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gefährlicher Mensch. Wenn alles wahr ist, was man vereinzelt von ihm hört, so ist er ein solcher Ausbund von Lasterhaftigkeit, eine solche Grösse von Untugend, dass man versucht wird, ihn zu bewundern. Er weiss z.B. um Albertas heftige Neigung für ihn, er hat sie hingenommen wie ein angenehm Geschenk, und vom Tage meiner Ankunft an nicht die mindeste Notiz mehr davon gezeigt. Meinst Du nun aber, dass er in ihrer Gegenwart befangen, auch nur im mindesten befangen wäre? Gott bewahre; er unterhält sich harmlos, als ob gar nichts vorgefallen sei. Mich verfolgt er mit den feurigsten Versicherungen seiner Liebe; aber selbst in seinen Bitten liegt etwas Wildes, Herausforderndes. Der Himmel weiss, was die Fürstin gegen ihn hatte, sie nahm in der ersten Zeit ihres Hierseins unglaublich leidenschaftlich Partei gegen ihn, sie war immer so erregt, wenn sie von ihm sprach, dass ich eine Zeitlang glaubte, sie habe eine glühende Neigung in die Livree des Hasses gekleidetes war ein auffallender Anblick, diese stolze gewaltige Frau und den imponierenden Hippolyt einander gegenüber sitzen zu sehen: Konstantie sah ihm vornehm, fest, starr in die Augen, als erzähle sie ihm eine geschichte von seiner eigenen Nichtswürdigkeit; er gab die Blicke sprühend zurück und warf einen ganzen blitzenden Wolkenhimmel mit lauter Zerstörung und Verachtung in ihre Augen, der verächtlich heruntergezogene Mund sprach die Erläuterung jener fürchterlichen Blicke. So oft er den Namen Desdemona aussprach, war der Stolz der Fürstin gebrochen, ihre Schlacht verlorenes ist unverkennbar, dass sich die beiden Leute gekannt, und vielfache Beziehungen zueinander haben. Konstantie ist heftig, leidenschaftlich, sogar rachsüchtig, weil sie nicht nur eitel, sondern stolz istsollte es ihr vielleicht mit Hippolyt wie der armen Alberta ergangen sein! Ich will doch genau achtaben, oder Hippolyt selbst einmal fragenerinnerst Du Dich nicht, liebe Mutter, wie verwegen sie vorigen Winter in Berlin über dergleichen Dinge sprach, wenn sie des Donnerstags in unsere kleineren Gesellschaften kam? Ich habe mich immer vor ihrer Art zu lieben gefürchtet; ihre Neigungen sind ein glühender Sirokko, und sie passt eigentlich ganz zu Hippolyt. Die gute Alberta hat einige Tage unaussprechlich gelitten, jedoch es scheint mir wie eine hitzige Krankheit mit Heftigkeit, aber schnell vorübergehen zu wollen. Ihr zum Glück und uns allen zur Freude ist ein Herr Valerius hier, der auf alle den wohltätigsten Einfluss ausübt. Er ist der einzige, mit dem Hippolyt in seiner jetzigen leidenschaft, die aus allerlei Ingredienzien zusammengesetzt ist, redet. Ich glaube, Hippolyt hasst die Fürstin ebenso, wie er mich zu lieben glaubt, und wenn ich dem mann heute sagte, ich liebe ihn, so teilte ich wahrscheinlich in einigen Wochen das Schicksal seiner Verlassenenich will aber mein Schicksal mit niemand teilen, ich will mich durch nichts hinreissen, übereilen lassen, ich will nicht diesen Gefühlsaufwand, diese Stürme, diese Unebenheiten, dies unerspriessliche Geräusch. Liebe Mutter, ich bin meines Vaters Tochter, schilt mir nicht dies mein Wesen. Es macht diese innere Ordnung nur mein Glück. Könntest Du Dich mit mir hier umsehen, wie die Neigungen, Leidenschaften, Verhältnisse bunt durcheinander liegen, wie in einem ungeordneten Zimmer, Du würdest mit mir davor zurückschrecken. Solche Unklarheit, Verworrenheit meiner inneren Dinge ist immer ein Unglück für mich, das mich zu tod hetzte wie ein Gespenst. Darum lobte ich den Herrn Valer; fast alle lehnen sich an ihn, weil er allein fest zu stehen scheint. Es ist, als ob er mit Alberta in magnetischem Rapport stände, sowie er zu ihr tritt, schliesst sich die Blume ihres Schmerzes mit ihren Tränen, und das liebe Mädchen ist mild, sanft, ja manchmal sogar heiter. Er spricht sehr schön, nicht so glänzend wie Hippolyt, aber eindringlicher, gediegener; alle seine Eigenschaften sind nicht so blendend wie bei diesem, aber alle sind sicherer, fester, abgemachter. Ich liebe das sehr. Auch Graf Topf ist ihm sehr zugetan, und die Fürstin, welche ihn anfänglich ignorierte, weil er etwas sparsam in den Annäherungs- und Höflichkeitsformen ist, geizt jetzt förmlich mit seinen Gesprächen. Er schafft uns die einzigen heimlichen Abendstunden; wir sitzen auf der Plattform des Schlosses unter dem Zelte, sehen auf der einen Seite nach den fernen Bergen, auf der andern nach der nahen Stadt und dem Flussesspiegel, der zu ihr hinzieht; Hippolyt rastet selten lange dabei, sondern stürmt meist zu Pferd durch die Ebene, und Valerius bringt uns in das liebenswürdigste Geschwätz. Er hat zwar eigentlich selbst abscheuliche Grundsätze über Ehe, Staat und Menschen, aber er versteht es, das Wildeste geordnet vorzutragen, interessant, wünschenswert zu machen; die freien Dinge, welche Konstantie äussert, sind eigentlich bei weitem nicht so arg als die seinen, und doch klingen sie mir soviel greulicher. Es kommt vielleicht daher, weil sie mir unweiblich dünken. Die Fürstin verteidigt zum Beispiel den Genuss aller Vergnügungen, auch wenn sie nach unseren bürgerlichen Ansichten zu den verbotenen gehören. Sie hält z.B. die Ehe nur für eine Form, welche der äusseren Dinge wegen da sei, und namentlich den materiellen Besitz des Weibes sichere. Es wird mir unheimlich, wenn ich eine verheiratete Frau so sprechen hörewenn dergleichen verwirklicht werden sollte, so müsste ja ein trostloses Durcheinander entstehen. Valer, welcher die Frauen selbständiger gestellt sehen will, und wunderlich genug von den neuen verwirrenden Zeitbewegungen viel für