, das Vorrecht von Studenten und Soldaten, die es in Ermangelung eines besseren Kerns zum Mittelpunkte ihres Lebens gemacht haben, bei denen man keiner andern Eigenschaft bedarf, um für vollkommen zu gelten. Die besten Männer der Weltgeschichte dürften leichtlich nichts taugen, wenn man diesen Duellmassstab bei ihnen anlegen wollte, und doch ist es Mode geworden, selbigen Massstab an uns alle anzulegen. Sind wir nicht wie die Kinder? Wenn sich einer vor Dummheiten nicht fürchtet, so ist er ein tüchtiger Mann, vor Klugheiten aber Furcht zu haben, ein Dummkopf zu sein, das tut der Ehre nichts. Ich habe mich auf der Universität geschlagen, weil – nun ja, weil ich Student war; ich werde mich wahrscheinlich jetzt wieder schlagen, weil ich schwach bin, oder wenigstens nicht den Mut habe, allein stark zu sein. Aber ich will mich bessern, ich will mich an das Schreckbild gewöhnen, für feig zu gelten; es gehört ja doch wahrlich mehr Mut dazu, ihm ins Angesicht zu sehen als einer schmalen Kugelmündung. Wenn meine Besserung nicht so schnell vonstatten geht, dass ich schon meinen jetzigen Ausforderer heimschicke, so soll er doch der letzte sein, mit dem ich diese Narrheit treibe. Lass mich Dir's gestehen, dass meine Schwäche durch meine Umgebung gesteigert wird: der Adel sieht seinen Duellmut für eine Prärogative an, womit er seine andern Prärogativen verdiene; wenn ich ihm den Unsinn des Duells noch so klar beweise, so zuckt er doch die Achsel und schwappt sich auf den Bauch und spricht: "Man sieht's doch gleich" usw. – Unter den Indianern musst Du erst an den Götzen, welchen sie verehren, geglaubt haben, eh' Du ihnen beweisen kannst, dass der Götze ein Götze sei. Ich will noch einmal mich gläubig stellen, und dann auf offenem Markte das Götzenbild zertrümmern. Es ist ja doch gar zu lächerlich, jedem Laffen preisgegeben zu sein, sei's auch nur den Zeitpunkt betreffend, in welchem ich ihm zu Dienst sein muss. Man beschäftigt sich mit den höchsten Interessen der Menschheit und ist den alten Resten der Blutrache, dem faustrechtlichen Larifari unterworfen; man predigt auf der Kanzel und sündigt hinter der Kirche. Der Krieg im allgemeinen bleibt immer noch ein Akt der Barbarei, welcher wegen der Verschiedenartigkeit der Stufen, auf denen die Völker stehen, noch immer nicht abgeschafft werden kann; aber den Krieg im kleinen sollten wir doch wahrlich dämpfen können. Es ist eine ebenso grosse Dummheit, als wenn man den Kriegerstand den übrigen voranstellt. Ist es wohl schon jemand eingefallen, die Kanone mit Verehrung anzusehen, weil man damit eine Masse Menschen niederschiessen kann? Aber es ist der alte Rest der Eroberung, des Lehenwesens, der Barbarei, wo nur das gelten konnte, was grosse physische Gewalt entwickelte, was Furcht einflösste. Die Kultur beginnt mit Zerstören: man haut Wälder nieder, tötet die wilden Tiere – wollen wir denn immer im Beginn der Kultur stehen bleiben? Man lehre die Jugend, den Tod nicht zu fürchten, aber man lehre es auf eine zivilisiertere Weise. –
Die Fürstin hat viel Gefolge mitgebracht. Es ist ein buntes festliches Treiben hier eingekehrt, es geht alles geputzt, und doch ist niemand vergnügt – wir leben auf einem Totenacker, den man mit bunten Blumen beworfen hat. Hippolyt steht knirschend wie ein Todesengel da und ist vernichtend in Wort, blick und Gebärde. Ich habe ihn nie so beissend witzig, verständig, vornehm gesehen. Die kecke Fürstin richtet oft das Wort an ihn, er wirft Dolche statt Worte zurück. Gestern fragte sie ihn nach Desdemona. Mit einer fürchterlichen Kälte erwiderte er: Eine Schlange hat ihr Leben vergiftet und sie von dem Ort vertrieben, wo sie glücklich war – jetzt ist sie wahnsinnig. Konstantie erbleichte. Ich fragte ihn später, ob es grässliche Erfindung seines Grimmes sei. Nichts weiter, erwiderte er, und reichte mir einen Brief. Er war aus Wien und von Desdemona angefangen; sie schrieb mit herzzerreissender sehnsucht, ihre Liebe stand auf einer Höhe, vor der ich selbst schwindelte – die Fortsetzung war von einer uns unbekannten Dame, welche Hippolyt mitteilte, dass Desdemona in ein hitziges Fieber verfallen sei, und dass die Ärzte für ihr Leben und für ihren Verstand alles besorgten. Möge es Dir besser ergehen als uns. lebe' wohl.
22. Julia an ihre Mutter.
Wie es mir geht, meine liebe, liebe Mutter? Gut – schlecht – die Worte passen nicht dafür; unglaublich wunderlich. Für Augenblicke fühl' ich mich beseligt, ich schwimme in Blütendüften, und dann kommt wieder ein langer Tag unaussprechlicher Angst, kindischer Verzweiflung. So leiten die Dichter gewöhnlich ein, wenn sie ein verliebtes Mädchen einführen wollen; ich weiss, wie oft Papa darüber lachte, aber hier ist es doch ein wenig anders. Ein junger Mann, von aller Welt kurz Hippolyt genannt – er soll der Sohn eines spanischen Grand sein – macht mir auf eine beispiellose Weise den Hof. Sein stürmisches Wesen, mit dem er mich übereilte, hat mich tödlich erschreckt; was ich von der Fürstin Konstantie, die seit einigen Tagen hier ist, vernehme, was ich an der unglücklichen Alberta sehe, die ihn glühend liebt, und plötzlich von ihm verlassen ist, flösst mir ein Grauen vor dem Menschen ein. Und dabei ist er zauberhaft schön, beredt, liebenswürdig – ach meine liebe Mutter! dafür ist der Ausdruck erfunden: er ist ein