiss auch, dass ich diese schöne Julia mit den schwimmenden Herzensaugen, mit der ganzen im Morgentau der Jugend lüstern hin und her schwankenden Gestalt verfolgen werde durch alle Zonen, bis dies weiche Wesen meinen straffen Gliedern sich anschmiegt in Begegnung und Wollust. Ich werde – – nicht doch, ich werde nichts tun, bis Valers Gefahr abgewendet oderoder beendet ist. Es würde mich ein Totenfieber schütteln, wenn mir der liebe Mann von meinem Feinde, dem tod, entrissen würde. Ihr seid alle Trabanten, er ist ein Planet mit eigenem Lichte; ich bin sein Komet. Sein Anblick, ein Wort aus seinem mund, eine Zeile von seiner Hand sind mein Polarstern auf meiner grossen Seereise, ich würde mich den Wogen überlassen, ginge mir dieser Stern unter. – –

Er liegt still wie ein griechischer Philosoph mit seinen Schmerzen da. William liest ihm des Äschylus Prometeus vor; sein Zustand ist sehr bedenklich; wenn ich der Furcht in meinem Herzen den Zugang gestatten wollte, lieber Konstantin, so würde' ich fürchten, das schöne Herz Valers werde heute nacht still stehen. – – Leopold weint an seinem Bett still in sich hinein, Valers Hand ruht auf des Kleinen Lokkenkopf, er sieht nichts von den Tränen. Ich war eben unten im Gesellschaftssaalees war alles versammelt; ausser der Fürstin sprach man nur leise, es war wie in der Kirche. Zum ersten Male seit Julias Ankunft, wo ich sie nicht mehr küssen konnte, kam heute Alberta zu mir, als ich eintrat; das