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Hippolyt mit ihr sprach, so schauerte sie in Liebeslust; ich hab' immer gefürchtet, sie werde ihm einmal öffentlich um den Hals fallen. Graf Fips lässt immer neue Krawatten und Fracks aus der Stadt kommen, ich glaube aber, er fängt allmählich an zu verzweifeln, wenigstens spricht er schon sehr lange von der Abreise. Er ist in einer sehr üblen Stellung, und ich bewundere aufrichtig die Schafsgeduld dieses Menschen, dies Treiben mehrere Wochen mit anzusehen. Uns bürgerliches Pack verachtet er natürlich im grund seines Herzens, und in Verzweiflung richtet er hie und da das Gespräch an den legitimen William, das ist der einzige Knopf seines Rocks, auf den er sich verlassen kann. Der Graf sucht das Gespräch immer allgemein zu machen, und das liebt Graf Fips nicht; die Unterhaltungen, welche er mit den Damen anknüpft, schnappen auch stets in grosser Geschwindigkeit ab; bei Hippolyt muss er befürchten, gar keine Antwort zu bekommen. Leopold, den er manchmal gern zum besten haben möchte, verwickelt ihn in poetische gespräche, aus denen er keinen Ausweg findet; mich hat er nie recht leiden mögen, nach einem neulichen Gespräch über Adel, seine Manieren usw., was ich Dir später mitteilen werde, hat er über mich unzweifelhaft entschieden; er läuft wie ein verlorener Gedanke aus vergangener Zeit unter lauter fremden Büchern herum, rückt seine Brille, zupft den braunen Frack in die Taille, ist ein Lassedas sind seine Vergnügen. Seit wir ein demokratisches Treiben bei Tisch vorgeschlagen haben, ist er ganz sprachlos. Man ass früher an langer Tafel, und in den Sitzen herrschte eine Art Rangordnung. Wir stellten dem Grafen vor, dass alles Schöne und Grosse rund sei, alle Ecken würden heutigentages abgeschliffenden Tag darauf speisten wir an einem runden Tische und setzten uns, wie's eben kommt. Der Graf hat sich nur ausbedungen, dass ich immer neben ihm sitze, und da wir immer zusammen schwatzen, so sitzt Kamilla fast immer zu meiner andern Seite, sie müsste denn böse auf mich sein. Sie ist ein sehr liebenswürdiges Wesen, hat viel Verstand, fasst sehr schnell und ist munter über und über. Du weisst, wie ich das liebe. Sie stellt sich zwar, als schnelle sie die Gefühle mit dem Finger fort, ich glaube aber aus einzelnen Gewitterschlägen ihres Wesens schliessen zu können, dass sie der tiefsten leidenschaft fähig ist, da sie zu den verschlossenen Gemütern gehörtverstehe mich recht: zu denen, welche alle Türen des Wesens offen halten, die innerste Herzenstür aber nur allein unter Tränen der schönsten Freude oder des tiefsten Leides öffnen, sonst aber so verstellen, dass man gar keine Tür ahnen, und alles an ihnen zu wissen glauben möchte. Da sie ein solch verstocktes Gemüt ist, so wird sie einst unendlich reicher als tausend andere beglücken können, aber auch unendlich glücklicher oder unglücklicher sein. Alle innersten Herzenskräfte harren nämlich noch ungeschwächt ihrer Befreiung. Sie ist hoch und sehr schön gewachsen und hat ein äusserst liebreiches Gesicht, lächelnde schalkhafte Augen, eine zierliche Stumpfnase, einen kleinen üppigen Mund, der viel schwatzt und lacht und blendend weisse Zähne zeigt. Ihr volles lichtbraunes Haar flattert in zurückgestrichenen Lokken in einen vollen, feisten, schneeweissen Nacken, der wie zum Köpfen gemacht ist. Ich nenne sie darum oft Ludwigs Frau, und erkläre ihren öfteren Eigensinn und ihre Hartnäckigkeit daher. Das tu ich oft, weil sie mich dabei immer auf den Mund schlägt. Wie ein bunter Vogel geht sie gekleidet; ich habe sie mehrmals darüber verhöhnt und bin deshalb von ihr ausgelacht worden, weil ich so wenig Farbenschönheit und Farbenverhältnisse begriffe. Und sie hat den Sieg davongetragen, hat sich mehrmals einfarbig gekleidet, und ich habe zugestehen müssen, dass es nicht zu ihrem bunten Wesen passe.

Noch an jenem Abende, wo Alberta so erregt war, dass sie mich fast mit ihrem Geliebten verwechselte, fand sie sich mit Hippolyt zurecht. Ich sah zufällig der Szene zu, es war wirklich ein artiges Bild. Neben dem grossen saal, wo wir oft sind, ist nur durch eine Glastür getrennt und mehrere Stufen tiefer das Gewächshaus, wo ein teil der Orangerie steht, der nicht Raum genug vor dem schloss haben oder vielleicht die deutsche Luft gar nicht vertragen mag. Ich suchte Kamilla, die sich nirgends sehen liessder Saal war leer; ich gehe bis an die Glastür und sehe in der Tiefe der südlichen Bäume Alberta sinnend und träumend die hände in den Schoss gelegt unter einem Feigenbaume sitzen. Sie sah wie Preziosa aus, die mit gebrochenem Herzen nachsinnt, ob ihr wohl Alonso aus Madrid nachfolgen werde. Da öffnet sich die Tür an der anderen Seite der Orangerie und einen Fandango singend kommt Hippolyt herangestürmt. Wie im Traum springt das Mädchen auf und hebt die arme. – Hippolyt, den nichts überrascht, fasst ihre hände, sie sinkt ihm an die Brust und umschlingt ihn; er hebt mit beiden Händen ihren Kopf in die Höhe und küsst sie. Die fremden Bäume und ich hinter der Glastür, wir sahen still zu; mal es aus das Bild.

Später.

Der Graf holte mich gestern vom Schreiben zum Spazierengehen ab. Ich bin sehr verdriesslich, Freund, über all die Dinge, die sich hier zusammenfädeln; es ist lächerlich, dass ich sie Dir erzähle, der Du auf dem Markte der Welt Dich herumbewegst. Aber ich denke, dieser Mikrokosmos soll Dich doch unterhalten, ich fürchte, er wird nur