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uns erwartet, opponierte der Fürstin in vielen Dingen. Er machte sie darauf aufmerksam, wie gerade jetzt das äussere Leben der Frauen in der Luft schwebe, wenn sie ihren einzigen Haltpunkt, die Ehe, aufgäben; wie nur die stärksten und edelsten Weiber einen Übergang zu besserem freierem Gesellschaftsleben dadurch bilden könnten, dass sie sich der Ehe nicht unterwürfen, die neuen Begriffe aber auf alle Weise unterstützten, weil nach der politischen Revolution die soziale vor den Toren läge, durch welche das Weib eine gesellschaftliche Stellung erlangen würde. Das Christentum habe das Weib nur zur Hälfte frei gemacht, es müsse es ganz werden; der jetzige Durchgangspunkt aber bringe wie jedes Ringen nach neuen Zuständen, wie alles Halbe sehr viel Unglück, und die Frauen müssten sehr auf ihrer Hut sein, da die öffentliche Meinung noch keineswegs soweit gebracht sei, Toleranz gegen sie zu üben. Die alten Verhältnisse seien wie die alte Kirche in Auflösung begriffen, die Rettung sei nahe, aber die Gefahr doppelt gross. Ich schreibe Dir diese Dinge aus meinem treuen Gedächtnis; ich verstehe wenig oder gar nichts davon, und sie würden mich wie alles Ändern beunruhigen, sähen sie nicht in dem Vortrage Valers so abgemacht aus. Die Fürstin protestierte feurig dagegen. Sie gab die eigentliche Auflösung der Ehe und Kirche in den höheren Ständen zu, fand die Auflösung vernünftig, verlangte aber das Beibehalten der alten Formen, welche die Gebildeten schützten und doch nicht beengten, der grossen Masse aber notwendig seien. Valer nannte das lächelnd Aristokratismus und gebrauchte den garstigen Ausdruck, dass auf diese Weise die Welt verfaule. Geschwüre müsse man aufschneiden, auch wenn es schmerze. Fi, – wie hässlich klingt das, und doch fällt es mir jetzt erst auf; im mund des Mannes klang's nicht so. Herr William, einer der hiesigen Gäste, verteidigte hart und unduldsam das Bestehende, und tadelte beide Ansichten, sie seien unchristlich und darum unsittlich, lösten das Fundament der Zivilisation und untergrüben die Grundprinzipien der Gesellschaft; sie seien die Ausgeburt des menschlichen Dünkels, welcher die Gotteit spielen und die ewigen gesetz umändern wolle. Die Menschen hätten zu hundert Malen versucht, das Christentum abzuschaffen, und seien immer zuschanden geworden; ihm verdankten wir alle Art von Bildung, und es heisse auf die Barbarei zurückdrängen, wenn man dergleichen Auflösung predigemenschlicher Verstand ordne keine Welt, der göttliche sei uns in Christo zu Hilfe gekommen, und es heisse Gott lästern, wenn man seine eigenen Institutionen verbessern wolle. Valer nahm das Gespräch gegen ihn auf; ich kann Dir's nicht wiederholen, weil es für mich zu gelehrt wurde. Die Fürstin lud beide ein, in einigen Wochen auf ihrem Lustschloss einzukehren, wo sich einen monat hindurch viel Gesellschaft zusammenfände. Es sei ein Gesundbrunnen in der Nähe, welcher Valers nicht ganz fester Gesundheit sehr zuträglich sein werde. Alberta sah aufmerksam und fast ängstlich drein und horchte. William nahm die Einladung sehr dankbar an, Valer schlug sie aus. Die Fürstin war verletzt. Alberta schien erfreut; wir trennten uns. – – Soeben ist der Graf aus der Stadt zurückgekommen und hat die wunderliche, aber wie er meint, zuverlässige Nachricht mitgebracht, dass sich unter den hiesigen Poeten ein verkappter Prinz aus einem sehr vornehmen haus befinde. Du kannst denken, welche Neugier diese Nachricht erregte; die Meinungen waren alle dafür, es könne nur Hippolyt oder Valerius sein. natürlich dauerte es auch nicht lange, dass beide aus dem fragen, Zischeln, Ausholen erfuhren, um was es sich handle. Hippolyt schlug ein tolles Gelächter auf und verlangte unanständig, man solle seinen Vater nicht verunglimpfen, der ein Mauleseltreiber in Katalonien sei. Valerius lachte ebenfalls und erklärte mit liebenswürdiger Offenheit, dass sein Vater ein schlichter Landgeistlicher mit vierhundert Taler Gehalt wäre und noch sechs Prinzen ausser ihm und zwei Prinzessinnen auferzogen habe. Die Gesellschaft war durch diese Erklärungen verstimmt, und die Fürstin fragte pikiert Valerius, ob es ihm so unangenehm sei, für einen Prinzen gehalten zu werden. Der abscheuliche Mensch antwortete sehr ernstaft "ja." Auf William riet wunderlich genug niemand, und obwohl man die Vermutung bei Hippolyt und Valerius noch keineswegs aufgab, so ging doch nun alles auf den sogenannten Provenzalen Herrn Leopold über. Dieser kleine hübsche Mann ist sehr wenig auf dem schloss zu sehen, er streift in der Umgegend umher und soll lauter demokratische Liebschaften anknüpfen. Seine Freunde wussten nichts über sein Herkommen, und dem einfältigen Valerius fiel es erst jetzt ein, dass er schon früher einmal von Leopold selbst etwas Ähnliches gehört, es aber vergessen habe. – –

– – Wir sassen eben nachmittags im Garten, als der Kleine von seinen Streifereien ankam. Er hat wirklich so etwas Apartes an sich, und ist so fein und niedlich, als sei er in Purpurwindeln gewickelt gewesen. Man fragte ihn; er tat verlegen, leugnete nicht direkt, gab nicht eben zukurz bestätigte alle in dem vorgefassten Glauben, und hat nun den immerwährenden Spott von Hippolyt, den Scherz von Valer zu erdulden. Jener nennt ihn nicht mehr anders als "Kleine Exzellenz!" Was mich anbetrifft, ich glaube, der Prinz steckt anderswo. O Mutter, rat' mir, hilf; Hippolyt überströmt mich mit feuriger Liebe; zuweilen komme ich mir wie die glückliche Omphale vor, zu deren Füssen Herkules ruht, und zuweilen wieder wie die unglückliche Proserpina, welche der Gott der Unterwelt bedroht und vom Lichte der Sonne hinwegreissen will.

O wie schmerzhaft ist mir diese