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allmählich in einen Früchteknoten zusammen, es entstand die Bildung, und sie stürzte den Adel, weil sie das Kriterium des Schwertes und der Ahnen vernichtete. Die Allgemeinheit ward vernünftig, und es wurde ein lächerlicher Begriff, auf eine höhere Stellung in der Gesellschaft Ansprüche zu machen, weil es die Vorfahren getan."

"Aber mein Gott," begann Graf Fips, "es muss doch ein Unterschied existieren." Er erhielt lange keine Antwort, weil jeder lachte. Das Gespräch schien abgebrochen, und der kleine Leopold knüpfte es spasshaft mit einer Antwort für Fips wieder an. "Allerdings," sagte er, "ein Unterschied zwischen Klugen und Dummen, und der existiert noch." Der Graf Topf schwieg. William aber erhob seine Stentorstimme und verteidigte das Mittel der Erinnerungen, was Tausende aufreize, besser zu sein, als sie ohne selbiges sein würden. Er sei nicht eben für den Adel, aber wenn man solches Verhöhnen alles Herkommens und historischen Rechtes zugäbe, so bräche das jakobinische Vernunftrecht unheilvoll über alles herein und nichts stünde mehr sicher. Ich erwiderte ihm, dass nichts bestehen solle, was nicht vernünftig sei, dass darüber kein Zweifel mehr obwalte und man nur über die Art und den Weg, alten Schutt wegzuräumen, uneins wäre. Die gemässigten Reformer wollten kein Privatrecht verletzen, um allgemeines Recht zu erzeugen. Der Adel selbst aber sei nicht einmal ein Privatrecht, sondern nur ein usurpierter Titel einer alten Gewalt, die Gewalt sei aber gestürzt, und ein König ohne Land sei ein Narr, wenn er sich noch König nennen und von Hofzeremonien umräuchern lasse. Der Adel sei für wahnsinnig zu erklärenfuhr Hippolyt fortwenn er noch in Generalsuniform einhergehen wolle, während er längst mit der grossen Menge in Reih' und Glied marschieren müsste. "Wollen Sie nicht 'schwach' sagen?" schaltete Graf Topf ein.

Du siehst, wie gereizt das Gespräch wurde. Ich versuchte einzulenken, und setzte hinzu: "Es ist aber auf der andern Seite etwas, was der Adel aus seiner Herrscherzeit behalten hat, und was wir ihm immer noch nicht haben gleich tun können, das ist die l e i c h t e Art zu leben. Er lebt geflügelter, freier, weil er sich hoch gestellt glaubt, seine Geschäfte sind ihm Nebensache, der Genuss des Lebens aber Hauptsache. Er weiss mehr zu geniessen, weil er mehr sucht. Die Mühen der Jahrhunderte, durch welche wir bis hieher gekommen sind, lasten noch lähmend auf unseren Schwingen. Der Adel hat keine Mühen gekannt, darum ist sein Wesen leichter, darum verfällt er nicht in den Irrtum, das Geschäft für den Zweck anzusehen, wie es z.B. unser Kaufmann tut. Der Adel lebt leichter, weil er von Jugend auf sorglos ist. Er kennt unsere Hypochondrie, die Krankheit der Mühe, nicht. Indes, der Sieg ist schon lang erkämpft, und die Not des Kampfes wird bald vergessen sein, dann erwerben wir auch diesen Vorzug, dann wird der Adel nicht nur getadelt, er wird verlacht werden, wie jeder bankerotte Kaufmann, der noch nach Goldstücken rechnet."

"Aber der Menschen Sinn trachtet nach Bevorzugung –" Hub Graf Topf an – "nur das moralische Streben bändigt ihn; unter den Siegern über die historische Klasse bildet sich wieder eine Aristokratie, die Phasen der geschichte sind nur ein Wechsel der herrschenden Klassen, aber kein Aufhören derselben; der neue Feind ist die Geldaristokratie, und wahrlich, meine Herren, sie ist noch platter und prosaischer, sie hat nicht einen Funken von Poesie, und gerade das Extrem des Adels, das trostlose Geschäft, schwingt sich im Gewande der Industrie auf den Tron; mir schaudert vor dieser neuen, bloss rechnenden herrschaft, wo die Herzen nichts mehr gelten."

Ich gab ihm recht und gestand zu, dass wir sehr auf der Hut sein müssten, uns den Sieg nicht stehlen zu lassen, den Sieg der Bildung. "Immer aber," fuhr ich fort, "ist das doch ein grosser Schritt weiter, wenn der Erbaristokratismus gestürzt ist, und wir vielleicht leider beim Geldaristokratismus angekommen sind, so ekelhaft dieser auch sein mag. Die nächste Morgenröte kann mir das Geld, einige Jahre können mir die Gelehrsamkeit, das Wissen bringenkeine Ewigkeit, kein Gott kann mir eine Vergangenheit, lächerliche Ahnen geben, wie sie der Adel verlangt. Und darin liegt das Fundament zukünftiger Zeit, die vielleicht jetzt in Frankreich beginnt. Alle Wege müssen offen sein zu allemnicht unbedingte Gleichheit, aber unbedingt gleiche Befugnis zu allem, das ist die Losung des neuen Jahrhunderts."

"Erbt nicht der Sohn des Millionärs auch die Million?" warf abgehend von meinem Schlusssatze der Graf ein. Hippolyt antwortete für mich: "Er kann sie morgen ganz oder zum teil verlieren, und sein Nachbar kann sie gewonnen haben. Sie können Ihre Ahnen nicht verlieren, kein Nachbar kann sie gewinnen, darin ruht der Widerspruch mit der neuen Teorie: alles muss für alle erreichbar sein."

Graf Fips meinte, ich hätte der feinen Manieren nicht erwähnt, die würden nach diesen barbarischen Ansichten ganz zugrunde gehen. Ich erwiderte ihm, dass ich die feinen Manieren allerdings für ein Produkt der Zivilisation ansähe, dass ich aber keineswegs an ihren Untergang ohne den Adel glaubte. "Manches von dem," fuhr ich fort, "was Sie, Herr Graf von Fips, so nennen, dürfte allerdings verloren gehen;