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zu bald sehr interessant. Der Graf war so unsicher, er fühlte so hin und her nach diesem und jenem an mir und Hippolyt, dass ich nicht weiss, wie ich Dir's beschreiben soll. Mir ward ganz heiss dabei, – es wurde alles so heiratlich, so bürgerlich ernstaft, dass mir bald kein Zweifel blieb, der Graf wolle unserem Weibertreiben ans Leben gehen. Ich konnte nicht klar heraustreten mit meinen Antworten, weil er es mit seinen fragen nicht tat und ich solchergestalt leicht eine Betise begehen konnte; indes liess ich ihn doch nicht undeutlich merken, wie diese ganze Wendung der Fahrt nicht in meinen Kram passe, mir sogar sehr unangenehm sei. Die Welt ist doch wahrhaftig eine so grosse Heiratskanzlei, dass man nur in ein Haus treten darf, worin ein weibliches Wesen wohnt, um beim Herausgehen Heiratsfragezeichen auf dem rücken zu haben. Wird nicht alle Geselligkeit dadurch zugrunde gerichtet! Sieh unser Schloss an, wie ist alles durch diese verzweifelte Einzäunung zerrissen, zerteilt! Graf Fips reist schon seit vierzehn Tagen ab und ärgert sich alle Tage dreimal, dass er noch da ist, und beschliesst zehnmal, morgen werde er reisen und immer nur einmal, dass er noch einen Tag warten wolle. Wenn die Sonne aufgeht, da ist die Erde unschuldig und der unglückliche Liebhaber hofft das Bestedieser Fips ist ein Maulaffe, aber er fühlt seinen traurigen Schmerz, einen Korb am Frackschoss zu tragen, so gut wie einer. Was ihm an Gefühl zur Empfängnis dieses Schmerzes fehlt, das ersetzt die Eitelkeit; ich glaube, er wartet bloss, weil er sich fürchtet, leer in der Stadt anzukommen. Leopolds leichter Sinn ist sogar gebrochen, er hinkt wie ein lahmes Füllen hinaus ins Feld; man ist ihm zu ernstaft geworden, sein Scherz erschrickt vor den verkauften oder verschenkten Augen, die keinen blick für ihn haben. Für ihn ist mir zwar am wenigsten bange; er ist wie der Flussreiher in der Fabel, er nascht am Besten herum, bis ihn der Liebeshunger drängt, mit einem Gründling vorlieb zu nehmen. Ich höre, er hat sich beim Pastor und Förster bekannt gemacht, und er tändelt wahrscheinlich bereits von der Waldmaid zum Gotteslämmchen. Aber William ist mir ein Greuel, seine eigene philisterhafte Absonderungswut rächt sich fürchterlich an ihm; weil er alles, die ganze reiche schöne Welt zu zwei und zwei abschachteln möchte wie in eine traurige dumpfe Arche Noäh, so ist er nun selbst ein verlassenes, trostloses Wesen. Seit sich Alberta so entschieden mit allen Kräften zu Hippolyt wendete, ist dieser William ein wahrer Cromwell, der alles malträtieren möchte. Er ist ingrimmig, grob, ungezogen, ja boshaft wie ein verwöhnter Knabe. Er ärgert alle. Das ist nun jene christliche Liebe, welche der Mann auf der Lippe trug. Weil er keine Freiheit kannte im Glauben und Gefühl, so weiss er nun auch keine zu gestatten. Er ist auch in der Eifersucht Fanatiker und Schwärmer; er ist sehr unangenehm. Es ist kein Schmerz in ihm, sondern Grimm. Ich selbst bin aus meiner Ruhe aufgestört, weil ich die fröhliche Kamilla täglich mit verweinten Augen sehe, weil ich kein heiteres Wort mehr von ihren Lippen höre, weil mich das gute Mädchen innig dauert und ich durchaus nicht weiss, was ihr fehlt. Sollte das unglückliche Mädchen etwa auch den Mörder Hippolyt lieben?! Nun sieh, was sind das für Dinge, was ist das für unnütze Verwirrnis, die das Leben unklar, unerquicklich macht. Ach, ich bin ärgerlich! Als gäb' es auf der Welt keine andern Beziehungen mehr als zwischen Mann und Weib! Ich bin der traurigen Kamilla selbst so gut geworden, dass ich in mir selbst Verwirrung fürchte. Und nun führt das Geschick die Gräfin Julia hieher, und das Haus wird ein Tollhaus. Ich will die Sache erst noch etwas reifen lassen, eh' ich Dir breiter davon spreche. Wir geben uns alle mögliche Mühe, wichtige, spannende, ja verletzende gespräche über allgemeine Gegenstände aufs Tapet zu bringen, sobald wir bei Tisch oder beim Tee alle versammelt sind, damit die grosse Spannung und Zerrissenheit der Gesellschaft zugedeckt werde. Höre eines derselben.

"Der Adel," nahm Hippolyt das Wort, "hatte eine in der ganzen Konstruktion der Gesellschaft begründete Stellung, er war ein integrierender, lebendiger teil des Staatslebens, mit einem Worte, er war Leben, als es nur Herren und Sklaven gab. Die herrschende Klasse, die aus den Anführern oder den Kriegern oder den Eroberern bestanddenn nur das Schwert war das Kriteriumwurde der Adel; er gestattete einem, Fürst zu sein, und hielte ihn nur so weit in Zaum, dass er seiner Teilnahme am Herrenrechte nicht zu nahe trete. allmählich machten sich aber die Sklaven durch ihre heranwachsende Masse, durch Erfindungen, durch Gelehrsamkeit geltend, das Schwert reichte nicht mehr ganz aus; da sprach der Adel die Vergangenheit um Hilfe an, er erfand die Stammbäume, die Ahnen; an die Stelle des Schwertrechts trat das historische. Der Vorzug des grösseren Besitzes machte es ihm noch lange Zeit möglich, eine höhere Klasse zu repräsentieren. Der spekulative Geist des Bürgers riss nach und nach einen grossen teil dieses Besitzes an sich, die Gelehrsamkeit wurde immer flüssiger, man fing an, die Bestandteile der Gesellschaft zu prüfen, der Adel war genötigt zu g l ä n z e n , weil sein Kern verdorrt war. Alle höheren Tätigkeiten des Menschen drängten sich